BVAR-Januartagung behandelt «Digitale Landwirtschaft»
Cyberkriminalität macht auch vor Bauernhöfen nicht halt. Die Januartagung des Bauernverbands Appenzell Ausserrhoden vom 15. Januar 2026 widmete sich den Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Landwirtschaft. Experten zeigten den Bäuerinnen und Bauern, wie sie ihre Betriebe vor digitalen Angriffen schützen können.

Es ist vier Uhr morgens. Der Piepton des Handys reisst den Bauern aus dem Schlaf. Auf dem Display erscheint die Nachricht: «Ihre Daten wurden verschlüsselt. Wenn Sie weiter melken wollen, zahlen Sie.» Ein Klick ins System – nichts tut sich. Im Büro flackert erst der Bildschirm, dann wird alles schwarz. Im Stall herrscht Chaos. Der Melkroboter hat seinen Dienst eingestellt, die Kühe drängen nervös gegen die Abtrennung. Kein Alarm, keine Fehlermeldung – einfach Stillstand. Schlechter Scherz oder bitterer Ernst? Ein weiterer Blick aufs Handy genügt: Das ist kein Defekt, das ist ein Angriff.
Auf dem Hof laufen heute fast alle Abläufe digital. Fütterung, Lüftung, Tierdaten, Buchhaltung, alles hängt an einem System. Mit einem Schlag zeigt sich, wie abhängig der Betrieb von Daten, Passwörtern und Netzwerken geworden ist. Und wie hilflos man ist, wenn jemand von aussen die Kontrolle übernimmt. Dieser Thematik widmete sich die Januartagung des Bauernverbands und der Landfrauenvereinigung Appenzell Ausserrhoden. Wie können Bäuerinnen und Bauern verhindern, dass aus einem digitalen Zwischenfall ein existenzielles Risiko wird?
Brennpunkte der Landwirtschaft
Bevor die Referierenden auf das Tagungsthema eingingen, begrüsste Bauernpräsident Beat Brunner die zahlreichen Bäuerinnen, Bauern und Gäste im Saal des Hotels Krone in Gais, unter ihnen Regierungsrat Dölf Biasotto. Wie jedes Jahr berichtete der Vorsteher des Departements Bau und Volkswirtschaft über aktuelle Themen aus der Landwirtschaft. Für Verunsicherung sorgt derzeit vor allem PFAS, eine wegen ihrer Langlebigkeit als «Ewigkeitschemikalie» geltende Schadstoffgruppe. Noch ist offen, wie stark die Landwirtschaft tatsächlich belastet ist. Darüber soll an einer Medienkonferenz Ende Februar informiert werden, an der erste Ergebnisse der zurzeit freiwilligen PFAS-Untersuchungskampagne vorgestellt werden. Biasotto informierte zudem, dass Förderbeiträge für Photovoltaikanlagen ab 1. September 2025 nur noch zu 50 Prozent mit Kantonsmitteln aufgestockt und bis Ende 2027 ganz zurückgefahren werden.
Digitale Landwirtschaft im Alltag
Die Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Landwirtschaft erläuterte Thomas Anken, Agronom und Gruppenleiter Digitale Produktion bei Agroscope. Auf seine Frage «Wer hat heute kein Handy in der Handtasche oder im Hosensack?» ging kaum eine Hand nach oben. Eine Umfrage bei 896 Landwirtschaftsbetrieben zeigte, dass nur 6,8 Prozent mit der Digitalisierung überhaupt nichts am Hut haben. «Digitalisierung hat viele Gesichter», betonte er. Entscheidend sei, was auf dem Betrieb Geld bringe, Zeit spare und im Alltag Sinn mache. Anken hat den Weg der Digitalisierung über Jahrzehnte miterlebt und mitgeprägt. «Der erste Melkroboter kam vor rund 30 Jahren in die Schweizer Ställe, heute sind es etwa 3000 Anlagen, die hierzulande im Einsatz stehen.» Anhand verschiedener Beispiele zeigte Anken, wie stark die Technik die Arbeit auf Feld und Hof bereits verändert hat. Er erklärte KI-gesteuerte Kameras, die in kurzen Abständen Bilder der Pflanzenbestände aufnehmen, sie per Mobilfunk an eine Plattform senden und dort Wuchs, Krankheiten und Schädlinge beurteilen lassen. Drohnen überwachen die Felder, erfassen Unkraut und Schädlinge gezielt und helfen so, Pflanzenschutzmittel zu sparen. Im Stall kommen Kamerasysteme und Sensoren zum Einsatz, die Tiere scannen, ihr Verhalten und ihre Gesundheit rund um die Uhr überwachen und frühzeitig Alarm geben.
Gleichzeitig präsentierte Anken digitale Werkzeuge, die den administrativen Aufwand im Büro reduzieren, damit mehr Zeit für andere Arbeiten bleibt. «Natürlich hat die Digitalisierung auch ihre Schattenseiten», wandte er ein. Dazu zählen mögliche Strahlenbelastung, Folgen von Stromausfällen, hohe Kosten, neue Formen der Kriminalität sowie Startschwierigkeiten bei der Umstellung auf neue Systeme. Doch der Fortschritt lasse sich nicht bremsen. «Packen wir die Chancen, statt Probleme zu suchen», gab er den Teilnehmenden zum Schluss mit auf den Weg.

Zunehmend in digitaler Welt
Die Kriminalstatistik der Schweiz zeigt ein alarmierendes Bild. In einem Jahr wurden insgesamt 458 549 Straftaten registriert. In den meisten Fällen geht es um Diebstahl, Betrug, Gewaltdelikte und andere schwere Straftaten. Die Täter agieren in der realen, zunehmend aber auch in der digitalen Welt. Straftaten gehören zum Berufsalltag von Ernst Zellweger. Der Kriminaltechniker bei der Kriminalpolizei Appenzell Ausserrhoden kennt die Zahlen, die Muster, die Täter und die Opfer. Auch im ländlichen Appenzellerland ist man vor Diebstahl, Telefonbetrug, Cyberkriminalität und Trickbetrügereien nicht gefeit. In seinem Referat machte er die Bäuerinnen und Bauern darauf aufmerksam, was Kriminalität heute bedeutet, wie sie sich schützen können und wo sie Hilfe bekommen, wenn doch etwas passiert. Seine Empfehlungen sind: vorsichtig, aufmerksam und misstrauisch sein, keine privaten Informationen weitergeben, keinesfalls auf Geldforderungen eingehen. Der gesunde Menschenverstand schütze oft wirksam vor Betrügereien, betonte Zellweger. Auch wenn sich noch viele dagegen sträubten, sei bargeldloses Bezahlen heute die sicherste Methode gegen Diebstahl.
Die Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden hat eine Broschüre mit kriminalpolizeilichen Empfehlungen herausgegeben. Parallel dazu informiert die interkantonale Fachstelle Kriminalprävention (SKP) mit Kampagnen, Infoblättern, Flyern und Blogbeiträgen über kriminelle Phänomene, Präventionsmöglichkeiten und Hilfsangebote. Ernst Zellweger riet abschliessend, diese Angebote zu nutzen – denn Vorbeugen sei bekanntlich besser als heilen.

Schutz vor digitalen Gefahren
Was 1990 auf einer Diskette in eine feuersichere Box passte, umfasst heute eine gigantische Datenmenge, die vor einer Vielzahl von Gefahren geschützt werden muss. Wenn Daten von Feld, Stall und Büro alle an einem System hängen, kann ein Stromausfall oder Cyberangriff für Landwirte existenzbedrohende Folgen haben. Die Zahlen sind alarmierend: Wäre Cyberkriminalität eine Volkswirtschaft, läge sie beim Bruttoinlandprodukt auf Platz drei – hinter den USA und China. Diese Dimension zeigt, wie dringend der Schutz vor digitalen Angriffen geworden ist.
Unternehmen und Privatpersonen bei der Datensicherheit zu beraten und passenden Versicherungsschutz anzubieten ist die Aufgabe von Rolf Buri von der Mobiliar Generalagentur Appenzell Ausserrhoden. Versichert werden können beispielsweise Missbrauch von Zahlungssystemen, Internetbetrug, Abofallen, Persönlichkeitsverletzungen, Behebungskosten und Cybererpressung, wobei zwischen Eigenschäden und Fremdschäden unterschieden wird. «Damit im Falle eines Falles der Schutz auch greift, braucht es regelmässige Back-ups der Daten, ein Antivirenprogramm, eine Firewall sowie Updates», betonte Buri.
Den Hinweis quittierten nicht wenige mit einem verlegenen Lächeln, wohl wissend um ihr diesbezügliches Versäumnis. Buri riet den Landwirten, individuell zu prüfen, was für ihren Betrieb sinnvoll sei. Die Kosten von jährlich 300 bis 500 Franken seien auf jeden Fall tiefer als die Folgekosten eines Cyberangriffs.
