Hilfe für kranke und verletzte Igel
Rund 300 Tiere werden jährlich in die Igelpflegestation in Gossau gebracht. Auf dem Gelände des Walter Zoos erhalten verletzte und geschwächte Tiere professionelle Hilfe. Zudem zeigt ein Naturlehrpfad, wie ein idealer Garten aussieht, damit sich Igel wohlfühlen.

Geschwind trippelt der Igel in der Wanne zu seinem Versteck unter altem Zeitungspapier. Der kleine Patient ist schon fast fit für die Freilassung. Zehn Tage verbrachte das Tier in der Igelpflegestation im Walter Zoo, nachdem es geschwächt und voller Parasiten eingeliefert worden war. Passanten hatten den Igel an der Strasse gefunden und zur Station gebracht. Dort wurde er vom Fachteam sorgfältig untersucht. Unter Narkose prüfte man ihn auf Wunden und Knochenbrüche und entfernte mehrere Zecken. Später stellte man anhand einer Kotprobe fest, welche Würmer in seinem Magen-Darm-Trakt leben. «Jeder Igel hat Würmer, aber bei kranken Tieren nehmen diese Würmer überhand und schwächen es noch mehr», erklärt Elia Heule. Er ist heute Leiter Zoologie und Artenschutz sowie Mitglied der Geschäftsleitung des Walter Zoos.
Besucher sensibilisieren
Vor fünf Jahren war er massgeblich am Aufbau und an der Einrichtung der Igelpflegestation beteiligt. Eine anspruchsvolle Zeit, wie er erzählt: «Der Ostschweizer Igelfreunde-Verein trat an uns heran und bat uns, im Zoo eine Igelstation zu eröffnen. Denn im Raum St. Gallen fehlte eine solche Einrichtung seit Langem. Nach reiflicher Überlegung sagten wir zu, und zwar nicht nur, um Igeln zu helfen.» Denn der Walter Zoo wollte die Station von Beginn weg dazu nutzen, Besucherinnen und Besucher für das Thema Biodiversität und naturnahe Gärten zu sensibilisieren. Auf der ehemaligen Lamaweide wurde ein Naturlehrpfad gestaltet, und nebenan richtete das Team einen Behandlungsraum für Igel ein. Im Juli 2020 nahm die Station ihren Betrieb auf – und stiess schon bald an ihre Grenzen.
300 Igel jährlich
«Anfangs rechneten wir mit etwa 80 Tieren pro Jahr und planten entsprechend das Personal ein», erzählt Elia Heule. «Schnell merkten wir, dass diese Zahl viel zu tief war. Bereits im zweiten Jahr zählten wir über 400 Tiere. Jetzt sind es durchschnittlich 300 Igel, die bei uns betreut werden.» Personal und Stationsumfeld sind dabei kein Problem; anspruchsvoll ist hingegen die Finanzierung. Zum einen beschaffen der Igelfreunde-Verein und mehrere Tierschutzvereine Geld, zum anderen geht ein Artenschutzfranken der Zoobesucher an die Station. Trotzdem sei der Rest, den der Zoo beisteuert, beträchtlich, sagt Elia Heule. «Die Personalkosten sind hoch, aber wir wollen Fachpersonal für die Pflege der Tiere. Glücklicherweise können wir auf die Unterstützung von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zählen, vor allem bei der Reinigung.»

Und diese Reinigung ist aufwendig. Denn jeder Igel wird in einer eigenen Wanne gehalten, damit er keine Artgenossen ansteckt. Diese Wannen fand der Zoo bei einer anderen Igelstation. Sie sind hygienisch und grosszügig und können so eingerichtet werden, dass der Igel einen Schlafplatz, einen Futterplatz und einen Ort hat, in dem er Futterstückchen suchen kann. Alle Wannen werden täglich in der Station gereinigt und einmal pro Woche draussen auf dem Vorplatz gründlich abgespritzt und desinfiziert. All das ist nötig, damit Igel gesunden können und möglichst frei von Parasiten werden. Und da ein Igel pro Nacht dreimal seinen vollen Magen und Darm entleert und somit auch Parasiten wie Würmer freisetzt, steht das Desinfektionsmittel bei der Arbeit immer bereit. Sobald ein Igel untersucht wurde und zurück in seiner Wanne ist, müssen die Handschuhe, die Waage und alles Weitere desinfiziert werden.
Entwurmen und rehydrieren
«Jeder Igel wird täglich gewogen. Das Gewicht tragen wir auf seinem Patientenprotokoll ein. Dort steht auch, welche Medikamente er erhält und wie sein Genesungsfortschritt ist», erklärt Elia Heule. Eine der häufigsten Massnahmen sei die Rehydrierung der Patienten. Das gebe dem Tier einen richtigen Boost. Zudem verabreicht das Team Mittel gegen die vielen verschiedenen Wurmarten, von denen Igel befallen sind. Solche medizinischen Hilfsmittel tragen dazu bei, dass ein geschwächtes Tier wieder fit wird. Manchmal kann aber auch das beste Medikament nicht mehr helfen. «Wenn wir bei einem Igel in seiner Wunde Fliegenmaden finden, dann hat uns die Erfahrung leider gezeigt, dass wir ihm nicht mehr helfen können. Denn auch wenn wir die Maden entfernen, gelingt es uns kaum je, auch jene zu entdecken, die bereits tief in der Wunde versteckt sind», sagt Elia Heule.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat aber auch gezeigt, wie wichtig die Igelstation ist: Etwa 50 Prozent der eingelieferten Tiere, welche die ersten 24 Stunden überleben, können wieder ausgewildert werden. «Das übernimmt meistens jene Person, die den Igel gebracht hat. Einen Igel lässt man nämlich am besten dort wieder frei, wo er gefunden wurde», erklärt Elia Heule. «Igel sind ortskundig. Sie wissen genau, wo sie in den Gärten Nahrung finden, wo sie unter Zäunen hindurch weiterwandern können und wo ideale Verstecke sind.» Was man nie tun dürfe: Einen Igel im Wald aussetzen. Denn Igel sind keine Waldtiere. Ursprünglich war der gut strukturierte Waldrand ihr Lebensraum. Heute sind solche Waldränder selten geworden; der Wechsel von Kulturland zu Wald ist abrupt. Deshalb seien Igel jetzt Siedlungsbewohner. «Wer einem Igel helfen möchte, sollte ihn nicht täglich füttern. Viel wichtiger ist es, einen Garten so zu gestalten, dass die Tiere einen idealen, gut strukturierten Lebensraum vorfinden», betont Elia Heule.
Telefonische Beratung
Wer einen kleineren Igel tagsüber im Garten sieht, muss sich übrigens noch keine Sorgen machen. Das könne durchaus vorkommen, wenn er Hunger hat, erklärt der Fachmann. Deshalb sei es wichtig, dass immer zuerst in der Station angerufen wird, bevor man einen Igel aufhebt und vorbeibringt. «Wir wollen keinen unnötigen Eingriff in die Natur. Deshalb ist die Beratung am Telefon wichtig. Jedes Jahr erhalten wir rund 1300 Anrufe», sagt Elia Heule. Er hält fest, dass auch Igel gebracht werden können, die schwer verletzt sind. Wenn ein Tier keine Überlebenschancen habe, soll es doch nicht draussen verenden, sondern in der Station eingeschläfert werden. Doch wie bereits erwähnt: Ein Grossteil der kranken und verletzten Tiere kann wieder freigelassen werden. Das sei auch dem enormen Einsatz des Personals zu verdanken, betont Elia Heule. «Junge Igel werden zum Beispiel nach Hause genommen, damit sie auch nachts ihren Schoppen bekommen. Da steckt viel freiwillige Arbeit des Teams dahinter.» Wenn Igel bei Wintereinbruch gebracht werden, ist die Station ebenfalls eingerichtet. Je nach Fall kann das Tier dann bis im Frühling in einer Aussenbox im Zoo bleiben, erklärt Elia Heule. «Doch die Patienten, die jetzt gerade in den Wannen den Tag verschlafen, haben alle noch Zeit, bald in der Natur ihr Winterquartier zu finden.»
Igelpflegestation Walter Zoo
- Telefon 076 573 65 21
- Igeltelefonzeiten: 9 bis 12 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr
