Die Hüter des Siegermunis

Zur Milchkuhherde von Peter Truniger gehört immer auch ein Stier, der für den Nachwuchs sorgt. So weit so gewöhnlich. Doch der jetzige Stier, der Zehnte in der Underschönau, ist aussergewöhnlich. Denn der ruhige Brown Swiss mit Namen Camino ist ein Muni für einen Sieger.

Ramon, Sandro, Silvia, Peter und Jessica Truniger mit Siegermuni Camino.

Gemächlich schreitet Camino aus dem Stall. «Stolziert» ist wohl die bessere Beschreibung, denn Camino ist ein edler Stier und folgt seinem Besitzer Peter Truniger erhobenen Hauptes und mit glänzendem, dunkelbraunem Fell. Rund 900 Kilo dürfte der Brown Swiss jetzt auf die Waage bringen, schätzt der Bauer. Er muss es wissen, denn Camino ist mittlerweile sein zehnter Stier.
Doch der mächtige Braune ist nicht nur einer in einer Reihe von Stieren. Er ist aussergewöhnlich. Zum einen, weil er einen sehr ruhigen und gutmütigen Charakter hat. Und zum anderen, weil er für Grosses bestimmt ist: Camino ist am kommenden Sonntag der Hauptpreis beim Kantonalen Schwingfest in Wil. Davon war noch keine Rede, als Peter Truniger ihn als Dreiwöchigen beim Händler kaufte. «Mich überzeugten damals seine Genetik – sein Vater ist Barca – und seine Papiere. Ich war mir sicher, dass seine Töchter ein schönes, gesundes Euter und ein gutes Fundament haben werden», erklärt der 43-Jährige.
Auf seinem Betrieb sei dies wichtig, da seine Kühe fast täglich auf die Weide können und das Gelände an manchen Stellen etwas steil sei. «Da müssen die Tiere gut zu Fuss sein.» Wie viel Camino seinen Töchtern weitergeben wird, bleibt abzuwarten. Das erste Kalb war ein Stier, der in die Mast geht. Doch weiterer Nachwuchs ist in Sicht, denn fast alle Kühe aus der 38-köpfigen Herde sind von Camino trächtig. Peter Truniger schätzt es, immer einen Stier in der Herde zu halten; so habe er immer tragende Kühe.

Das erste Kalb von Camino ist ein Stier – und kommt in die Mast.

Der Toggenburger ist als Bauernsohn in Dreien aufgewachsen, als ältestes von vier Kindern. Sein Vater führte einen Milchwirtschaftsbetrieb und wollte dies auch noch lange tun. Also machte Peter Truniger eine Lehre als Metzger, in der Absicht, später auch Landwirt zu lernen. Kurz nach der Lehre, der junge Mann war knapp 21, sah er im «St. Galler Bauer» ein Inserat, mit dem ein Pächter in Underschönau bei Kirchberg gesucht wurde. Der Milchwirtschaftsbetrieb mit arrondiertem Weideland gefiel Peter Truniger und mit dem Verpächter verstand er sich auf Anhieb. «Alles Grünland kann ich maschinell bewirtschaften, die Milch geht in eine ‹Tilsiter›- und in eine ‹Emmentaler›- Käserei.»

Heute eine ÖLN-Gemeinschaft

Als sein Vater dann ein Jahr später plötzlich verstarb, wollte Peter seinen Pachtvertrag nicht aufgeben und so übernahm sein jüngerer Bruder Renato den elterlichen Betrieb. Heute haben die Brüder eine ÖLN-Gemeinschaft; in Dreien stehen rund 18 Galtkühe und Aufzuchtrinder von Peter Truniger. Und sein Verhältnis zum Verpächter, der gleich neben dem Stall wohnt, ist immer noch sehr gut. «2013 musste man infolge Tierschutzvorschriften den Anbindestall in einen Laufstall umbauen», nennt er ein Beispiel.

Einige Aufzuchtrinder stehen in Underschönau, weitere in Dreien.

Als der junge Bauer seine Pacht antrat, konnte er eine Wohnung im Wohnhaus nutzen. Doch die sollte bald zu klein sein. Denn Peter Truniger lernte die Liebe seines Lebens kennen. Im Ausgang an der Fasnacht in Bütschwil sah er Silvia Bolt und «es funkte rasch», wie sie sagt. «Ich war damals noch nicht lange geschieden, lebte allein mit meinen beiden Töchtern und wollte ganz bestimmt keinen neuen Mann kennenlernen », erzählt die heutige Silvia Truniger und schmunzelt. Doch eben – es funkte. Da spielte es auch keine Rolle, dass die Bazenheiderin sieben Jahre älter war als ihr Peter.

Nächste Generation am Start

2004 heirateten die beiden. Heute sind sie Eltern des 17-jährigen Ramon, des 14-jährigen Sandro und der neunjährigen Jessica. Die beiden Söhne sind oft im Stall anzutreffen. «Beide wollen Landwirt werden, aber erst später», sagt Peter Truniger. Ramon sei im zweiten Lehrjahr als Strassenbauer, Sandro bewerbe sich bald für eine Lehrstelle.

Auch von Ramon lässt sich der 900-Kilo-Stier Camino gut führen.

Die Söhne sind es auch, die ihrem Vater auf dem Betrieb zur Hand gehen. Ehefrau Silvia packt dann mit an, wenn es unter dem Jahr nötig ist. Und jeweils beim Heuen. Sie arbeitet immer noch auf ihrem erlernten Beruf als Fachfrau Gesundheit; im Betagtenheim Kirchberg ist sie zu 40 Prozent angestellt.

Gefragter Siegermuni

Die Familie lebt seit Langem am Ortsrand von Dietschwil, rund zwei Kilometer vom Kuhstall entfernt. Deshalb hat Peter Truniger nicht den typischen Landwirte-Alltag und kann nicht zu Fuss zum Stall oder aufs Feld. Es sei halt wie bei anderen Pendlern auch, meint er achselzuckend. Er müsse mit dem Auto nach Underschönau oder nach Dreien.
In den vergangenen Wochen kamen wegen Camino noch einige Autokilometer hinzu. Denn der Stier ist gefragt.
Gerade erst war er Gast bei einem Anlass von Sponsoren des Schwingfests. Was auch der Grund für sein besonders schön glänzendes Fell ist. Aus der Pflege macht Peter Truniger kein Geheimnis: «Ich wasche ihn mit einer ganz einfachen Seife aus der Landi», sagt er grinsend. Diese Pflege mag Camino: «Schon vor Längerem habe ich angefangen, ihn alle zwei Tage im Melkstand zu waschen und er hat sich gut daran gewöhnt.»

Wieder einen Schwinger in der Familie

Im vergangenen September entschied der Bauer, dass sein Stier, der damals noch Quirin hiess, für Höheres bestimmt ist. «Mein Bruder fragte mich, ob der Stier als Siegermuni fürs Schwingfest geeignet wäre, und ich sagte ja. Das war natürlich eine Ehre, besonders für mich als ehemaligen Schwinger », erzählt Peter Truniger. Früher – im Alter von 10 bis 16 Jahren – sei er Mitglied beim Schwingclub Flawil gewesen. Und recht gut. «Doch ich war im gleichen Jahrgang wie Nöldi Forrer und die Abderhalden- Brüder. Die waren eine Klasse für sich …», meint er lächelnd.
In der Familie Truniger hat es aber wieder einen Schwinger: Vor einigen Monaten fing Sandro mit Schwingen an. Am Schwingfest in Wil dürfte dann die ganze Familie Truniger zuschauen – und Camino, der mit den anderen Lebendpreisen auf dem Gelände sein wird. Wohl so ruhig, wie es seinem Charakter entspricht. «Vergangene Woche, als ich ihn nach dem Sponsorenanlass verladen wollte, fuhr gerade ein Zug vorbei. Aber auch das machte ihm nichts aus», sagt Peter Truniger leicht erstaunt. Natürlich sei ihm bewusst, dass Camino ohne Führung mittels Nasenring vielleicht weniger ruhig wäre. Manchmal zeige er nämlich schon, wer der Boss sei. «Vor allem auf der Weide, zwischen seinen Kühen. Oder bei jenem Baum dort in der Wiese. Daran reibt er sich häufig und schaut, wer wohl stärker ist.» Wird der Schwingfestsieger sich für den Barpreis entscheiden, kommt Muni Camino wieder zu seiner Herde nach Underschönau und wird dort noch eine Zeitlang für Nachwuchs sorgen.

Der Pachtbetrieb (ganz links) ist umgeben von gut zu bewirtschaftendem Weideland.

Familie Truniger ist gespannt, wie die Entscheidung ausfallen wird. Eines aber ist gewiss: Camino wird das Schwingfestpublikum mit seiner stattlichen Masse und seinem freundlichen Wesen für sich einnehmen, egal, ob ihn der Sieger mit nach Hause nimmt oder die Familie Truniger.

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