Pferdezahnkontrolle und -pflege ist (ihr) wichtig
Regelmässige Zahnkontrolle bei Pferden ist der Tierärztin Tanya Rhiner ein Anliegen. Als Mitarbeiterin der Tierklinik in Nesslau ist sie vorwiegend im Oberen Toggenburg unterwegs. Bei einem Einsatz im Stall Morgenstern von Barbara Abderhalden durfte ihr der «St. Galler Bauer» über die Schulter schauen.

Es ist ein Montagnachmittag im Wonnemonat Mai. Auf dem Hof Morgenstern in der Nesslauer Laad geniessen die Pferde und Ponys den Aufenthalt auf der Weide. Besitzerin Barbara Abderhalden hat einen Termin mit der Tierärztin Tanya Rhiner vereinbart. Es geht um die Zahnpflege bei einigen ihrer Ponys. «Eine jährliche Kontrolle ist genauso wichtig wie die regelmässige Beobachtung durch die Besitzerin oder die verantwortlichen Betreuungspersonen», so Barbara Abderhalden.
Als Erstes stellt Tanya Rhiner ihre gesamte Ausrüstung bereit, damit die Ponys speditiv behandelt werden können. Chicco, der 24-jährige Shetland-Pony-Wallach steht schon bereit. Eine erste Untersuchung sowie Befragung der Besitzerin geben der Tierärztin Aufschluss über den Verlauf der Behandlung, dabei wird alles schriftlich festgehalten. «Wichtig ist auch das Messen der Temperatur, denn bei einer planbaren Behandlung soll keine Sedierung erfolgen, wenn das Tier Fieber hat», erklärt Tanya Rhiner. Beim 170 Kilo schweren Chicco ist alles in Ordnung, damit erhält er eine Spritze, und nach wenigen Minuten steht er ganz ruhig da. Die Behandlung wird rund eine Dreiviertelstunde dauern und verlangt sowohl von der Tierärztin als auch von der Besitzerin volle Konzentration, steht doch das Wohlbefinden des tierischen Patienten im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Pferdemaul auf, gut abstützen
Mithilfe eines Maulgatters kann nun die Pferdezahnmedizinerin die Prüfung der Backenzähne in Angriff nehmen. Der Kopf von Chicco wird auf einer extra dafür bereitstehenden, in der Höhe verstellbaren Halterung abgestützt. Chicco hat grundsätzlich ein schönes Gebiss, allerdings hat er am Unterkiefer sogenannte Rampen an den vordersten Backenzähnen.
Nun werden mittels der nötigen Gerätschaften zuerst wird eine sogenannte Disc eingesetzt, die zu hohen Zähne abgeschliffen. Dazwischen wird das Maulgatter geschlossen und das Pferdemaul gespült. Parallelen zur menschlichen Zahnbehandlung können dabei durchaus festgestellt werden. Markanter Unterschied: Während der Mensch im Stuhl sitzt, steht das Pferd ruhig da und lässt die Prozedur über sich ergehen.
Kontrolliert werden auch die Schneidezähne. Zeigen sich Unregelmässigkeiten, wird auch dort abgeschliffen. Dann werden mit einem anderen Schleifkörper die Kanten, sogenannte Spitzen, abgerundet. Während der gesamten Behandlungsdauer steht das Wohl von Chicco im Mittelpunkt. Durch das Sedieren braucht er eine Stütze, wie Barbara Abderhalden feststellt. So werden das Pony und die Gerätschaften um zwei Meter verschoben, damit sich Chicco an die Stallwand lehnen kann. Beendet wird die Zahnpflege mit einer genauen Kontrolle, dem nochmaligen Ausspülen des Mauls, und dann darf sich das Pony erholen. «Wir beobachten jedes Tier, bis es wieder ganz wach ist», so die Tierärztin.

Gutes Händchen für Pferde
Tanya Rhiner ist eine grosse Pferdeliebhaberin, wie sie auf eine entsprechende Frage bestätigt. «Ich habe selbst Pferde, und dank meiner Weiterbildung als Pferdezahnmedizinerin kann ich bei Pferden und Eseln sehr viel zur Prophylaxe beitragen. Ein gesundes Gebiss ermöglicht, dass die Tiere richtig fressen, ihr Gewicht halten und damit einen guten Allgemeinzustand haben», berichtet sie von ihren Erfahrungen. Barbara Abderhalden bestätigt, dass diese Vorsorge sehr wichtig ist. «Zwischen Tanya und mir besteht ein echtes Vertrauensverhältnis, und ihre Arbeit bestätigt meine Einstellung. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, das Wesen dieser Tiere zu verstehen. Regelmässige Gesundheitskontrollen, insbesondere der Zähne, gehören ebenso zur Pflege wie das richtige Futter», so die Betreiberin des Stalls Morgenstern.
Die Zusammenarbeit zwischen Tierärztin und Besitzerin funktioniert ohne grosse Worte. Trotz voller Konzentration bei der Zahnpflege wird die ständige Kontrolle des Pferdes und damit das Tierwohl nie ausser Acht gelassen. Nach Abschluss der Zahnpflege wird ein Protokoll erstellt, worin die gesamten Arbeitsabläufe festgehalten werden.

Wackelzahn entdeckt
Als nächstes Tier steht Alexa von der Birkenhofalm, kurz Lexi genannt, bereit. Die Island-Shetland-Mix-Stute durchläuft zu Beginn das gleiche Besichtigungs- und Untersuchungsprozedere wie Chicco. Sie braucht etwas mehr Mittel zur Ruhigstellung, bringt sie doch 250 Kilo auf die Waage. Schon nach einer kurzen Untersuchung im Maul stellt Tanya Rhiner einen Wackelzahn fest. Dieser muss entfernt werden und somit wird der Arbeitsablauf umgestellt. Eine Spritze sorgt für die Betäubung der entsprechenden Maulregion. Und wieder kommen Erinnerungen an die menschliche Zahnbehandlung auf. Nach kurzem Warten kommt statt einer Zange einfach ein Zahnhebel zum Einsatz. Damit wird der wackelnde Wolfszahn gelöst und nach einigen Minuten liegt dieser auf der Hand der Tierärztin. Er ist klein und unscheinbar – und doch stört ein wackelnder Zahn bei der Futteraufnahme.
So wie bei Chicco und Lexi kontrolliert und pflegt die Tierärztin noch weitere Pferdegebisse, bis sie sich auf den Weg zum nächsten Einsatz macht. «Einen Grossteil meiner Arbeitszeit darf ich der Zahnpflege bei Pferden und Eseln widmen, zudem bin ich auch als Grosstierärztin im Einsatz», ist von Tanya Rhiner zu erfahren. Als Mitarbeiterin der Tierklinik Nesslau Grosstiere GmbH betreut sie, zusammen mit weiteren Kolleginnen, Pferde und Nutztiere in der Region Toggenburg.
Das Pferd und seine Zähne
Das Gebiss des Pferdes durchläuft zwei Dentitionen, was bedeutet, dass ein Milchgebiss von einem Dauergebiss abgelöst wird. Charakteristisch weist der Backenzahnbereich des Pferdes eine Anisognathie auf. Das heisst, der Unterkiefer und seine Zähne stehen enger aneinander als der Oberkiefer, weshalb sich die entsprechenden Kauflächen nur bei Kaubewegungen berühren. Im Pferdegebiss werden vier Zahntypen unterschieden: Schneidezähne, Eckzähne, vordere und hintere Backenzähne. Somit ergeben sich 24 Zähne im Milchgebiss, die dann durch Ersatzzähne im Dauergebiss abgelöst werden, sowie hinzukommend maximal 20 «Zuwachszähne» im permanenten Gebiss. Ein erwachsenes Pferd besitzt somit 36 bis 44 Zähne.
Infolge des Zahnwechsels können persistierende Milchzähne und asymmetrische Kauflächen entstehen, die zu Problemen bei der Futteraufnahme führen können. Auch nach erfolgtem Zahnwechsel bleiben regelmässige Zahnbehandlungen unerlässlich. Beim ausgewachsenen Pferd kommt es beispielsweise durch den fehlenden Abrieb zur Bildung von Zahnspitzen. Diese können schmerzhafte Schleimhautverletzungen auslösen, wenn sie nicht abgerundet werden.
