Tierhomöopathin sucht die Ursache des Problems
Seit knapp einem Jahr ist Elisabeth Looser aus Trogen ausgebildete Tierhomöopathin SHS. Um das Tier erfolgreich behandeln zu können, muss sie viel über sein Wesen und das Krankheitsbild wissen. Dafür ist sie auf genaue Angaben des Tierhalters angewiesen.

Mit sanftem Druck tastet Elisabeth Looser die Kuh Isabella ab, vom Kopf über den Rücken, zum Euter mit dem entzündeten Viertel und weiter über das stark geschwollene linke Hinterbein. «Ich will spüren, wo sie sich wehrt, was verhärtet ist und wo Hitze drin ist», begründet sie ihr Vorgehen. Nicht immer arbeitet die Tierhomöopathin so nah am Tier, oftmals führt sie ihre Beratungen am Telefon. «Bei Isabella wurde ich wegen der Mastitis kontaktiert. Als mir die Bäuerin im Gespräch auch vom verschleppten Panaritium, der Antibiotikabehandlung und dem immer noch dicken Bein erzählte, habe ich mich für einen Besuch auf dem Hof entschieden.» Die 47-Jährige ist überzeugt, dass die Euterentzündung eine Folge dieser Vorgeschichte ist. «Das Euter ist das Ausscheidungsorgan der Kuh. Stimmt irgendwo im Körper etwas nicht, kann die Milchqualität abnehmen, wobei das Tier wenige bis gar keine anderen Symptome zeigt», erklärt Elisabeth Looser weiter. «Darum sind vor allem chronische Mastitiden sehr schwierig dauerhaft zu heilen.»
Einmal Krankheit und zurück
In der Homöopathie werde nicht in Form von Krankheiten gedacht, sondern hinterfragt, wieso es zu den Beschwerden kam, erläutert die Fachfrau. «Der Heilungsprozess ist dann wie ein Zurückbuchstabieren des Verlaufs, das heisst, alle Erkrankungen zeigen sich nochmals in umgekehrter Reihenfolge.» Im Beispiel der Kuh Isabella solle zuerst die Mastitis zurückgehen und anschliessend die nicht fertig ausgeheilte Entzündung im Bein, ohne dass es dem Tier dabei schlecht gehe, verdeutlicht Looser.

Um der Ursache eines Problems auf die Spur zu kommen, wird jeder tierische Patient von ihr in einer Anamnese individuell begutachtet. «Da ich nicht das Tier fragen kann, muss ich meine Beobachtungsgabe nutzen und mich auf die Aussagen der Besitzer stützen.» Dazu brauche sie eine gute Fragetechnik, aber auch Menschenkenntnis. «Aus manchen Kunden muss ich die Antworten herausquetschen, bei anderen wiederum die wichtigen Aussagen herausfiltern.» Für eine gute, fundierte Behandlung notiert Elisabeth Looser ganze Lebensläufe, beispielsweise wie das Tier auf Erlebtes reagiert hat, Charaktereigenschaften, Verhalten und wenn möglich sogar die Krankengeschichte der Vorfahren. «Anamnesen fallen bei Haustieren meistens länger aus als bei Nutztieren», ergänzt sie. «Und bei einem ersten ‚Kennenlern-Besuch‘ im Haus oder im Stall sehe ich gleich die Umgebung des Tiers, denn die Art der Haltung hat Einfluss auf sein Verhalten. Nie ausschliessen dürfe sie auch sogenannte Heilhindernisse wie beispielsweise Haltungsfehler oder Wasseradern. «Neben dem Krankheitsbild können kleinste Details den Ablauf der homöopathischen Behandlung beeinflussen», fasst die Tierhomöopathin zusammen, die vor einem knappen Jahr ihre fast vierjährige, berufsbegleitende Ausbildung an der Samuel Hahnemann Schule (SHS) in Zürich abgeschlossen hat. Seither ist sie Mitglied beim Berufsverband Tierheilpraktiker Schweiz (BTS) und im Beraterteam von Kometian. In ihrer eigenen Praxis bietet sie Beratung und Begleitung von Nutz- und Haustieren an.
Wissen stetig erweitert
Mit ihrer Familie lebt Elisabeth Looser in Trogen, wo sie mit ihrem Mann einen Bio-Milchwirtschaftsbetrieb mit Aufzucht und Weiderindern führt. Nach der Matura war ihr heimlicher Berufswunsch Tierärztin, entschieden hat sie sich für eine Berufslehre als Gärtnerin. Zu gross war der Respekt vor einem Studium. Ihr Interesse an der Natur und der Pflanzenwelt sei bereits damals gross gewesen, erzählt die Bauerntochter. Den ersten Tier-Homöopathie-Kurs besuchte die Bäuerin vor knapp 20 Jahren. Jedoch habe sie die Globuli schnell wieder zur Seite gelegt. «Es hat nicht funktioniert.» Einige Jahre später besuchte sie Tageskurse und begann, die Kursleiter auszufragen. «So konnte ich mein Wissen zusätzlich erweitern.» Auch lernte sie zu beobachten, ihre Tiere «zu lesen» und kleinste Veränderungen wahrzunehmen. Erste Behandlungserfolge traten ein und motivierten sie zum Weitermachen. Der Bestandestierarzt, mit dem die Homöopathin eine gute Zusammenarbeit pflegt, musste immer weniger auf den Hof kommen. «Schulmedizin und Homöopathie schliessen sich nicht gegenseitig aus», betont die Mutter von vier erwachsenen Kindern. «Synergien mit der Schulmedizin können gut genutzt werden und für das Tierwohl auch notwendig sein.»

Grenzen nicht überschreiten
Bei der ersten Kontaktaufnahme hätten die Tierhalter oftmals falsche Vorstellungen, erzählt Looser. «Viele meinen, sie können mir sagen, was ihr Tier hat, und ich nenne dann den Namen der Globuli.» So einfach sei das aber nicht, denn der Name der Krankheit bringe einen in der Homöopathie nicht weit. «Viel wichtiger ist, was das Tier zeigt.» Darum müsse sie einiges über das Tier wissen und stelle deswegen viele Fragen. «Wie geht es mit dem Problem um, hat es Schmerzen, was hat es für Eigenarten, hat sich sein Verhalten verändert, was tut gut oder eben nicht, wie ist sein Allgemeinzustand?» Dieser dürfe während der Behandlung nicht schlechter werden, betont die Fachfrau. Diesen Rat gibt sie auch allen Tierhaltern, die selbst mit Globuli arbeiten. Weitermachen, obwohl der Zustand schlechter werde und dann notfallmässig den Tierarzt anrufen, das sei keine Werbung für die Homöopathie. «Wichtig ist, sich Grenzen zu setzen und diese nicht zu überschreiten.» Für Tierärzte wie auch für ausgebildete Tierhomöopathen seien verschleppte Probleme schwieriger zu behandeln als akute. «Manchmal ist dann der Schaden bereits irreparabel.»

Es braucht Geduld
Dass Isabella bereits 40,5 Grad Fieber hat, beunruhigt die Homöopathin nicht, denn sie frisst und ist munter, als wäre sie gesund. «Der Körper braucht das Fieber, um die Selbstheilung anzukurbeln. Die Krankheit soll nicht abgewürgt, sondern von innen heraus geheilt werden», erklärt sie. Noch hat sie nicht entschieden, mit welchem Wirkstoff sie Isabella behandeln will. «Aber ich lege den Fokus nicht nur auf das Euter, sondern ebenso auf das Bein und die Gesamtheit aller Symptome.» Weiter stellt sie klar, dass die Schwellung nicht von heute auf morgen weg sein werde, die Heilung brauche Zeit. «Ein Problem geht so schnell weg, wie es gekommen ist», ergänzt die Homöopathin. «Bei Isabella brauchen nun auch der Bauer und die Bäuerin Zeit und Geduld. Sie müssen ihre Kuh weiterhin beobachten und mir Veränderungen melden.
