Biestmilch als Energiespender und Physio für Kühe
Biestmilch als Energiespender und Physiotherapie für Kühe standen im Zentrum des Vortragsabends der Braunviehzüchter beider Appenzell in Gais. Sven Altorfer und John F. Marti berichteten aus ihrer täglichen Arbeit und zeigten auf, wie ihre Ansätze die Gesundheit von Mensch und Tier stärken können.

Der traditionelle Vortragsabend der Braunviehzüchter beider Appenzell fand grossen Anklang. Schon kurz nach Türöffnung war der Krone-Saal in Gais bis auf den letzten Platz besetzt. Helfer schafften eilig weitere Tische und Stühle herbei, um allen einen Platz zu bieten. Ob die Bäuerinnen und Bauern wegen der spannenden Themen «Biestmilch als Energiespender» oder «Physiotherapie fürs Rindvieh» gekommen waren oder ob sie auf das Losglück beim Gewinn eines Zuchtkalbs hofften, blieb offen. So flogen nach der Begrüssung durch Präsident Jakob Fuster und der Vorstellung des vielversprechenden Zuchtnachwuchses aus dem Stall von Thomas Gantenbein aus Oberegg eifrige Hände über die bunten Loszettel auf den Tischen, während die Ohren ganz den Referenten gehörten.
Kolostrum für Mensch und Tier
Dass Biestmilch das Immunsystem der Kälber stärkt und für einen gesunden Start ins Leben wichtig ist, war den Bäuerinnen und Bauern im Saal klar. Weniger bekannt hingegen war, dass Kuhkolostrum immer häufiger auch in Form von Nahrungsergänzung für den Menschen eingesetzt wird. In seinem Vortrag schilderte Sven Altorfer, wie er 2006 auf der Suche nach Unterstützung für sein geschwächtes Immunsystem auf Kuhkolostrum stiess. Die Qualitätsunterschiede brachten ihn dazu, seine Erfahrung als Lebensmitteltechnologe zu nutzen und selbst etwas aufzubauen. So gründete er 2012 die Firma Swiss Health & Nutrition. Um Kolostrum so schonend wie möglich zu verarbeiten, entwickelte er gemeinsam mit einem Partnerbetrieb am Bodensee ein Filtrationsverfahren ohne Pasteurisierung, das mittels Mikro- und Nanofiltration unerwünschte Keime entfernt und gleichzeitig die empfindlichen Immunfaktoren erhält. Über das Innovationsnetzwerk Swiss Food Research fand er Investoren und Fachpartner. Aus der Einmannfirma wuchs Schritt für Schritt ein kleines Team. So entstand auch die Idee für das Projekt «Swiss Wow Cow», das die Zusammenarbeit mit den Milchbetrieben koordiniert und den Überschuss an Kolostrum aus Schweizer Ställen sammelt. «Heute sind rund 100 Betriebe dabei, die meisten im Appenzellerland», sagte Altorfer.
Immunstärkung aus Ställen
«Kuhkolostrum hat für mich einen Mehrwert für Mensch und Tier», erklärte er und zeigte auf die Folie mit den natürlichen Bestandteilen wie Immunglobulinen, Proteinen, Wachstumsfaktoren und Enzymen. «Das ist genau das, was ein junges Leben stärkt und wovon auch wir profitieren können.» An die Züchter gewandt, betonte er: «Für die Kälber ändert sich nichts. Zuerst trinkt immer das Kalb, wir nutzen nur den Überschuss der ersten 24 Stunden.» Damit, so Altorfer, nehme man die Verantwortung gegenüber Tierwohl und Konsumenten ernst. Mit einem Augenzwinkern liess er die Zahlen sprechen: «Für unsere Produkte brauchen wir Tausende Kilo Rohkolostrum. Daraus entstehen ein paar 100 Kilo Pulver und am Schluss viele einzelne Monatspackungen», sagte er. Zum Schluss stellte er die aktuellen Präparate vor. «Im Moment bieten wir reines Kolostrum und Kolostrum mit Probiotika an.» Die magensäureresistenten Kapseln lösen sich erst im Dünndarm auf und können dort ihre volle Wirkung entfalten. «Unser Ziel ist, hochwertige Schweizer Kolostrumprodukte für Menschen anzubieten, die ihrem Immunsystem etwas Gutes tun wollen», fasste er zusammen.

Physiotherapeut im Kuhstall
Der Themenwechsel zurück in den Kuhstall gelang John F. Marti mühelos. Der gelernte A-Metzger und diplomierte Tierphysiotherapeut arbeitet seit über 30 Jahren mit Pferden und Rindvieh und hat sich mit seinem Angebot «Cattlephysio» einen Namen gemacht. Auf seinen Social-Media-Kanälen nimmt er die Follower direkt mit in den Stall, zeigt Behandlungssequenzen und erklärt typische Fälle sowie einfache Übungen, mit denen Bäuerinnen und Bauern die Beweglichkeit und das Wohlbefinden ihrer Tiere verbessern können. Mit viel Humor und entwaffnender Direktheit erzählte er aus seinem Berufsalltag und wie er vom Pferdestall immer öfter in die Gummistiefel und in den Kuhstall gewechselt hat, wo er sich heute um die vierbeinigen Patientinnen kümmert. «Rösseler wollen keinen Viehdoktor im Stall», meinte er schmunzelnd. So fährt Marti von Hof zu Hof, beobachtet die Kühe im Stall und im Laufhof und sucht nach Ursachen für Verspannungen, Lahmheiten oder nachlassende Leistung.
Wenn Kühe wieder aufstehen
Nicht selten ist er die letzte Hoffnung, wenn Kühe vom Tierarzt bereits aufgegeben wurden. «Wenn eine Kuh seit Tagen am Boden liegt, ist ihr Ende oft vorgezeichnet. Doch sie einfach zu töten und den Tierkadaver zu entsorgen ist eine Schande», sagte der Physiotherapeut. Gerade bei solchen festliegenden Tieren könne Physiotherapie zur letzten Chance werden. Mit gezielter Elektrostimulation über das Nervensystem aktiviere er die Muskulatur, löse Blockaden in Rücken und Beckenbereich und kombiniere dies mit manuellen Techniken, Dehnungen und der Mobilisation der Gelenke. «Jede zweite kommt so wieder auf die Beine», versprach er den Zuhörern, vorausgesetzt, die Behandlung werde rechtzeitig begonnen und die Bäuerinnen und Bauern machten die Übungen konsequent weiter. So wurde im Saal rasch deutlich, welches Potenzial in der Physiotherapie beim Rind steckt. «Am schönsten ist es, wenn eine Kuh, die alle schon abgeschrieben hatten, nach ein paar Tagen wieder im Futtergang steht», fasste Marti zusammen. Auch wenn nicht alle Viehzüchter restlos von der Physiotherapie überzeugt waren, merkten sich doch viele seinen Namen und nutzten die Gelegenheit, seine Hilfsmittel und Salben gleich am Stand zu erwerben.
Zum Abschluss des Abends warteten die Teilnehmer gespannt auf die Verlosung. Nachdem «Glücksfee» John F. Marti die Trostpreise aus der Milchkanne gezogen hatte, stieg die Spannung noch einmal an, bis der glückliche Gewinner des Zuchtkälbchens feststand.

