Leidenschaftlicher Einsatz für die St. Galler Flügeltaube
In der Schweiz existieren 26 Taubenrassen, die in der Regel in früheren Zeiten entstanden sind. Eine Ausnahme ist die St. Galler Flügeltaube, die erst seit rund 55 Jahren gezüchtet wird. Pius Angehrn setzt sich für den Erhalt dieser Rasse ein, die beinahe in Vergessenheit geraten ist.

Die Taubenhaltung war einst auch im bäuerlichen Umfeld weit verbreitet, denn die Tauben lieferten frisches Fleisch. Heute haben Tauben einer eher schlechten Ruf, weil sie vor allem in grossen Städten mit ihrem Kot Fassaden und Trottoirs verschmutzen. In Basel wurde eine Initiative lanciert, die eine Halbierung der Taubenpopulation fordert. Auch dort möchte kaum jemand diese «Ratten der Lüfte» als Dauergäste auf seinem Balkon haben.
Pius Angehrn aus Speicherschwendi widerspricht mit ruhiger Stimme: «Die Taube ist ein edles, feinfühliges Tier, das als Friedenssymbol gilt und mit dem Menschen in enger Verbindung steht.» Sie sei intelligent und könne viele Gesichter gut voneinander unterscheiden. Zudem sei die Taube eine akrobatische Fliegerin mit beeindruckendem Navigationssystem, das bei Brieftauben besonders ausgeprägt sei.
Die St. Galler Favoritin
Wer Pius Angehrn in seiner Volière beobachtet, sieht einen Züchter, der seine Tauben nicht nur kennt, sondern liest. Dabei spricht er von Charakteren, von Ahnenlinien, von kleinen Sensationen und von Typen, die sich durchsetzen müssen. Die meisten seiner rund 70 Tiere sind St. Galler Flügeltauben. Diese Rasse zeichnet sich aus durch ihre Zeichnung in klaren Linien und strengen Kontrasten. Im Gegensatz zum weissen Körper sind die Flügel schwarz, rot, gelb oder blau. Dazwischen liegt das weisse Rückenherz, eine breite Fläche im Schultergefieder. «Die farbige Schnippe schmückt die Stirn und die Federn am Hinterkopf bilden von der Spitzkappe bis zum Genick einen scharfen Kamm», nennt der Hobbyzüchter weitere Rassenmerkmale.

Die St. Galler Flügeltaube ist die zweitjüngste der 26 Schweizer Rassen. Um 1970 wurde sie im Kanton St. Gallen aus Schweizer Spitzkappen und Deutschen Flügeltauben herangezüchtet. «Weil viele Züchter andere Rassen bevorzugten, war mein Favorit lange Zeit ein Mauerblümchen in der Schweizer Taubenszene», bedauert Pius Angehrn. Dank dem Engagement einzelner Enthusiasten sei diese Rasse wieder vermehrt an Ausstellungen zu sehen. Auch Pius Angehrn lässt seine Tauben an regionalen und nationalen Ausstellungen begutachten und bewerten. «Diese Veranstaltungen bieten Kontaktmöglichkeiten und eine gute Plattform, um die St. Galler Flügeltaube bekannter zu machen. Das ist mir wichtiger, als Preise zu gewinnen», bemerkt er bescheiden.
Treue Seelen
Ein Gartenhaus wurde von Pius Angehrn zu einem Taubenschlag umgebaut. Hier starten seine Tauben fast täglich zum Freiflug und kehren nach kurzer Zeit zurück in ihr Zuhause. Hier sind sie vor Greifvögeln geschützt. Der Taubenschlag besteht aus drei geschlossenen Abteilen, in denen jedes Paar eine bestimmte Nistzelle hat. «Damit behalte ich die Übersicht und kann ungewünschte Paarungen verhindern», sagt der Taubenflüsterer.

Seine treuen Vögel bleiben in der Regel ein Leben lang mit dem gleichen Partner zusammen. Sie pflanzen sich sechs bis zehn Mal pro Jahr fort, bauen gemeinsam Nester und bebrüten die beiden Eier während 18 Tagen wechselweise. Die Täubchen werden ebenfalls von beiden Eltern gefüttert, bis sie selbstständig Futter aufnehmen können. Nach neun bis zwölf Monaten sind die Jungtiere geschlechtsreif. Dann paaren sie sich und bilden wiederum feste Partnerschaften, bis sie ein Lebensalter von zehn bis zwölf Jahren erreicht haben. «Manchmal mache ich gezielt einen jungen Tauberich mit einem Weibchen vertraut, um bestimmte Zuchtziele erreichen zu können», erklärt der Fachmann.

Magie Kaffeerahmdeckeli
Pius Angehrn ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, der heute verpachtet ist. Als Kind bekam er von einem Verwandten ein paar Tauben geschenkt. Nachdem er Jahre später von den Eltern einen Hausteil übernommen hatte, kaufte er ein Taubenhaus und züchtete Pfauentauben.
Vor rund 25 Jahren entdeckte er auf einem Kaffeerahmdeckeli eine St. Galler Flügeltaube mit weissen Binden. Diese beiden Querstriche auf den Flügeln sind ein besonderer Farbenschlag, der zu dieser Zeit bereits ausgestorben war. «Dieses Bild verzauberte mich dermassen, dass ich sogleich bei einem Züchter St. Galler Flügeltauben mit schwarzen Flügeln bestellte. Dann kreuzte ich diese Neulinge mit Thüringer Flügeltauben, deren Merkmal die weissen Binden sind», verrät er. Seither versuche er mit viel Geduld, die perfekte Taube mit schwarzen Flügeln in Kombination mit weissen Binden heranzuzüchten.

Ungewisse Zukunft
Während vieler Jahre hat Pius Angehrn mit Enthusiasmus und Beharrlichkeit an der Verbesserung der St. Galler Flügeltaube gearbeitet. Wer in seine Fussstapfen treten könnte, sei ungewiss. «Meine beiden Söhne haben sich nicht von meiner Begeisterung anstecken lassen», fügt der bald 60-Jährige an. Ausserdem gebe es bei den Taubenzüchtern ein Nachwuchsproblem wegen zahlreichen konkurrierenden Hobbys. Dass andere Dinge ebenso spannend sein können, verstehe er gut, denn auch er habe mehrere Steckenpferde. Er ist Präsident der St. Galler Trachtengruppe und leidenschaftlicher Trachtentänzer. Zudem fertigt er seit vielen Jahren kunstvolle Trachtenhauben an. «Auch dieses überlieferte Handwerk, bei dem 300 Arbeitsstunden in einer Radhaube stecken, ist Schweizer Kulturgut, wie die Taubenzucht», betont er.

Um all seine Hobbys pflegen zu können, liess sich Pius Angehrn vor drei Jahren als Geschäftsführer der Migros-Gastronomie Ostschweiz frühpensionieren. Davon profitieren vor allem seine Tauben, die ihm ebenso am Herzen liegen wie der Erhalt der Taubenzucht: «Die Wahl der Eichbühler Taube zur Kleintierrasse des Jahres 2026 trägt dazu bei, dass die Bedeutung der Taube als Haustier nebst den vielen Hunden und Katzen nicht in Vergessenheit gerät.»
