Kuh-Physiotherapeut John F. Marti sorgt für mehr Tierwohl
Seit über 30 Jahren ist John F. Marti als Physiotherapeut unterwegs. Das Besondere: Mit seinen Händen behandelt er nicht verkrampfte oder körperlich angeschlagene Menschen, sondern Pferde und Kühe.

Die achtjährige Listler Lorena steht separiert im Laufstall. Sie ist kurz vor der Abkalbung und hat mit regelmässigen Krämpfen zu kämpfen. Dabei zucken einzelne Körperteile, vor allem die Beine, unsicher, während ihr das Aufstehen zunehmend Mühe bereitet.
Der Spitzenbraunviehzüchter Philipp Zweifel aus Linthal ist der Besitzer von Lorena. Ihm bedeutet die erfolgreiche Kuh viel; zu ihrem Wohl setzt er auch auf die Unterstützung von Experte John Marti.
Schon beim ersten Augenschein bei der Kuh sieht Marti die Herausforderungen, mit denen Lorena im Alltag zu kämpfen hat. Obwohl eine gesunde Kuh vor ihm steht, erkennt der Fachmann ihre Verspannungen und Fehlbelastungen. Krampfenden oder gar festliegenden Kühen hilft er täglich wieder auf die Beine – schweizweit, und dank seines Bekanntheitsgrades auch regelmässig im Ausland. «Durch die veränderte Fütterung entstehen heute oft Probleme durch Magnesium- oder auch Vitamin-B-Mangel», hält er fest.
Im Stand sieht er genau, welche Muskeln und Nerven bei Lorena verklebt beziehungsweise zu wenig durchblutet sind. Mit gezielten Handgriffen und festem Druck löst er die Verklebungen der Faszien. Faszien sind kollagenhaltiges Bindegewebe, das als umhüllendes Netzwerk Muskeln, Knochen und Organe durchzieht.

Kräftige Handarbeit
Lorena hält den Kopf gesenkt, lässt die intensive, aber nicht schmerzhafte Prozedur aufmerksam über sich ergehen. Nach der ersten kräftigen Handarbeit nimmt Marti die Einhell-Roll-Massagebürste (Pidobella) zur Hand. Mit der Reibung durch die eigens entwickelten Borsten wird der Blutkreislauf weiter angeregt, die Verspannungen werden gelöst. Lorena steht weiter mit leicht gesenktem Kopf und lässt die Berührungen interessiert zu. Je nach gezielter Berührung an bestimmten Muskeln reagieren ganze Körperteile.
Weiter geht die Behandlung, die in der Regel zwischen 30 und 40 Minuten dauert, mit dem Massage-klopfgerät.
Von Abu Dhabi nach Zug
John Marti hat 1991 an einer renommierten französischen Schule eine dreijährige Ausbildung zum Physiotherapeuten für Pferde abgeschlossen. Der in Ennenda und Frankreich aufgewachsene Marti ist darüber hinaus Neuro-Elektro-Stimulations-Physiotherapeut. Er verbrachte unter anderem längere Zeit in Abu Dhabi und Deutschland, wo er auf namhaften Pferderennbahnen anzutreffen war. Seit drei Jahren lebt er nun in Zug und arbeitet von dort aus.
Mit Kühen begann der ursprünglich gelernte Metzger schon vor Jahrzehnten zu arbeiten – in einem Fachgebiet, das auf grossen Eliteschauen in ganz Europa seinen Anfang nahm und heute bis in die entlegensten Ställe im Berggebiet angewendet wird.
Gezielte Handgriffe
Interessanterweise ist Lorena zu keinem Zeitpunkt der Behandlung gestresst. Die festen Berührungen wirken offensichtlich. Die nun bewusst ausgelösten Zuckungen, die zuvor einige Sekunden dauern konnten, enden nach kürzester Zeit.
Dann wird der Kuh ein Band über den Rist gelegt, daran wird der N.E.M.S (Neuro-Elektro-Muskulär-Stimulator) befestigt. Gezielt werden je zwei Klebeelektroden links und rechts auf dem Rücken der Kuh platziert. Als die Impulse, die auf die Stellen wirken, ausgelöst werden, steht Lorena ruhig da, während von aussen sichtbar ist, wie ihre Muskeln vom ganzen Bauchraum über die Beine bis zum Euter leicht zucken.

«Natürlich muss man wissen und spüren, wo sich welche Muskeln und Nervenbahnen befinden», sagt der Spezialist, der mit systematischen Handgriffen bei jedem Tier sofort die Problemstellen findet. «Aber es gibt zwei, drei hilfreiche Griffe und Punkte, die jeder Bauer selbst anwenden könnte, beispielsweise bei einer festliegenden Kuh.»
Wieder auf den Beinen
In diesem Bereich macht er auf einen Punkt aufmerksam, der aus seiner Sicht differenziert betrachtet werden sollte. «Oft wird das Einschläfern einer Kuh als einzige Option in Erwägung gezogen. Dabei handelt es sich bei den im Blut festgestellten Mängeln, die festliegende Kühe typischerweise aufweisen, häufig um Folgereaktionen und nicht um die eigentliche Ursache.»
Eine Kuh, bei welcher beispielsweise die Muskeln oder Nerven bei der Kalbung abgeklemmt wurden, kann ohne die korrekt durch die Bahnen geleiteten Impulse gar nicht reagieren.
Vor Kurzem brachte er in Italien gar eine Kuh, die einen ganzen Monat festlag, wieder auf die Beine. «Eine Garantie gibt es nie, aber in den meisten Fällen berichten mir die Bauern von lang anhaltenden Erfolgen», so Marti, der bei Lorena eine Besserung nach zwei bis vier Tagen erwartet.
Muskelkater mildern
Für den Muskelkater, der sie zunächst begleiten wird, erhält Lorena noch Einreibungen mit Arnika, eine hoch dosierte Tinktur nach eigenem Rezept. Mittlerweile hält die Kuh ihren Kopf aufrecht und widmet sich entspannt dem Wiederkauen. Einen faszinierenden Wandel hat das Tier in dieser Zeit durchgemacht. Die Körperhaltung ist stabiler, der Rücken gerader.
«Es klingt zwar komisch, aber eigentlich ist es wie ein Update», erläutert Marti. Durch die Verklebungen der stets angespannten und verspannten Muskeln ist die Durchblutung gestört und der Blutfluss behindert. Dies führt bei krampfenden Kühen immer wieder zu Zuckungen und Schwierigkeiten bei gewissen Bewegungen.
Lorena brachte vier Tage nach der Behandlung komplikationslos ein gesundes Kuhkalb zur Welt.

