Kantonstierarzt Lukas Kenel im Interview: «Ich liebe, was ich mache»
Im Januar 2025 hat Lukas Kenel seine Arbeit als Kantonstierarzt des Kantons St. Gallen aufgenommen. Er schwärmt von seinen Arbeitstagen. Zwei Themen begleiten den Thurgauer seit Amtsantritt intensiv: Tierseuchen und die Biosicherheit. Wie der 34-Jährige diese angeht, erzählt er im Gespräch.

Herr Kenel, es war gar nicht so einfach, mit Ihnen telefonisch in Kontakt zu treten. Jagen Sie von einem Termin zum nächsten?
Lukas Kenel: Seit meinem Start im Januar 2025 reiht sich Termin an Termin. Das liegt zum einen an der Tierseuchenlage, zum anderen an den diversen Veranstaltungen, die ich besuche, um die Menschen kennenzulernen und sie mich. Mir ist es wichtig, persönlichen Kontakt zu pflegen und nicht nur über öffentliche Auftritte, Medienbeiträge oder amtliche Schreiben wahrgenommen zu werden.
Welche weiteren Aufgaben gehören zum Beruf als Kantonstierarzt?
Kenel: Organisatorische und strategische Entscheide gehören in meinem Alltag als Kantonstierarzt ganz selbstverständlich dazu. Ein Grossteil meiner Arbeit betrifft zudem anspruchsvolle Fälle, die bei mir landen und bei denen endgültige Entscheide getroffen werden müssen. Mit Blick auf die Landwirtschaft kann ich sagen, dass weit über 90 Prozent der Betriebe sehr gut funktionieren. Was uns freut.
Welches Thema begleitet Sie seit Ihrem Arbeitsbeginn am intensivsten?
Kenel: Dies ist ganz klar die Tierseuchenlage. So spannend und gleichzeitig herausfordernd wie heute war sie in den letzten Jahren nicht mehr. Fast jede Buchstabenkombination erinnert mich inzwischen an eine Tierseuche, die uns in den vergangenen zehn Monaten in Europa beschäftigt hat. Anfang November wurde im Kanton Bern bei einer Graugans HPAI, die Vogelgrippe, nachgewiesen, seither kam es zu mehreren Nachweisen in anderen Kantonen. Seit Ende November fordert uns die Vogelgrippe auch im Kanton St. Gallen stark.
Wie sieht es aktuell aus?
Kenel: Wir rechnen im Winterhalbjahr immer mit solchen Fällen und sind entsprechend vorbereitet. In diesem Jahr ist die Welle früher und intensiver über Europa geschwappt. Am 21. November wurde im Kanton St. Gallen der erste Nachweis des Vogelgrippevirus in einer Tierhaltung festgestellt. Seither gelten lokale, regionale und auch nationale Massnahmen. Ziel ist es, eine Einschleppung oder Weiterverbreitung des Virus zu verhindern. Dazu gehört zum Beispiel, dass man mehr Distanz zwischen Wildvögeln und gehaltenen Vögeln schafft, um den eigenen Tierbestand zu schützen. Die Umsetzung dieser Vorgaben liegt vor allem im eigenen Interesse der Tierhalterinnen und Tierhalter. Eine Einschleppung der Vogelgrippe bedeutet, dass alle empfänglichen Tiere im Bestand erlöst werden müssen. Zudem hat ein Ausbruch auch Folgen für die umliegenden Betriebe. Die Umsetzung der Massnahmen hat immer auch mit Solidarität unter den Tierhaltern zu tun.
Wie sehen Biosicherheitsmassnahmen am Beispiel Moderhinke aus?
Kenel: Das nationale Moderhinke-Programm dauert insgesamt fünf Jahre. Ziel ist es, dass weniger als ein Prozent der Betriebe Moderhinke-positiv sind. Damit das gelingt, braucht es mehrere wichtige Schritte bei der Sanierung. Besonders entscheidend ist das korrekte Schneiden der Klauen. Das entfernte Klauenhorn muss anschliessend fachgerecht entsorgt werden. Auch die richtige Badedauer und die passende Konzentration des eingesetzten Mittels sind wichtig für den Erfolg. Im Idealfall sorgt man jedoch dafür, dass die Krankheit gar nicht erst oder nicht erneut eingeschleppt wird. Ein kontrollierter Tierverkehr spielt dabei eine zentrale Rolle. Hinzu kommen Hygienemassnahmen wie das regelmässige Reinigen der Klauenwerkzeuge, gründliches Händewaschen, das Reinigen der Stiefel und natürlich auch die regelmässige Klauenpflege. Mit diesen Schritten kann man im Sinne der Biosicherheit viel dazu beitragen, den eigenen Bestand gesund zu halten.

Eine weitere Tierseuche, die stark beschäftigt, ist die Blauzungenkrankheit?
Kenel: Genau, die Gnitze, die das Virus überträgt, lässt sich kaum vollständig bekämpfen, jedoch durch geeignete Massnahmen reduzieren. Für die Krankheit ist es typisch, dass die Fallzahlen im Herbst steigen. Wer seine Tiere schützen möchte, dem empfehlen wir die Impfung. Sie gibt den Tierbesitzern eine wirksame und eigenverantwortliche Möglichkeit, ihre Bestände gesund zu halten.
Mit rechtlichen Pflichten kennen Sie sich aus. Sie waren vorher im Veterinärdienst der Urkantone tätig.
Kenel: Ich war dort über acht Jahre tätig. Eher zufällig bin ich auf der amtstierärztlichen Schiene und im Veterinärdienst gelandet – und dann hat es mich richtig gepackt. Besonders die ersten vier Jahre im Aussendienst waren prägend: An einem einzigen Tag konnte alles vorkommen, von Fleischkontrollen über illegale Tierimporte bis hin zum Besuch bei einem begeisterten Schlangenhalter. Diese vielseitigen Erfahrungen helfen mir in meiner aktuellen Funktion enorm.
Ich spüre die Leidenschaft für Ihren Beruf förmlich heraus. Was begeistert Sie so sehr?
Kenel: Ich liebe, was ich mache. Neben der grossen fachlichen Breite trägt auch der Kanton St. Gallen zur Vielfalt bei. Wir haben Flachland, Voralpen, Sömmerungen, Grossbetriebe, Kleinstbetriebe, Zoos, Versuchstierhaltungen, eine Tiermehlfabrik und vieles mehr. In diesem Kanton findet man alles, was man sich als Kantonstierarzt wünschen kann.
Wie eingangs erwähnt, ist Ihre Agenda dicht bepackt mit Terminen. Was steht als Nächstes an?
Kenel: Momentan bin ich wegen des Nachweises in Wil stark mit der Vogelgrippe beschäftigt. Zudem starten bald die Delegierten- und Hauptversammlungen der Verbände. Oft werde ich für Referate angefragt. An solchen Veranstaltungen nehme ich gern teil. Denn sie bieten eine wertvolle Gelegenheit, in den Austausch zu treten und fachliche Themen verständlich zu vermitteln.
