Orthobunyavirus in der Ostschweiz bereitet Sorgen

Täglich erkranken Kühe an Durchfall und Fieber und die Milchleistung bricht ein. Im Verdacht steht ein neues Virus. Ein Thurgauer Landwirt berichtet, wie heftig das Orthobunyavirus in seinem Stall zugeschlagen hat. Zwei Tierärztinnen erklären, warum die Diagnose schwierig ist.

Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) hat am 31. Juli 2026 in Proben von Rindern mit Fieber, Durchfall und Milchrückgang das Shamonda-like-Virus nachgewiesen. Es handelt sich um das erstmalige Auftreten eines weiteren Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe in der Schweiz seit dem ersten Ausbruch des Schmallenberg-Virus im Jahr 2012.

 

Ende Juli 2026 begann auf einem Thurgauer Betrieb eine schwierige Zeit. Eine Kuh wollte nicht aufstehen. Auch mit Hilfe gelang es nicht. Dann trat massiver Durchfall auf. Damals hatte man keine Kenntnisse über das Orthobunyavirus. Trotz Medikamentengabe und Flüssigkeitskontrolle verstarb das Tier nach einer Woche. Jeden Morgen kesselte das Handy des Landwirts, der Melkroboter meldete zahlreiche akut inaktive Kühe. Die Pansenaktivität klappte zusammen. Der Durchfall hatte die Konsistenz von Wasser. Die Fressunlust führte dazu, dass viel zu viel Futter übrigblieb und ausgeschoben werden musste. Zunächst führte der Landwirt, der nicht mit Namen genannt werden möchte, die Symptome auf die Hitze zurück. Doch dann erfuhr er vom Orthobunyavirus-Auftreten in Deutschland. Die tierärztliche Virusbeprobung auf seinem Hof brachte es an den Tag: positiv.

Je früher erkannt, desto besser

Die Milchleistung fiel durchschnittlich auf 500 Liter weniger pro Tag. Je länger die Symptome andauerten, desto schwächer wurden die Tiere. Entzündungshemmer, stundenlanges Drenchen und Durchfallpulver bestimmten den Alltag. Der Landwirt war fast jeden Tag beim Tierarzt, bis diesem die Medikamente ausgingen. Die Kontrollgänge durch den Stall wurden erhöht: Statt drei Mal ging die Familie sieben bis acht Mal durch den Stall, um Neuerkrankungen möglichst schnell zu entdecken. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Je früher man die Symptome erkennt und handelt, desto besser verläuft die Therapie. Mental ging es der Landwirtefamilie schlecht: «Es tut einem weh, die Tiere so zu sehen. Man will nur das Beste für sie.» In dieser Zeit war der Austausch der Bauern wichtig. Viele hatten dieselben Symptome bei ihren Kühen. Er fragte sich auch, ob er etwas falsch gemacht hat. Doch mit der Gnitzenübertragung ist es wie beim russischen Roulette: Es kann jeden treffen. «Persönlich bin ich der Meinung, wenn es nicht so lange so heiss gewesen wäre, hätte das Virus nicht so ein leichtes Spiel gehabt.» Ein Wermutstropfen ist, dass die Sterblichkeitsrate gering ist, bei zuletzt erkrankten Tieren der Krankheitsverlauf wesentlich milder war und dass der Betrieb über den Berg ist.

Bei betroffenen Kühen ist nebst Fieber, Durchfall und Fressunlust ein massiver Milchrückgang zu beobachten. Bild: Pixabay
Bei betroffenen Kühen ist nebst Fieber, Durchfall und Fressunlust ein massiver Milchrückgang zu beobachten. Bild: Pixabay

Kostenübernahme der Proben

Sabine Sprenger und Myriam Klopfstein von der Tierklinik Nesslau Grosstiere, erklären, dass es im Toggenburg (noch) kein grosses Thema ist und auch in anderen Gebieten ist die Wasser- beziehungsweise Futterknappheit das grössere Thema. Gab es dennoch Fälle im Toggenburg? «Wir haben Verdachtsfälle gehabt. Da der Virusnachweis vor allem ganz zu Beginn der Erkrankung gelingt, das heisst, bevor der typische Durchfall auftritt, wurden in unserer Region noch nicht viele Proben entnommen. Die Kostenübernahme für eine Probenuntersuchung durch den Bund ist erst kürzlich kommuniziert worden. Vorher hätten die Landwirte die Kosten selbst bezahlen müssen.» Wie ist der Ablauf, wenn der Verdacht auf das Virus besteht? Sabine Sprenger und Myriam Klopfstein erklären die aktuelle Vorgehensweise wie folgt: «Der Verdacht beziehungsweise der Nachweis dieses Erregers hat für den Betrieb keine Konsequenzen, zum Beispiel keine Betriebssperren. Die Landwirte sind gebeten, den Fragebogen auf der Seite des Rindergesundheitsdienstes (RGS) auszufüllen.»

Fast wie Hitzestress

Die Diagnose ist knifflig. Die Symptome des Orthobunyavirus treten auch im Zusammenhang mit Hitzestress auf, deshalb wurden initial auch viele Fälle nicht mit einer Viruserkrankung in Verbindung gebracht: Starker Rückgang der Milchleistung, reduzierte Futteraufnahme, Fieber, Durchfall, Atemwegssymptome wie erhöhte Atemfrequenz, Husten, Nasenausfluss, zentralnervöse Störungen wie Muskelzittern, Berührungsempfindlichkeit, Nervosität, Festliegen (diese treten oft verzögert auf), Abort und Missbildungen bei Kälbern. Die tierärztlichen Massnahmen umfassen die symptomatische Therapie wie Entzündungshemmer, Durchfallmittel und Flüssigkeitstherapien (Drenchen/Infusionen). Antibiotika sind nur ausnahmsweise bei bakteriellen Sekundärinfektionen nötig.

Welche Erfahrungen haben die Tierärztinnen bisher mit dem Virus gemacht? «Wir haben Tiere mit Durchfall und/oder Fieber behandelt, und es wurde uns auch von mehreren Landwirten berichtet, die solche Fälle hatten, ohne dass eine Behandlung durch einen Tierarzt erfolgen musste. Schlimmere Fälle hatten wir bis jetzt keine, auch neurologische Fälle sind bis jetzt nicht aufgetreten. Aborte und Missbildungen können natürlich zu einem späteren Zeitpunkt noch auftreten und im Toggenburg muss vermutlich auch noch mit vermehrtem Auftreten von erkrankten Tieren gerechnet werden.»

Sind Ihre Tiere auch vom Orthobunyavirus betroffen?

Ja, bei uns wurde das Virus nachgewiesen.
Ich vermute es, getestet wurde aber nicht.
Nein, zum Glück (noch) nicht.

17 Kantone betroffen

Stand 17. August 2026 wurde das Orthobunyavirus in 17 Kantonen und im Fürstentum Liechtenstein nachgewiesen. Das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) vermutet, dass grosse Teile der Schweiz betroffen sein könnten. Genaue Zahlen fehlen, weil die Krankheit nicht meldepflichtig ist und Verdachtsfälle nicht zwingend getestet werden.

Die Zahl positiver Proben stieg zunächst rasch an und scheint sich inzwischen etwas zu stabilisieren. Der Virusnachweis gelingt allerdings vorallem früh im Krankheitsverlauf.

Wo das Virus erstmals auftrat, ist unklar. Erste Fälle wurden ungefähr gleichzeitig in Frankreich, der Schweiz und Süddeutschland gemeldet. Inzwischen gibt es auch Nachweise in Liechtenstein und den Niederlanden.

Das IVI konzentriert sich auf Diagnostik und Forschung. Es sequenziert Virusproben, charakterisiert den neuen Erreger und arbeitet an besseren Testmöglichkeiten. Die Laborkosten für Untersuchungen von Verdachtsfällen übernimmt der Bund.

 

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