Weintourismus als Rettungsanker

Während der klassische Weinabsatz zunehmend unter Druck gerät, entwickelt sich der Weintourismus weltweit zu einem der wichtigsten Wachstumsfelder in der Weinbranche. Die Schweiz hat dabei noch viel ungenutztes Entwicklungspotenzial, wie der Branchenverband Deutschschweizer Wein am Weingipfel 2026 thematisierte.

Das Weinfasshotel Rüdi in Trasadingen ist ein Leuchtturmprojekt im Schaffhauser Blauburgunderland.
Das Weinfasshotel Rüdi in Trasadingen ist ein Leuchtturmprojekt im Schaffhauser Blauburgunderland.

Der Weintourismus stand im Fokus des diesjährigen Weingipfels des Branchenverbands Deutschschweizer Wein (BDW), wobei mit der Bergtrotte im schaffhausischen Osterfingen auch ein weintouristisches Leuchtturmprojekt als Veranstaltungsort ausgewählt wurde. Das altehrwürdige Gebäude aus dem Jahr 1584 inmitten des Rebbergs ist ein Ort der Begegnung, in der Jahrhunderte alte Handwerkskunst und kulinarischer Genuss aufeinandertreffen. Mit rund 25 Besuchern fand diese Infoveranstaltung allerdings eher im familiären Rahmen statt. «Die Weinbranche steht vor grossen Herausforderungen», betonte BDW-Präsident Martin Wiederkehr. Der weltweite Weinkonsum befindet sich in einem strukturellen Abwärtstrend und ist im Jahr 2024 auf den niedrigsten Stand seit 1961 gesunken. Ursachen sind veränderte Konsumgewohnheiten, steigende Preise, zunehmendes Gesundheitsbewusstsein und wirtschaftliche Unsicherheiten.

Die Folgen für die Weinbranche sind sinkende Absatzmengen, starker Preisdruck und zunehmende staatliche Marktinterventionen. «Der Weintourismus stellt hingegen eine stabile, weniger konjunkturabhängige Einkommensquelle dar», sagte Wiederkehr. Der Genusstourismus mit Schwerpunkt Wein verbindet Landwirtschaft, Gastronomie, Hotellerie, Regionalentwicklung, Kultur- und Landschaftsschutz und hat sich in den letzten 20 Jahren von einem Nischenprodukt zum globalen Wachstumsmarkt entwickelt. Kulinarische Erlebnisse, authentische Regionalprodukte, nachhaltige Reiseformen und Kundenkommunikation gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Ungenutztes Potenzial

Internationale Untersuchungen verdeutlichen, dass der Weintourismus auf einem Weingut im Durchschnitt 20 bis 35 Prozent vom Gesamtumsatz generieren kann. Der klassische Weinverkauf beträgt durchschnittlich 60 bis 70 Prozent vom Umsatz und weitere fünf bis zehn Prozent werden aus ergänzenden Bereichen generiert. In starken Weinbauregionen wie im Napa Valley in Kalifornien, in der Toskana oder an der Kap-Region in Südafrika werden mit dem Weintourismus bis zu 45 Prozent vom Gesamtumsatz erzielt. In der Schweiz wird der Umsatz durch den Weintourismus lediglich auf fünf bis zwölf Prozent geschätzt und hat noch ein erhebliches ungenutztes Entwicklungspotenzial.

Die überwiegend klein strukturierten Betriebe produzieren auf einer gesamten Rebfläche von rund 14 500 Hektaren jährlich bis 100 Millionen Liter Wein. Hohe Produktionskosten, strenge Umweltauflagen und ein durch den Import verursachter Preisdruck erschweren eine kosteneffiziente Produktion. «Der Weintourismus ist für die Schweiz eine wirtschaftliche Notwendigkeit», betonte Wiederkehr und erklärte, dass die Schweizer Weingüter jährlich im Schnitt zwischen 8000 und 15 000 Franken aus weintouristischen Aktivitäten erzielen, wobei 30 000 bis 80 000 Franken möglich wären. Die Kosten für professionelle Weintourismusangebote liegen bei den Betrieben zwischen 30 000 und 120 000 Franken. Wiederkehr betonte, dass der BDW bei der Umsetzung von Projekten als Partner und Treiber fungieren kann, aber nicht Verwirklicher, Durchführer und Umsetzer ist und die professionellen Strukturen von den regionalen Branchenverbänden geschaffen werden müssen.

Spannen zusammen: Sarah Bänziger, Regionaler Naturpark, Beat Schmidlin, Rebbaugenossenschaft und Beat Hedinger, Blauburgunderland (von links).
Spannen zusammen: Sarah Bänziger, Regionaler Naturpark, Beat Schmidlin, Rebbaugenossenschaft und Beat Hedinger, Blauburgunderland (von links).

Wein und Tourismus

Die meisten weintouristischen Aktivitäten in der Schweiz gibt es in den grössten Weinbaukantonen Wallis und Waadt. Die Deutschschweiz hat kleinere Weinbauflächen, bieten jedoch auch attraktive Weinerlebnisse an. Beat Hedinger, Geschäftsführer des Branchenverbands Schaffhauser Wein und bis zum letzten Jahr auch Direktor von Schaffhauserland Tourismus, betonte, dass im Kanton Schaffhausen Wein- und Tourismusbranche schon lange zusammenspannen. Weniger erfolgreichen Weinbaukantonen riet Hedinger, zwingend auch Kooperationen mit Politik und verschiedenen Organisationen einzugehen, da sonst die Grundlage für nachhaltigen Erfolg fehle. Wiederkehr bemerkte, dass die regionalen Branchenverbände bei den Aufgaben für Marketing, Qualitätsmanagement, Buchungssysteme, Eventplanung und Ausbildung eine zentrale Rolle spielen. «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis spricht klar für eine gezielte staatliche und privatwirtschaftliche Förderung», betonte Wiederkehr. Der Präsident des BDW wies aber auch auf die anstehenden Herausforderungen wie Verkehrsbelastung, Flächenkonkurrenz, Landschaftsschutz, Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung, Fachkräftemangel und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels hin, die eine langfristige Raumplanung, nachhaltige Besucherlenkung und ein umweltverträgliches Mobilitätskonzept erfordern. «Der Weintourismus ist nicht nur ein Instrument zur Absatzförderung, sondern aus unserer Sicht auch ein Baustein für die langfristige wirtschaftliche Stabilität der Schweizer Weinbranche», sagte Wiederkehr.

Martin Wiederkehr sieht in der Schweiz viel ungenutztes Potenzial für den Weintourismus.
Martin Wiederkehr sieht in der Schweiz viel ungenutztes Potenzial für den Weintourismus.

Hotspot Blauburgunderland

Beat Hedinger stellte das Blauburgunderland vor, wie sich auch der Dachverband der Schaffhauser Winzer und Einkellerer nennt. Der Kanton Schaffhausen hat eine Rebfläche von rund 500 Hektaren, wovon etwa 470 bestockt sind. Ein Alleinstellungsmerkmal ist der grösste zusammenhängende Rebberg der Deutschschweiz, der sich im Klettgau von Gächlingen über Hallau bis Trasadingen über rund 300 Hektaren erstreckt. Der weintouristische Hotspot im Klettgau ist das Weinfasshotel Rüedi in Trasadingen. Nachdem der direkte Weinabsatz immer schwieriger wurde, sind Moni und Andreas Rüedi schon vor 30 Jahren in die Gästebewirtung eingestiegen. Im Jahr 2002 gab es die ersten Matratzenlager in alten Weinfässern und zehn Jahre später wurde im Dorfzentrum das «WeinFassHotel» eröffnet. Im selben Jahr wurde auch Rüedis Projekt «Schlafen im Fass» mit dem Agropreis ausgezeichnet. Der Betrieb wurde mit drei Rebhüüsli, Whirlpool, E-Bike-Verleih und Weindegustationen erweitert. In der Saison von April bis Oktober 2025 nutzten rund 3500 Übernachtungsgäste das «fasstastische Ferienangebot» mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von ein bis zwei Nächten. Das Übernachtungsangebot umfasst mittlerweile 32 Betten in Weinfässern und sechs Betten in den Rebhüüsli. Je nach Saison sind bei der Familie Rüedi bis zu zehn Teilzeitkräfte im Weinfasshotel und vier im Weinbau mit dem rund sieben Hektaren grossen Rebberg angestellt. Pia Sulser vom Regionalen Naturpark Schaffhausen stellte dann noch zwei Weinwanderwegprojekte vor, die in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband Schaffhauser Wein realisiert werden. Nachdem bereits vor zwei Jahren in Buchberg zusammen ein Panoramaweg durch die Rebberge erweitert wurde, sollen nun auch zwei Weinwanderwege in Hallau und Stein am Rhein neu eingerichtet werden. Die Touristen sollen von den Hotspots wie dem mittelalterlichen Städtchen Stein am Rhein oder dem Rheinfall bei Neuhausen weggelockt werden, damit eine höhere Verweildauer in der Region erreicht und die Sommersaison in den Herbst verlagert wird. Die Kosten für beide Weinwanderwege belaufen sich auf rund 430 000 Franken, wobei für die Finanzierung wiederum Kooperationen mit verschiedenen Organisationen, Stiftungen und Sponsoren nötig sind. Zum Schluss der vierstündigen Veranstaltung wurde Geschäftsführer Jürg Bachofner verabschiedet, der in Osterfingen seinen letzten Arbeitstag hatte und seit dem 1. Februar offiziell in Pension ist. Er wird dem BDW allerdings bis im März noch zur Verfügung stehen, um seinen Nachfolger Pascal Furer einzuarbeiten.

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