Zu viele Hirsche: Bauern fordern Erhöhung der Abschusszahlen

Zertrampelte Weiden, abgefressenes Gras und wachsender Frust: In vielen Regionen im Kanton St.Gallen hinterlassen Hirsche deutliche Spuren auf landwirtschaftlichen Flächen. Trotz hoher Abschusszahlen bleibt das Problem bestehen.

Gerade im Frühling zieht das frische Grün die Wildtiere an. Bei genügend Ruhe kommen sie auch am Tag aus dem Wald heraus. Bilder: ANJF
Gerade im Frühling zieht das frische Grün die Wildtiere an. Bei genügend Ruhe kommen sie auch am Tag aus dem Wald heraus. Bilder: ANJF

Als reine Vegetarier fressen Rothirsche Blätter von Bäumen, Baumrinde, Nadeltriebe, Pilze, Beeren, Eicheln, ja sogar Flechten und Früchte. Sie können mit ihrem Appetit auf saftige junge Baumtriebe sogar ganze Bäume zerstören. Doch sie lieben auch saftige Gräser, sehr zum Leidwesen der Bauern.

Landwirte wie Stefan Rüdisüli aus Schänis haben nun genug. «Ich mache mir grosse Sorgen wegen dieser Dauergäste», sagt er. Nicht nur Rüdisüli, auch seine Berufskollegen Remo Beeler und Ruedi Seliner, beide ebenfalls aus Schänis, sind betroffen. Doch am schlimmsten betrifft es Andreas Mettler aus Ziegelbrücke. Seine Produktionsfläche befindet sich am Berg und ist vom Wald ganz eingeschlossen. «Die schlauen Tiere fressen uns das Gras wortwörtlich vor der Nase weg», erklärt Rüdisüli. Er meldete die Vorfälle den Behörden. «Dann hatten wir letztes Jahr ein Treffen mit dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) sowie dem Wildhüter. Das Gespräch verlief gut und ich fühlte mich verstanden. Aber das war es auch schon. Seither ist nicht mehr viel passiert», sagt er.

Grosse Hirschrudel werden auch im etwas entfernteren Vasön bei Valens auf knapp über 900 Meter über Meer gemeldet. Hier erzählt die pensionierte Bäuerin Rosmarie Kühne von ihren «unglaublichen» Beobachtungen: «Wir haben schon 40 bis 50 Tiere auf einem Haufen gezählt.» In den Sommermonaten berichtet ihr Pächter, wie die Weiden auf den Höhen derart zertrampelt seien, dass die Kühe Mühe hätten, genügend frisches Gras zu finden.

Bei zu viel Störung kommen sie erst im Schutz der Dunkelheit aus dem Wald.
Bei zu viel Störung kommen sie erst im Schutz der Dunkelheit aus dem Wald.

Mehr Abschüsse gefordert

Für Hansruedi Thoma, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands, ist die Situation nicht mehr tragbar: «Die wachsende Rotwildpopulation bereitet uns Bauern zunehmend Sorgen. Dabei werden einzelne Parzellen regelmässig von Hirschen in grosser Anzahl heimgesucht und kahl gefressen», so Thoma. «Die Bauern fordern eine Entschädigung für den immensen Futterverlust und eine massive Erhöhung der Abschusszahlen.» Er bedauere, dass vielerorts die vom ANJF geforderten Abschusszahlen nicht erreicht werden. Einen der möglichen Gründe nennt Thoma gleich selbst: «Die Jäger vor Ort bekunden Mühe mit der Vorgabe, dass zuerst drei Stück Kahlwild (weibliche Hirsche) geschossen werden müssen, bevor ein männliches Tier erlegt werden darf. So wird die Verantwortung zum Leidwesen von uns Bauern hin und her geschoben», sagt Thoma.

ANJF nimmt Stellung

Simon Meier, Leiter Abteilung Jagd, beschreibt die Lage aus seiner Sicht: «Der Rothirsch breitet sich in den letzten Jahren im Kanton St. Gallen aus, wie vielerorts in der Schweiz und Europa, und besiedelt seinen natürlichen Lebensraum wieder.» Er profitiere im Moment vom verbesserten Nahrungsangebot sowie der Wald- und Landbewirtschaftung. Die Wälder seien wüchsiger geworden. «Die intensivierte Landwirtschaft hat zu einem erhöhten Futterangebot auch für die Rothirsche geführt.»

Rothirsche fressen neben Knospen, Blättern und Baumfrüchten vor allem Gras und Kräuter. «Wenn sie genügend Ruhe haben, treten sie dafür gerne aus dem Wald heraus und fressen auf den Wiesen», sagt der Experte. Dies sei aus zwei Gründen wichtig. Zum einen verweilen sie kürzere Zeit im Wald und verbeissen weniger die Jungbäume, was wichtig für die Waldverjüngung sei. Zum anderen können sie ausserhalb des Waldes einfacher bejagt und somit auch einfacher reguliert werden.

Während sich die Landwirte in Schänis und Vasön darüber einig sind, dass deutlich mehr Hirsche geschossen werden sollten, da es zu grosse Rudel gebe, verweist Meier auf das Verhalten der Tiere: Dass sich Rothirsche saisonal in Gruppen aufhalten und die Gruppen ausserhalb der Brunft meist nach Geschlechtern getrennt sind, sei ein natürliches Verhalten. Ebenso natürlich ist das Weideverhalten auf Wiesen und Weiden. «Ein gewisser Wildeinfluss ist in allen Lebensräumen, so auch auf Wiesen und Weiden, natürlich und tolerierbar», sagt Meier.

Fast Rekordabschuss geschafft

Folgende Abschusszahlen 2025 des Amts für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) sind bereits für die Medien verfügbar: Mit 919 erlegten Rothirschen wurde der bislang zweitbeste Wert erzielt, darunter 742 Stück Kahlwild (Jungtiere und weibliche Tiere). Das Abschussverhältnis lag, über den Kanton verteilt, bei einem Stier auf 4,2 Stück Kahlwild bei einem Geschlechterverhältnis bei erwachsenen Tieren von einem Stier auf 2,2 Kühe. Der Fokus der Abschüsse ist klar erkennbar bei weiblichen Tieren, um die Reproduktion zu senken. Mehr Schnee im Dezember hätte laut ANJF dazu beigetragen, aus dem zweitbesten Resultat einen neuen Rekordabschuss zu machen. Die komplette Jagdstatistik wird jeweils im Frühling publiziert.

Platz für Rückzug

Simon Meier setzt auf konstruktive Dialoge: «Wenn es an Orten zu einem überhöhten Wildeinfluss kommt, soll dies mit der Jagdgesellschaft und der Wildhut angeschaut werden.» Meist können Lösungen gefunden werden, um übermässigen Wildeinfluss zu reduzieren. Neben einer Bestandesreduktion können weitere Verhütungsmassnahmen Abhilfe schaffen. Zentral ist immer auch die Lebensraumverbesserung und -beruhigung. Wenn genügend ruhige Gebiete vorhanden sind, können sich die Rothirsche auch grosszügiger im Lebensraum verteilen, was den lokalen Wildeinfluss vermindert. Zudem seien vielseitige und ruhige Lebensräume auch weniger anfällig für den Wildeinfluss. Mit der Verbesserung der Lebensräume und einer effizienten Jagd sollen Wildschäden auf einem tragbaren Mass bleiben. «Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es das Engagement von allen und eine gute Zusammenarbeit der Akteure vor Ort», so Meier.

Der Hirsch und der Wald

Doch wie sieht das Verhalten des Rothirschs im Wald aus? Der Kanton St. Gallen hat dazu Massnahmen und Strategien festgelegt, um ein tragfähiges und nachhaltiges Zusammenspiel zwischen den Wildbeständen, wie beispielsweise dem Hirsch, und ihren Lebensräumen, insbesondere dem Wald, zu gewährleisten. «Ein wichtiges Instrument ist die sogenannte Lebensraumbeurteilung. Hierbei wird beurteilt, wie stark Wildtiere den Wald beeinflussen und ob sich der Wald ausreichend verjüngen kann», erklärt Cornelia Bürge, Fachspezialistin Wald beim Kantonsforstamt. So lasse sich feststellen, ob der Wald seine für den Menschen wichtigen Funktionen wie Schutz, Nutzung und Erholung auch langfristig erfüllen könne. Die letzte Beurteilung aus dem Jahr 2021 habe ergeben, dass der Wildeinfluss in zehn von elf Gebieten im Kanton als gut bis tragbar eingeschätzt wurde. «Im Jagdrevier Benken werden die gesetzlich vorgegebenen Verjüngungssollwerte erreicht. Das bedeutet, dass genügend junge Bäume ohne besondere Schutzmassnahmen gegen Wildschäden nachwachsen», so Bürge. In der Region Benken werde beobachtet, dass der Einfluss der Hirsche in bestimmten Gebieten zunehme, zum Beispiel im Sonderwaldreservat Wängital-Regulastein oder im Gebiet am Speer. Die nächste Beurteilung sei für das Jahr 2027 geplant und soll die Zukunftsbaumarten im Hinblick auf den Klimawandel besser einbeziehen.

Vernetzung des Lebensraums

Der Rothirsch bewegt sich über grosse Räume. Deshalb sei es wichtig, dass vielfältige, ruhige Lebensräume miteinander vernetzt sind, die ausreichend Nahrung, Deckung und Rückzugsmöglichkeiten bieten. «Wenn Hirsche in bestimmten Gebieten nicht weiterwandern können, entstehen sogenannte Staueffekte. Das bedeutet, dass sich die Tiere an einzelnen Orten sammeln und dort der Wildeinfluss auf den Wald stärker sein kann», sagt Simon Meier vom ANFJ. Lebensräume und Wildtierkorridore werden gezielt verbessert, damit die Tiere sich besser verteilen können. Ein Beispiel dafür sei der Wildtierkorridor Biberlikopf zwischen Ziegelbrücke und Wesen, wo eine Wildtierbrücke über die Autobahn geplant ist.

Auch in der Politik ist der wachsende Hirschbestand ein Thema. Siehe Artikel: Wachsender Hirschbestand im Kanton St.Gallen: Kritik an Regierung

 

Wildschäden melden

Unter bestimmten Voraussetzungen können Wildschäden gemeldet und entschädigt werden: Infos unter Wildschaden | sg.ch oder QR-Code. Für die Beurteilung ist das Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) zuständig, insbesondere der zuständige Wildhüter. Das System der Entschädigungen von Wildschäden im Wald wurde vor Kurzem umfassend überarbeitet. Deshalb liegen dem Kanton bisher nur sehr wenige Zahlen und Erfahrungswerte darüber vor.

 

Gerade im Winter sind Ruhe und die letzte karge Nahrung essenziell.
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