Güttinger Tagung betont Qualitätsdruck bei Obst
Die Apfelbranche steht vor grossen Herausforderungen: rückläufiges Konsumverhalten, immer strengere Auflagen und Regulierungen, Imageverlust und ein undurchsichtiger Labelsalat. Dies war an der Güttinger Tagung 2025 zu erfahren.

«Der Apfelkonsum ist rückläufig», betonte Marie-Theres Lütolf an der Güttinger Tagung. Die kürzlich pensionierte langjährige Verkaufsleiterin bei Inoverde sieht das veränderte Konsumverhalten, insbesondere bei der jüngeren Generation, als Hauptursache. «Wenn ein Apfel geschmacklich enttäuscht oder nicht die gewünschte Festigkeit hat, reklamieren die Leute nicht, sondern kaufen ihn einfach nicht mehr.» Ein weiterer Grund sei die Banalisierung. Der Apfel, der einst als paradiesische Frucht galt, war in der Antike Symbol für Verführung, Wissen und Gesundheit und sei heute nur noch eine gewöhnliche Frucht. Zudem klaffen Konsumentenerwartungen und landwirtschaftliche Realität auseinander. In einer «Red-Pop-Welle» gehe der Trend klar zu Sorten mit intensiver roter Farbe und süssem Geschmack.
Gleichzeitig erreichte die Rekordernte 2024 mit 64 500 Tonnen Äpfeln bei Inoverde historische Dimensionen. «Mit 7500 Tonnen hatten wir den grössten Lagerbestand in der Geschichte des Schweizer Bio-Kernobstanbaus», so Marie-Theres Lütolf. Um die Absatzmöglichkeiten zu verbessern, passte das Unternehmen, das Früchte, Gemüse und Kartoffeln von über 1000 Schweizer Produzenten aufbereitet und auf den Markt bringt, bereits vor der Ernte Qualitätskriterien an. Beim Braeburn wurde die Mindestgrösse erhöht, beim Gala die Festigkeit. Da Europa nur eine kleine Ernte hatte, was in diesem Jahr nicht der Fall sein wird, wurden bereits im November Äpfel exportiert. Allerdings teilweise zu nicht kostendeckenden Preisen.
Qualität ist wichtig
Trotz Kaufkraftverlust, insbesondere bei Clubsorten, existiert aber weiterhin eine anspruchsvolle Kundschaft, die für hohe Qualität auch höhere Preise bezahlt. «Das Mass aller Dinge ist die Qualität – wir brauchen Leute, die jeden Tag in den Apfel beissen», betonte die Verkaufsleiterin. Allerdings werde es für die Branche zunehmend schwieriger, den Apfel im Verkaufsregal herauszustellen. Druck- oder Rostflecken führten dazu, dass Äpfel nicht mehr als Tafelware verkauft, sondern industriell verarbeitet würden. Neben Qualitätsanforderungen belasten Produzenten auch wachsende Regulierungen, restriktive Pflanzenschutzregeln sowie internationale Handelsabkommen. So musste Schweizer Nüsslisalat untergepflügt werden, weil Importware aus Frankreich trotz Zoll günstiger angeboten wurde. In der Bodenseeregion verstärkt zudem der Einkaufstourismus den Druck. Die Leute fahren nicht wegen Äpfeln nach Deutschland, nehmen sie aber gleich mit, wenn sie dort beim Einkaufen sind.
Herausforderung Labels
Als grosse Herausforderung bezeichnete Lütolf den «Labelsalat». Produzenten, Lagerhalter und Abpackbetriebe bräuchten eine klare Positionierung der zahlreichen Labels. Auch sei mehr Ausbildung für Lager- und Verkaufspersonal nötig, da weltweit noch nie so viele Apfelsorten im Angebot waren. Der harte Wettbewerb um Marktanteile führe zu Preis- und Kostendruck bei Produzenten und Lieferanten. Dadurch werde ein Strukturwandel in der Landwirtschaft unvermeidlich und Betriebe müssten sich weiter professionalisieren. «Es braucht stabile Rahmenbedingungen und faire Preise für jede Stufe der Wertschöpfungskette», fasste Marie-Theres Lütolf zusammen.

Pneumatische Entlaubung
Im Anschluss an das Referat informierten sich die rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Güttinger Tagung auf einem fachlichen Themenparcours über aktuelle Forschungsarbeiten im Obstbau. Samuel Cia von Agroscope und Produzent Stefan Anderes präsentierten die pneumatische Entlaubung im Apfelanbau, die zur besseren Ausfärbung von Tafeläpfeln beiträgt. Bei Entlaubungskosten von rund 700 Franken pro Hektare lassen sich je nach Sorte Mehrgewinne von bis zu 10 000 Franken pro Hektare erzielen. «In anderen Anbaugebieten ist das längst Standard», erklärte Samuel Cia, der den Sommerschnitt bei Apfelbäumen allerdings höher bewertet als die Entlaubung.
Projekt Fruchtwickler
Julien Kambor stellte sein Projekt zum Kleinen Fruchtwickler vor, der auch auf dem Versuchsbetrieb in Güttingen Schäden verursachte. Auf dem Versuchsgelände von Agroscope in Wädenswil führte er Beobachtungen zur Phänologie durch und testete sowohl Pflanzenschutzmittel als auch die Verwirrungstechnik. Der chemische Wirkstoff Emamectinbenzoat zeigte lediglich eine mittlere Wirksamkeit von 60 bis 70 Prozent. Bei einem Befall von rund drei Prozent reicht diese Wirkung nicht mehr aus. Vorteilhaft ist jedoch, dass das Mittel Ohrwürmer schont, die im Obstbau wichtige natürliche Gegenspieler der Blattläuse sind. Das biologische Insektizid Spinosad erwies sich mit einer Wirkung von 90 Prozent als effizient, kann jedoch ebenfalls Ohrwürmer schädigen. «Der Einsatz ist deshalb nur in Ausnahmefällen zu empfehlen», betonte Julien Kambor. Betriebsleiter Patrick Stadler, der nach 20 Jahren den Güttinger Versuchsbetrieb verlassen wird, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu widmen, ergänzte: «Seit drei Jahren hängen wir pro Hektare 500 Rosso-Dispenser auf und haben im ersten Jahr zusätzlich Nebenbehandlungen mit dem chemischen Insektizid Afirm durchgeführt.»
Kambor hob hervor, dass die Verwirrungstechnik mit dem biologischen Pflanzenschutzmittel Isomate OFM Rosso zwar sehr selektiv sei und Nützlinge schone, jedoch nicht immer zuverlässig wirke und die höchsten Kosten verursache. Er zog das Fazit, dass es an selektiv wirksamen Pflanzenschutzmitteln zur Bekämpfung des Kleinen Fruchtwicklers mangelt. Als Hoffnung äusserte er, kurzfristig auf bessere Zulassungen und langfristig auf mehr Grundlagenforschung für Lösungen gegen weniger beachtete Schädlinge wie den Kleinen Fruchtwickler setzen zu können.

Einblick Applikationstechnik
Am dritten Posten gaben David Szalatnay vom Strickhof und Marlis Nölly vom Arenenberg Einblicke in die Applikationstechnik. An einer Obstspritze wurden Stoffbändel an die Düsen gehängt, um die Strömungswinkel des Luftstroms sichtbar zu machen. Szalatnay zeigte zudem, wie sich mit dem Spritzmitteltest «UView» unter Verwendung einer fluoreszierenden Flüssigkeit und der Smartphone-App «DropSight» eine präzise Analyse der Pflanzenschutzmittelausbringung sowie eine quantitative Bestimmung der Sprühabdeckung auf Pflanzenoberflächen durchführen lassen. Die Blattproben werden dabei im speziell für die UV-Fotografie entwickelten Fotolabor «LeafLab» ausgewertet und die Abdeckungsrate berechnet. Marlis Nölly ergänzte, dass sich der Spritzmitteltest auch mit dem Tonerdepräparat Kaolin in vereinfachter Form durchführen lasse. Untersuchungen haben gezeigt, dass steile Strömungswinkel nicht nur das Abdriftrisiko erhöhen, sondern auch zu einer schlechteren Benetzung der Blattoberseiten führen. Verbesserungen lassen sich durch höhere Gebläsetürme oder die Nutzung aller Düsen ohne Abschaltung des oberen Sektors erzielen. Die einfachste Lösung wäre eine Reduktion der Baumhöhe, was allerdings dem aktuellen Trend entgegensteht. Auf dem Festgelände rundeten zahlreiche Informationsstände zu obstbaulichen Themen sowie eine Maschinenausstellung mit Sprüh- und Entlaubungsgeräten den Parcours ab.
