Tierische Perspektiven: Wie Nutztiere wirklich sehen

Tieraugen nehmen die Welt anders wahr als Menschenaugen. Das Wissen um die sehtechnische Wahrnehmungsfähigkeit kann für eine artgerechte, stressarme Haltung von Nutztieren sehr nützlich sein.

Beitrag aktualisiert: 24. November 2024

Schweine verfügen über eine ausgeprägte visuelle Wahrnehmungsfähigkeit.

Die Natur hat ihre Geschöpfe genial fürs Leben ausgestattet. Alles ist da, was Mensch, Tier und Pflanze brauchen, damit der Fortbestand ihrer Spezies auf diesem Erdball garantiert ist. Auch bei der Ausstattung mit den Sinnesorganen hat die Natur ganze Arbeit geleistet. So sind die Augen perfekt den jeweiligen Trägern angepasst. Damit sehen Flucht- oder Raubtiere genau das, was für sie überlebenswichtig ist. Doch die Evolution forderte ihre Tribute. Und so sind, noch bevor die Menschen der Natur ins Handwerk pfuschten, immer mehr der natürlichen Attribute auf der Strecke geblieben. Der Fortschritt hat seine schlechten, aber auch guten Seiten. Erkenntnisse aus der Wissenschaft sichern heute nicht nur das Überleben der Bewohner dieser Erde, sondern bringen unzählige nützliche und angenehme Dinge in ihr Leben. Klug eingesetzt bringen Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft in der Landwirtschaft nicht nur tierische Lebensqualität, sondern auch quantitativen Mehrwert für deren Halter.

Kühe sehen nur etwa 30 Prozent so viel wie Menschen

Schweine vergessen nicht

«Man sieht sich immer zweimal» lautet ein bekanntes Sprichwort. Daran sollte der Mensch denken, wenn er mit Tieren zu tun hat, die über eine ausgeprägte visuelle Wahrnehmungsfähigkeit verfügen. Dazu zählen unter anderem Schweine. Ihr Sehvermögen ist nicht besonders gut entwickelt. Durch ihre kleinen, seitlich stehenden Augen haben sie zwar einen Blickwinkel von bis zu 310 Grad, können aber nur in einem direkt vor ihnen liegenden Bereich von etwa 30 Grad scharf sehen. Weil sie Gegenstände ausserhalb dieses Bereichs nur schwer einschätzen können, erschrecken sie leicht. Schweine können dunkle Farbtöne nur schwer differenzieren. Aus diesem Grund verwechseln sie Kontraste auf dem Boden oder an den Wänden mit Hindernissen und nehmen Schattenlinien am Boden als Barrieren wahr. Abgesehen von ihren beschränkten Wahrnehmungsleistungen auf Grund ihres Sehens sind Schweine sehr kluge Tiere. Sie können sich menschliche Gesichter merken. In einer Reihe von ausgeklügelten Sehtests stellen die schweinischen Probanden unter Beweis, dass sie verschiedenen Gesichter und Hinterköpfe auf Fotos voneinander unterscheiden können. Einige Tiere bemerkten sogar, wenn etwas mit den Gesichtern verändert wurde, zum Beispiel die Bilder auf den Kopf gestellt waren, Augen, Nase und Mund fehlten oder sich nicht an den korrekten Positionen befanden. Der Tatsache, dass Schweine über ein hervorragendes Langzeitgedächtnis verfügen und zu den intelligentesten Säugetieren gehören, sollte sich der bewusst sein, der sein Gegenüber als «dumme Sau» beschimpft.

Die Rinderaugen haben einen Sichtkreis von etwa 330 Grad. Bild: BUL

Weitsicht der Schafe

Auch «schäfische» Beleidigungen sind unangebracht, denn Schafe haben eine hohe geistige, emotionale und soziale Intelligenz. Einer britischen Studie zu Folge haben Schafe eine hochentwickelte Fähigkeit zur Gesichtserkennung, wie sie früher nur den Menschen und Affen zugesprochen wurde. Sie entwickeln individuelle Sympathien, können sich mindestens 50 Gesichter ihrer Artgenossen und zehn von Menschen über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren merken. Zudem sind sie in der Lage, Gesichtszüge zu unterscheiden. Schafe haben ein Blickfeld von 270 bis 320 Grad. Dadurch können sie beinahe alles um sich herum sehen, ohne dabei den Kopf zu drehen. Weil ihre Augen sehr weit seitlich am Kopf sitzen, können die Tiere nicht sehen, was genau vor ihrer Nase ist. Mit räumlicher Tiefe und scharfsehen tun sich Schafe ebenfalls schwer. Deshalb erschrecken sie leicht vor einem Schatten. Ihr Sehsinn ist vor allem darauf ausgelegt, weit und viel zu sehen. Dies hilft ihnen, Raubtiere frühzeitig zu erkennen.

Die spiegelnde Fläche beim Eingang zum Melkroboter irritiert die Kühe. Bild: Christian Manser

Die Welt aus Rinderaugen

Wer die Welt mit der «Kuhbrille» sehen könnte, würde im Umgang mit diesen Nutztieren sicher vieles anders machen. Das Sehvermögen der Rinder ist für ein Leben als Beutetier in der freien Natur ausgerichtet. Durch die seitlich am Kopf liegenden Augen haben sie einen Sehbereich von 330 Grad. Dieser Weitwinkel geht jedoch auf Kosten ihres 3D-Sehvermögen. Verglichen mit dem Menschen sehen Rinder nur etwa 30 Prozent. Sie erkennen unscharfe Konturen und Kontraste nur schwer, haben aber eine gute Sicht bei Nacht. Doch Rinder brauchen rund zehnmal länger als Menschen, bis sich ihre Augen an Helligkeit und Dunkelheit gewöhnt haben. Daher sehen sie erst einmal nichts, wenn sie vom Hellen ins Dunkle oder umgekehrt geführt werden. Dies sollte beachtet werden, wenn das Tier beim Verladen in den Lastwagen bockt oder sich keinen Millimeter mehr bewegt, wenn es von der Weide in den Stall sollte. Da hilft kein Zerren, Ziehen oder Schimpfen, sondern nur Geduld. Eine Folge des guten Nachtsehens ist die viel intensivere Wahrnehmung von Hell-Dunkelkontrasten. Die Tiere sind deshalb bei kleinen Schattenwürfen und Spiegelungen in Wasserpfützen, auf metallischen Gegenständen oder in Fenstern schnell irritiert. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie direkt hinter sich nichts sehen können, sollte man am besten von der Seite her auf Kühe zugehen und wegen ihrer Schreckhaftigkeit, hektische Bewegungen vermeiden. Seit Jahrhunderten hängt ein ganzer Kult am Rotsehen des Stiers: Unter begeisterten Olé-Rufen der Zuschauermenge zelebriert der Matador in der Arena mit einer roten Muleta seine Macht und Überlegenheit. Dem Stier ist es vermutlich egal, welche Farbe das Tuch hat, mit dem der Torero ihn zu reizen versucht. Rinder sehen die rote Farbe sehr schlecht, reagieren aber auf die schnellen Bewegungen mit dem Tuch.

  • Kühe: Blickfeld von 330 Grad; seitliche Augenposition; Schwierigkeiten bei der Tiefenwahrnehmung.
  • Schafe: Blickfeld von 270 bis 320 Grad; seitliche Augen; unscharfes Sehen direkt vor der Nase.
  • Schweine: Blickfeld von bis zu 310 Grad; scharfes Sehen in einem Bereich von etwa 30 Grad; Schwierigkeiten bei der Unterscheidung dunkler Farbtöne.

 

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