Traditions-Viehmarkt, wo der Handschlag noch zählt

Die Viehmärkte werden immer weniger. Die moderne Zeit scheint ihren Tribut zu fordern. Doch in Kaltbrunn gibt es ihn noch, jenen Ort, wo gehandelt, gefeilscht und am Ende per Handschlag besiegelt wird.

Am Kaltbrunner Jahrmarkt findet noch ein Viehmarkt statt.
Am Kaltbrunner Jahrmarkt findet noch ein Viehmarkt statt.

Das Dorf liegt in Dunkelheit gehüllt. Doch da und dort erwacht Leben. Es ist Markttag. Wie immer am Donnerstag nach dem ersten Sonntag im Oktober. Da werden Kleiderständer ausgeladen, dort wird Selbstgebasteltes hübsch drapiert und der Marroni-Mann heizt seinen Kessel ein. Eine Frau mit Kinderwagen schreitet mit grossen Schritten auf der ungewohnt verkehrsarmen Strasse. Sie wird etwas zu erledigen haben. Ansonsten wäre sie wohl kaum so früh aus dem Haus gegangen.

Ganz anders sieht es zur selben Zeit nur drei Gehminuten entfernt auf dem Grünhofplatz aus. Viehwagen stehen Schlange. Kühe und Rinder werden ausgeladen, bereits abgeladene Tiere gewaschen, andere bekommen ein weiches Strohbett. Soeben ist das Fahrzeug des Werkdienstes vorgefahren. Auf der Ladebrücke befindet sich mehr Stroh. Den Tieren soll es an nichts fehlen. Generell steht das Tierwohl im Fokus. Vonseiten des Veterinäramtes überwachen zwei Tierärztinnen das Szenario. Aus den Lautsprechern des Villiger-Wagens erklingt urchige Musik. Eine Kuh muht, eine andere gibt Antwort.

Die Messe vorverschoben

Bereits 1809 wird der Kaltbrunner Markt als der grösste der Gegend beschrieben. Es sei ein Markt, wo man italienischen Händlern Tiere von drei Viehschlägen anbietet. Besonders begehrt seien die weissgelben Kühe, «weil diese Farbe in der Lombardei am beliebtesten ist». So steht es, gemäss der Chronik über Kaltbrunn, in einem Kalender geschrieben.

Auch heute zählt der Kaltbrunner zu den grössten Viehmärkten der Ostschweiz. Der Ursprung des Jahrmarkts geht aber noch viel weiter, nämlich ins Jahr 1520, zurück. Das Rechnungsbuch eines Tuchhändlers, das sich im Stiftsarchiv St. Gallen befindet, belegt, dass der Händler am Jahrmarkt in Kaltbrunn ein Nördlinger Tuch (grober Wollstoff) verkaufte. Damals war noch die Rede von einer Kilbi gen Kaltbrunn. Gut 100 Jahre später wird der Markt erstmals als solcher erwähnt. Das Kloster Einsiedeln wies den Kaplan der Kaltbrunner Dorfkapelle an, den Gottesdienst am Michaelstag bereits am frühen Morgen und vor Beginn des Marktes abzuhalten, falls das Michaelsfest mit dem «Kaltbrunner Jahrmärcht» zusammenfalle.

Die Tiere werden am frühen Morgen vorgefahren.
Die Tiere werden am frühen Morgen vorgefahren.

«Furt isch furt»

Eine Messe wird im Jahr 2025 am Markttag nicht mehr abgehalten. Dafür prägt der stattliche Kirchturm das Marktbild. In den Strassen um ihn herum ist die anfängliche Ruhe längst munterem Treiben gewichen. Es wird geredet und gelacht. Manch einer nutzt die Gelegenheit und deckt sich mit neuen Hirtenhemden, Überhosen oder Dekoartikeln ein. Feilgehalten wird fast alles.

Auch der Viehmarktplatz füllt sich. Es ist 8.30 Uhr. Wer kaufen will, steht beizeiten bei den Latten. Ein Blüem-Rindli hat die Aufmerksamkeit eines Landwirts auf sich gezogen. Es ist schön gezeichnet, überhaupt ist es gut gebaut. Der Händler, den Zuchtbuchschein in der Hand, weiss das, setzt den Preis entsprechend an. Der Landwirt geht weiter. Nach fünf Schritten dreht er sich wieder um, schlägt einen neuen Handel vor. Diesmal will er alle drei Blüem, die nebeneinanderstehen. Am Ende geht es um 50 Franken. Der Landwirt streckt dem Händler die Hand entgegen. Der Händler zögert. «Dä häni nachher ja kei Blüem meh», so sein Argument. Kaum gesagt, ist eingeschlagen. «Furt isch furt», der Kommentar.

Vater und Sohn beim Kuhhandel.
Vater und Sohn beim Kuhhandel.

Eine eigene TVD-Nummer

Die urchige Musik im Lautsprecher verstummt. Dafür ist die Stimme eines Mitglieds der Marktkommission zu vernehmen. «Alle Viehhändler, welche die Begleitdokumente noch nicht abgegeben haben, sollen diese unbedingt beim Büro vorbeibringen», ist zu hören. Dann geht die Endlosschlaufe der CD weiter. Derselbe Jodel, immer wieder. Kaum jemandem fällt es auf.

Am Rand des Geschehens stehen zwei Tische. Es handelt sich um das temporär eingerichtete Marktbüro. Auf einmal stehen die Händler Schlange. Der Aufruf hat offenbar Wirkung gezeigt. Begleitdokumente werden gestempelt, gescannt und eingegeben. Der Kaltbrunner Viehmarkt hat eine eigene TVD-Nummer. Jedes Tier, das aufgeführt wird, muss registriert sein. «Wegen der Seuchen», erklärt die Tierärztin. «Sollte ein Tier von einer Seuche betroffen sein, müssen die anderen Tiere ausfindig gemacht werden, die auch hier waren.»

Wo Kaufinteresse vorhanden ist, ist auch das Begleitdokument zu sehen.
Wo Kaufinteresse vorhanden ist, ist auch das Begleitdokument zu sehen.

Nur noch einer aus Kaltbrunn

8.54 Uhr. Da stehen sie, die Mannen. Reden, feilschen und handeln. In tannigen Hosen, mit grünen Helly Hansen oder im mit Edelweiss bestickten Chütti. Der Chüeligurt ist omnipräsent. So auch die Tächlichappen. Im Mittelpunkt stehen die 259 Tiere, die von 19 Händlern ausgestellt werden. Einige Händler kommen aus dem Kanton St. Gallen, andere aus den angrenzenden Kantonen. Mindestens einer ist gar aus dem Bernbiet angereist. Weshalb die weite Reise? Die Antwort ist einfach. «Wir kommen schon viele Jahre und vor uns war der Vater des Chefs auch schon da.»

Nur noch ein Händler stammt aus Kaltbrunn. Ihm liegt der Markt besonders am Herzen. «Das ist Tradition. Dem müssen wir Sorge tragen», erklärt er. In unmittelbarer Nähe betrachten ein Bauer und eine Bäuerin ein Rind. Der Kaltbrunner Händler schätzt: «Bevor sie nicht zustimmt, kauft er nicht.» Das sehe man, wenn man genügend lange in der Szene aktiv sei. In der Tat findet sich dasselbe Paar nur eine halbe Stunde später an einer anderen Latte wieder. Der Händler redet, der Bauer schaut die Papiere an. Die Frau befindet sich im Hintergrund. Zahlreiche Wortwechsel später folgt der Blickwechsel des Bauern zur Bäuerin. Der Kauf wird besiegelt.

Es ist Markttag in Kaltbrunn. Die Leute kommen von überall her.
Es ist Markttag in Kaltbrunn. Die Leute kommen von überall her.

Jeder Zug hält an

13.25 Uhr. Der Viehhändlerplatz ist mit Menschen gefüllt. Auch auf dem Landmaschinenmarkt unmittelbar daneben sammeln sich die Marktbesucher. Beim Warenmarkt und bei den Kilbibahnen ist das Durchkommen längst erschwert. Bratwurst, Zuckerwatte, ätherische Duftöle und Kuhdung sind zu einer einzigen Duftwolke verschmolzen. An die 20 000 Besucherinnen und Besucher werden am Markttag erwartet. Gemeinderat Michael Wenk versichert: «Jeder SOB-Zug der vorbeifährt, hält an diesem Tag.» Er ist froh um diese Abmachung mit der Bahn. «Die Parkplätze werden je länger, je mehr zur Herausforderung.»

Damit der Markt reibungslos abläuft, haben bereits im Juni die ersten Sitzungen stattgefunden. Vom Marktchef über die Administration bis zur Feuerwehr: Es sind zahlreiche Verantwortliche am Werk. Mehrere 10 000 Franken kostet der Markt die Kaltbrunner. «Das ist viel Geld, doch wir sehen den Mehrwert für Kaltbrunn», so Wenk. Der Jahrmarkt ist Tradition, aber auch Identität. Da sind sich die Kaltbrunner einig.

Auf dem Viehmarktplatz ist zu dieser Stunde die Bilanz durchzogen. Der Tenor der Händler: «Es hätte besser laufen können.» Ob diese Antwort verbindlich ist, sei dahingestellt. Denn bekanntlich lassen sich Viehhändler nicht gerne in die Karten schauen. Eine Tatsache, die gleich alt ist wie die Viehmärkte und wohl so lange Bestand haben wird, wie es Viehmärkte wie in Kaltbrunn gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link