Mit Vielfalt nachhaltig erfolgreich wirtschaften

Auf dem Landwirtschaftsbetrieb Knechtle-Permakultur von Nicole und Bernhard Knechtle in Weissbad stand bei einer WWF-Weiterbildung das Thema «Wirtschaftlichkeit dank oder trotz vielschichtiger Betriebszweige» im Fokus. Interessierte nutzten die Veranstaltung, um neue Impulse zu gewinnen.

Nicole Knechtle erklärt den Teilnehmenden den Kuhstall, der noch nicht ganz fertig gestellt ist.
Nicole Knechtle erklärt den Teilnehmenden den Kuhstall, der noch nicht ganz fertig gestellt ist.

«Dort, wo der Boden locker und luftig ist, wo die Karotte knorrig sein darf und die Birne nicht glänzen muss, wo Wurm, Maus und Schwein in alle Richtungen wühlen und ‚d’Goofe‘ Teil der Natur sind, dort leben und arbeiten wir. Für uns, für die Natur». So steht es auf der Webseite des Hofs Knechtle-Permakultur von Nicole und Bernhard Knechtle in Weissbad. Auf diesem vielfältigen Landwirtschaftsbetrieb fand kürzlich eine Weiterbildung des WWF zum Thema «Wirtschaftlichkeit dank oder trotz vielschichtiger Betriebszweige» statt. Die Veranstaltung richtete sich an Bäuerinnen und Bauern, die ihren Betrieb nachhaltig und zugleich wirtschaftlich erfolgreich führen möchten, sowie an alle, die sich für nachhaltige Landwirtschaft interessieren. Dabei wurde aufgezeigt, wie ein geschlossener Betriebskreislauf auch bei einer grossen Vielfalt an Betriebszweigen möglich ist und wie fruchtbare Böden die Grundlage für gesunde Lebensmittel und hohe Biodiversität bilden.

Im Vordergrund der Permakulturgarten, im Hintergrund das Wohnhaus und der Kuhstall, der sich noch im Bau befindet.
Im Vordergrund der Permakulturgarten, im Hintergrund das Wohnhaus und der Kuhstall, der sich noch im Bau befindet.

Nach der Begrüssung durch Mila Yong, Geschäftsführerin des WWF Appenzell, gab Nicole Knechtle einen Einblick in die Geschichte und Entwicklung ihres Betriebs. Nicole und Bernhard Knechtle führen einen der ersten Permakulturhöfe in Appenzell Innerrhoden. Ihr Hof ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie ökologische Vielfalt und wirtschaftliches Handeln Hand in Hand gehen können. Permakultur ist eine Form der Landnutzung mit dem Vorbild natürlicher Ökosysteme. Lang anhaltende Trockenperioden, übermässige Niederschläge und weitere Wetterextreme würden deutlich machen, dass ein Umdenken nötig ist. Landwirtschaft in Verbindung mit der Natur erfordere viel Wissen und Erfahrung. «Eigentlich arbeiten wir wie Bauern vor 100 Jahren, nur mit modernen Maschinen», sagt Nicole Knechtle.

Nicole Knechtle (rechts) mit Mila Yong, Geschäftsführerin des WWF Appenzell.
Nicole Knechtle (rechts) mit Mila Yong, Geschäftsführerin des WWF Appenzell.

Lebensräume schaffen

Nicole und Bernhard Knechtle haben, statt einer intensiven Landwirtschaft in der Bergzone, einen Neuanfang gewagt und unter anderem aus einem streng kultivierten Kräutergarten einen Permakulturgarten gebaut. Seit der Gründung ihres Betriebs Knechtle-Permakultur im Jahr 2022 mit sieben Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche bauen die beiden kontinuierlich weiter aus. Kuhstall und Ökonomiegebäude befinden sich noch im Bau. «Unser Ziel war es, einen Hof mit einem gesunden Wasserhaushalt, schattenspendenden Bäumen und windgeschützten Bereichen aufzubauen», erzählt Nicole Knechtle rückblickend. «Auch ein Mischkulturgarten mit Kräutern, Gemüse, Obst und Wildobst war Teil des Konzepts. Er sollte aber so angelegt sein, dass er sich trotz der Vielfalt mit landwirtschaftlichen Maschinen bewirtschaften lässt.» Es war ihnen von Anfang an klar, dass es mehr Bäume sein müssen, da die Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren fehlte. Ihnen war wichtig, Lebensräume zu schaffen und Vernetzungen zu ermöglichen, etwa durch Hecken, die den Wald miteinander verbinden. Eine solche Hecke pflanzten sie im Jahr 2021 in Zusammenarbeit mit dem WWF. Nebst der Hecke haben Knechtles mehr als 250 Bäume und Sträucher gesetzt, von Hoch- und Niederstammobstbäumen über Nuss- und Kastanienbäume sowie Holundersträucher bis hin zu standortgerechten Einzelbäumen wie Linde, Buche und Eiche. «Die orangefarbenen Früchte des Sanddorns setzen im Spätsommer leuchtende Farbtupfer», erzählt Nicole Knechtle, während sie auf das Wildobstgehölz am Hang zeigt.

Das Gemüse wird mit gehäckseltem Chinaschilf gemulcht.
Das Gemüse wird mit gehäckseltem Chinaschilf gemulcht.

Zwei schwarze Alpenschweine übernehmen auf dem Betrieb eine besondere Aufgabe. Mit ihrer kräftigen Rüsselschnauze durchwühlen sie den Boden und lockern ihn auf, fast wie ein Pflug. In der anschliessenden Fruchtfolge wachsen zunächst Kartoffeln, danach Futterrüben und schliesslich Getreide. Knechtles setzen beim Gemüsebau auf Mischkulturen. Durch gezielte Mischsaaten profitieren die Pflanzen voneinander und unterstützen sich im Wachstum. Zur natürlichen Bekämpfung von Schnecken im Garten kommen Hühner und Enten zum Einsatz. Das Gemüse wird mit gehäckseltem Chinaschilf gemulcht. Die Mulchschicht speichert Feuchtigkeit im Boden und unterdrückt das Unkrautwachstum. Beim Gemüsegarten haben Nicole und Bernhard Knechtle ein Hügelbeet angelegt. Das ist ein mit Holz, Pflanzenresten und organischem Material aufgeschichteter Erdhügel. Die Zersetzung im Inneren erzeugt Wärme und speichert Wasser, was das Pflanzenwachstum fördert und den Bewässerungsbedarf senkt. «Wir haben dafür Baumstämme aus unserem Wald verwendet, keine Tannen. Die Bodenwärme macht das Gemüse deutlich früher erntereif.»

Aus Kleinbetrieb wird Existenz

Das erste Rätische Grauvieh (ProSpecieRara) hat bereits Einzug gehalten. Der Stall bietet Platz für 30 Futterstellen. Er ist gedacht für zehn Mutterkühe, ihre Kälber und die Aufzucht. «Durch ihre kleine, kompakte und robuste Statur ist diese Rasse für Hanglagen gut geeignet. Die Tiere helfen uns mit ihrem Mist, wertvollen Dünger für die Kulturen herzustellen», erzählt Nicole Knechtle. Die Kühe sind in einem Kompoststall untergebracht, in dem sich pflanzliche Einstreu, Kot und Harn zu wertvollem Kompost zersetzen. Dadurch bleiben der Liegebereich trocken und die Tiere sauber. «Wenn die Schweine auf dem Feld einmal nichts zu tun haben, werden sie zukünftig beim Umwühlen des Komposts im Stall eingesetzt», erklärt Nicole Knechtle. Sie betont, dass ihre Schweine viel Gras fressen, wodurch das Fleisch mit Omega-3-Fettsäuren angereichert wird und geschmacklich fast an Wildfleisch erinnert. Von heute auf morgen konnten Knechtles im Jahr 2022 einen 80 Aren grossen Kräutergarten, fünf Autominuten von ihrem Hof entfernt, übernehmen. So wurde aus dem Kleinbetrieb plötzlich eine Existenz. «Glücklicherweise kannten wir jemanden in Appenzell, der schon Kräuter trocknete und mit uns zusammenarbeiten wollte.» Mit allen dazu gepachteten Flächen und dem eigenen Land bewirtschaften Knechtles inzwischen 15 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche.

Das Rätische Grauvieh ist im Kompoststall.
Das Rätische Grauvieh ist im Kompoststall.

Einst Gastwirte im «Aescher»

Zum Abschluss der Veranstaltung führte Nicole Knechtle durch ihren eindrucksvollen Kräutergarten, in dem mittlerweile auch Gemüse wächst. Die produzierten Nahrungsmittel werden am Wochenmarkt, direkt ab Feld und an die Gastronomie verkauft. Rund zwei Drittel des Gemüses werden im Rahmen einer solidarischen Landwirtschaft (www.der-kulturgarten.ch) angebaut, geerntet und an Depots verteilt.

Nicole Knechtle-Fritsche wuchs als Tochter einer Bergwirtsfamilie im Gasthaus Forelle am Seealpsee im Alpstein auf. Sie bildete sich in der Gastronomie zur kaufmännischen Réceptionistin aus. Später absolvierte sie eine Zweitausbildung zur Landwirtin. Zudem hat sie die Kräuterakademie abgeschlossen. Bernhard Knechtle ist ausgebildeter Metzger und Koch. Die beiden übernahmen die Pacht des Berggasthauses Äscher im Mai 2014 und führten es bis zum Ende der Saison 2018.

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