Podiumsdiskussion: soll der Wolf weg oder bleiben?
Das Buch «Mensch, Wolf!» von Biologe Marcel Züger ist im Juni erschienen. Das war der Anlass für den Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband (SAV), zu einer Podiumsdiskussion in St. Gallen einzuladen. Züger möchte den Wolf loswerden, Grüne-Nationalrätin Franziska Ryser möchte ihn bewahren.

Zwei Stunden lang ging es um Wölfe. Es ging um ihre Ausbreitung, ihre Vorteile, die Folgen für die Menschen und die Kosten, die sie verursachen oder vielleicht sogar senken. Dann verliess eine ältere Frau aus der Stadt den Katharinensaal in St. Gallen und machte sich auf den Heimweg.
Gefragt nach ihrem Eindruck, gab sie zu, sich bisher nicht mit den Wölfen befasst zu haben. Sie habe die Gelegenheit jedoch wahrgenommen, um sich zu informieren. Sie zeigte sich nach den Ausführungen und Überzeugungen beider Seiten ambivalent und nachdenklich. Damit war sie nicht alleine.
Es zeigte sich: Das Thema Wolf ist komplex. Die Tiere können in einem funktionierenden Ökosystem eine wichtige Rolle spielen. Politik und Finanzen haben Einfluss. Menschen sind in mehrfacher Hinsicht betroffen. Eine ideale Lösung im Umgang mit den rund 200 Wölfen, die derzeit in der Schweiz vermutet werden, ist noch nicht gefunden.
Wolf versus Nutztiere
Der Berner SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh, seit letztem Jahr Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbands, moderierte die Podiumsdiskussion. Die Begrüssung übernahm Fredy Louis, Vorstandsmitglied des St. Galler Bauernverbands (SGBV). Der SGBV trat für den Anlass in der Ostschweiz als Partner auf. Im Publikum sassen Vertreter der Landwirtschaft, verschiedener Parteien, Frauen und Männer aus der Stadt, Naturschützer und wolfskritische Menschen. Rund 30 Interessierte.
Die beiden Hauptpersonen, Franziska Ryser und Marcel Züger, informierten eingangs je in einem Referat über die Lebensweise der Wölfe und welche Auswirkungen sie haben. «Spitzensportler» nannte sie Marcel Züger, weil sie eine Geschwindigkeit von bis zu 65 Kilometer pro Stunde erreichen können. Zudem verfügen sie über einen ausgezeichneten Geruchssinn, sehen nachts doppelt so gut wie der Mensch und hören bis zu fünfmal besser. Und zur Hauptsache frisst er Fleisch. Wildtiere und eben auch Nutztiere, was mit ein Grund für den Biologen ist, dass er seine Einstellung zu Wölfen geändert hat, wie er selber sagte. Marcel Züger betonte die vielfältigen Leistungen der Weidetiere im Vergleich zum Wolf. Die Produkte wie Fleisch, Milch oder Wolle für den Menschen, die Pflege des Landwirtschaftslands, die Verwertung von Futter und Streu, die Flächenpflege, die natürliche Düngung, das Landschaftsbild und schliesslich die Förderung der Biodiversität, das Hauptanliegen von Züger.

Schützen oder schiessen?
Franziska Ryser zeigte die Geschichte des Wolfs auf, des einst am meisten verbreiteten Säugetiers auf der Nordhalbkugel, das dann fas ausgerottet wurde und seit 30 Jahren wieder in der Schweiz lebt. Sie betonte den Beitrag des Wolfs für das Ökosystem: Er reguliert die Bestände an Huftieren auf natürliche Weise. Weil er vor allem junge, alte oder kranke Tiere jagt, bleibt die Beutepopulation fitter. Hirsche meiden Wolfsreviere. Das fördert die Vegetation und das Wachstum von Jungwäldern. Auch andere Raubtiere werden auf natürliche Weise reguliert. Zudem profitieren Aasfresser von neuen Futterquellen.
Die Grüne-Nationalrätin anerkannte, dass die Wölfe eine Herausforderung für die Alp- und Landwirtschaft sind; vor allem, wenn Nutztiere, hauptsächlich Schafe, gerissen werden. Sie relativierte jedoch und zeigte auf, dass von 500 000 Schafen in der Schweiz die Hälfte geschlachtet wird, 50 000 auf der Weide durch verschiedene Ursachen verenden und 1000 gerissen werden. Schützen oder schiessen, sei die Frage.
Der Herdenschutz habe bereits Wirkung gezeigt, denn die Risse von Nutztieren pro Wolf gingen zurück. Zugegebenermassen sei er aufwendig. Abschüsse müssten zeitnah passieren, damit sie einen Lerneffekt bei den Wölfen auslösten. Punkto Herdenschutz waren sich die beiden Referenten uneinig. «Die Zäunung ist arbeitsmässig aufwendig, bedeutet in steilen Hängen eine Gefahr für den Menschen und löst Kollateralschäden aus», wehrte sich Marcel Züger und zeigte Bilder von verschiedenen Tieren, die in Zäunen hängen geblieben und verendet sind. «Es gibt in der Schweiz 56 000 Pflanzen- und Tierarten, der Wolf ist eine davon, aber eine Art geht nicht», sagte er und meinte damit den Wolf.
Unterstützung für Hirten
Franziska Ryser bezeichnete die politische Debatte seit der abgelehnten Revision des Jagdgesetzes 2019 als polemisch. «Der Abschuss von ganzen Rudeln muss die Ausnahme bleiben. Zwischen Abschüssen und konkret drohenden Schäden braucht es einen Zusammenhang. Vorher müssen mildere Massnahmen versucht werden», betonte sie. Es brauche einen Paradigmenwechsel. Eine gezielte und schadenorientierte Regulierung sei der Weg. Der Herdenschutz sei zu fördern und Abschüsse sollten nur dort passieren, wo es sinnvoll sei und der Herdenschutz nicht greife. «Ich weiss, dass dies ein emotionales Thema ist und viele bewegt, und deshalb brauchen wir vernünftige Diskussionen, um den Umgang mit dem Wolf zu finden», so Ryser.
In einem Punkt einig
Beim Schlagabtausch zwischen ihr und Marcel Züger war der Herdenschutz einer der Streitpunkte. Der Aufwand für das Zäunen, das mangelnde Personal, die Belastung für Mensch und Tier wurden angesprochen. Züger stellte infrage, dass der Herdenschutz funktioniert. Für Ryser ist er das richtige Instrument. Einig waren sie sich, dass die Arbeitsbedingungen für Älpler und Hirten verbessert werden müssten. Für Züger leidet die Biodiversität bei mehr Hektik auf den Weiden, für Franziska Ryser ist der Wolf ein Teil davon. Züger möchte, dass schneller gegen den Wolf vorgegangen wird. Ryser will eine Koexistenz erreichen. Alpwirtschaft und Biodiversität nebeneinander. Unterschiedliche Erfahrungen, Meinungen und Forderungen kamen auch aus dem Publikum. Die Diskussion geht ganz sicher weiter.
