Stressfreierer Alltag im Mutterkuhstall
Wer auf die Signale seiner Tiere achte, erleichtere sich und den Tieren den Alltag, erklärte Kuhsignaltrainer Christian Manser am Forum der Tier & Technik in St. Gallen. Was lässt sich aus den Signalen ableiten?

Mensch und Tier stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. Der Mensch als Tierhalter oder Tierhalterin kann viel zu einer guten Beziehung beitragen, wenn er seine Tiere versteht und richtig auf sie eingeht. Manser führte im Forum vor, wie empfindlich wir Menschen auf Stimmlagen reagieren. Ähnlich ist es auch bei den Tieren. Sie lesen viel aus der Stimme heraus, auch über die Befindlichkeit ihrer Betreuerin oder ihres Betreuers. «Nicht immer ist Reden gut», sagte Manser. «Wer klare Körpersignale gibt, muss nicht reden.» Es ist besser, sich entsprechend dem Blickwinkel der Kuh zu platzieren und mittels Körpersprache auf sie zu wirken.
Respekt und Vertrauen
Wann kommen wir Menschen in Stress? Dann, wenn wir überfordert werden. Bei den Tieren ist es gleich. «Wir müssen den Tieren Zeit geben», betonte Manser. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn man etwas von den Tieren «möchte», zum Beispiel beim Verladen. «Du musst immer mehr Zeit haben als das Tier», riet der Kuhsignaltrainer. «Ein Unfall passiert vor allem aus Angst.» Dagegen hilft Vertrauen. «Das muss man aufbauen», sagte Manser. Es braucht das richtige Verhältnis zwischen Respekt und Vertrauen. Wer das Verhalten seiner Tiere kennt, dem fällt es viel leichter, sie nicht zu überfordern. Das ist wichtig, wenn man die Kuh aus dem Stall bringt. Ihre Augen brauchen viel länger als unsere, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Entweder ist alles zu hell oder zu dunkel für sie. Wer von uns würde so einen Schritt machen? Dem Berater fällt auf, dass manche Kühe nicht in Abkalbeboxen wollen. Der Grund dafür ist, dass sie dort allein sind und die Herde nicht sehen. In der Natur ist es für Herdentiere gefährlich, allein zu sein. Kühe müssen in der Abkalbebox Sichtkontakt zu Artgenossen haben. Wände dürfen in Richtung Herde nicht geschlossen sein.

Angst vor dem Unbekannten
Klauenschneiden bedeutet oft Stress für die Tiere. «Das Klauenschneiden selbst stresst nicht», beobachtet Manser. Es ist das Treiben der Tiere in den Behandlungsstand, das Stress verursacht, vor allem dann, wenn die Tiere den Behandlungsstand nicht kennen. Dieser sollte so aufgestellt werden, dass die Tiere zur Herde schauen und in Richtung Herde gehen. Auch hier gilt es, sich Zeit zu nehmen. Es lohnt sich, die Kühe schon vor dem Klauenschneiden durch den Behandlungsstand zu führen, zwei oder besser drei Mal, denn dann haben die Tiere keine Angst davor und der Tierhalter hat nachher mehr Zeit und Ruhe für das Klauenschneiden. Am besten ist es, wenn man alles gut vorbereitet, das heisst, wenn man vorher Panels oder Gatter aufstellt, welche die Tiere zum Behandlungsstand leiten. Für kleinere Betriebe eignen sich auch einfache, selbst gebaute Behandlungsstände, die im Stall integriert sind, sodass die Tiere sie kennen. Bei der Unterteilung des Stalls ist darauf zu achten, dass die Kühe einen Überblick über den Stall haben. Sie wollen sehen, was passiert. Deswegen sind geschlossene Wände entlang der Quergänge zu vermeiden.

Schwächste sind Wichtigste
Manser stellte die Frage «Welche sind die wichtigsten Tiere in der Herde?» und beantwortet sie selbst: «Es sind die Schwächsten.» Im Mutterkuhstall sind es oft die kleinsten Kälber. Den Kälbern sollten separate Liege-, Fress- und Tränkebereiche zur Verfügung stehen, wo sie vor den Kühen geschützt sind. Manser beobachtet, dass auch die Kälber einander oft zu wenig ausweichen können, weil es nur einen Zugang zum Kälberschlupf gibt. Es sollte deswegen einen zweiten Ausgang, sozusagen einen Notausgang, geben. Es kommt vor, dass Kälber am Tränketrog der Mütter trinken müssen, der für sie zu hoch ist, ein entspanntes Trinken ist nicht möglich. Wasser ist aber wichtig für Kälber. Abtrennungen im Stall werden heutzutage vor allem mit Metallrohren gemacht. Diese sind dauerhaft, aber die Installation führt leicht dazu, dass Schraubköpfe oder Metallteile hervorstehen, an denen sich die Tiere äusserlich und innerlich verletzen. Oft bleiben schmerzhafte Verletzungen unter dem Fell unbemerkt. Rohre lassen sich durch flexible Abtrennungen, im Mutterkuhstall ersetzen, zum Beispiel durch Spanngurte. Diese haben die Vorteile, dass sie bei Körperkontakt nachgeben und sich flexibel einsetzen lassen.

Gleitsichere Böden
Kühe und besonders Kälber bewegen sich gerne, Erstere vor allem in der Brunst, Kälber beim Spielen. Wenn der Boden rutschig ist, gleiten sie leicht aus. Christian Manser empfiehlt, Rillen in planbefestigte Betonböden zu fräsen und den Harnstein auf Spaltenelementen mit Wasserhöchstdruck abzulösen, um die Oberfläche aufzurauen. Sowohl Kühe als auch Kälber benötigen genügend Platz zum Fressen. Lieber mehr Fressplätze als Tiere, rät der Kuhsignaltrainer. Fressgitter sind nicht unbedingt notwendig. Es genügen auch einfache Palisaden. Nicht die Höhe des Futtertischs schränkt die Tiere beim Fressen ein, sondern oftmals die Höhe der Wand zwischen Fressgang und Futter. Manser gab viele Tipps, wie man im Stall Stress reduzieren kann. Kein Stall und kein Management sind gleich wie andere. Jeder und jede muss die Schwachpunkte selbst erkennen oder sich dabei helfen lassen. «Versetzt euch in das schwächste Tier. Fragt euch: «Sind meine Tiere gerne bei mir?», gab Manser den Teilnehmenden des Tier-&-Technik-Forums mit auf den Weg.
