Auf Tour mit dem Tierkörperabholdienst der TMF

Auf dem Land kennt man die orange-silbernen Lastwagen mit TMF-Schriftzug. Sie sind unterwegs, um auf Bauernhöfen tote Tiere abzuholen. Ein unliebsamer Akt, aber eine wertvolle Dienstleistung, wenn man die Entsorgung anfordern muss.

Der Stier musste infolge eines gebrochenen Beckens eingeschläfert werden.
Der Stier musste infolge eines gebrochenen Beckens eingeschläfert werden.

Um halb acht Uhr morgens trudeln die drei Chauffeure bei der TMF in Bazenheid ein. Eine ruhige Atmosphäre herrscht im Büro von Logistiker Albin Koster. An der Wand hängt eine grosse Landkarte der östlichen Hälfte der Schweiz. Auf ihr stecken Nadeln mit roten, blauen oder grünen Köpfen. Jede Farbe kennzeichnet eine vorgesehene Tour für die Transporteure. Die Kantone Appenzell, Glarus, Luzern, Schwyz, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Uri, Zug und Zürich sowie das Fürstentum Liechtenstein sind wichtig für die Bazenheider. In diesen Regionen holen sie jeden Werktag tote Tiere ab. Die Kantone Luzern, Nid- und Obwalden werden von der Zweigstelle Ruswil betreut. In den Kantonen Graubünden und Tessin sammeln andere Transportunternehmen im Auftrag des Extraktionswerks Bazenheid die anfallenden Kadaver ein. 200 Kilo schwer müssen diese mindestens sein. Leichtere müssen die Besitzer des Tiers selbst zu einer regionalen Tierkörpersammelstelle bringen. Der Dienstleistungsbetrieb wurde vor 50 Jahren eröffnet. Das Entsorgungsunternehmen von tierischen Nebenprodukten ist je zur Hälfte in Besitz der öffentlichen Hand und von privaten Unternehmen der Metzgereibranche. Tiermehl darf nicht mehr an Tiere verfüttert werden, wird aber weiterhin produziert und als Brennstoff für Zementwerke verwendet. Die TMF Extraktionswerk AG positioniert sich einerseits als Entsorgungsbetrieb und andererseits als Produzent von erneuerbarer Energie. Sollte eine umfassende Seuche auftreten, hätte dieses Unternehmen zudem die Aufgabe, die Einsatzbereitschaft sicherzustellen.

Abwechslungsreiche Tätigkeit

Rund 50 000 Kilometer legt ein TMF-Lastwagen beim Einsammeln von toten Tieren jährlich zurück. Die meisten Chauffeure sind schon länger beim Bazenheider Werk tätig. «Wir haben es gut miteinander. An jedem Arbeitstag kann ein anderer seine gewünschte Route wählen. So ist die Woche immer abwechslungsreich», erklärt Marcel Pfister. Seit 23 Jahren ist er hier im Dienst. Dem bald pensionierten Fahrer gefällt es gut: «Der Kontakt mit der vielfältigen Bauernbevölkerung, das Pilotieren auf unterschiedlichsten Strassen und das nahe Erleben der Natur in Berg und Tal.» Lange dauert die Beratung im Logistikbüro nicht. Mit einem Blick erfassen die Chauffeure, was ansteht. Ihre Geografiekenntnisse sind Routine. «Was dann zusätzlich noch an Abholungen eintrifft, teile ich euch laufend mit. Gute Fahrt», wünscht Albin Koster. In den Vormittagsstunden werden erfahrungsgemäss noch weitere Aufträge eintreffen. Die Tierärzte begeben sich im Normalfall um dieselbe Zeit auf ihre Tour und schläfern dabei da und dort ein Tier notgedrungen ein. Ausserhalb der Bürozeiten landen die Meldungen für den TMF-Abholdienst rund um die Uhr bei der Securitas St. Gallen und werden nach Bazenheid übermittelt.

Spezialist für Alpabholungen

Marcel Pfister fährt los. Der von ihm gesteuerte Lastwagen ist seit Januar dieses Jahres in Betrieb. Angenehm sei er zum Fahren, wendig und kompakt. Fünf Aufträge sind für ihn momentan notiert. Hemberg ist das erste Ziel. Nach kurzer Zeit gelangen schon die ersten Meldungen mit weiteren Hofanfahrten an den Chauffeur. Ein kurzes Telefonat und weiter geht es. Marcel Pfister schaut schon ab und zu auf sein Navigationsgerät. Aber grundsätzlich kennt er sein Einsatzgebiet wie seinen Hosensack. Viel Erfahrung habe er in den Sommermonaten mit der Fahrt zu den verschiedensten Alpen. «Ich mache dies auch gerne. Eine gewisse Spannung liegt in der Anfahrt, die Alpen bei unterschiedlichster Witterung zu erleben. Auch ist die Dankbarkeit des Alppersonals für den Abholdienst zu spüren», beschreibt er lächelnd.

Marcel Pfister gefällt seine Aufgabe als Dienstleister.
Marcel Pfister gefällt seine Aufgabe als Dienstleister.

Umgang mit dem Tod

Die ersten zwei Tiere sind verladen. Bevor die Fahrt über den Ricken führt, genehmigt sich Marcel Pfister den Znünikaffee. Zeitungen lesen mag er nicht, lieber ein wenig plaudern am Tisch. Unterdessen ist nochmals eine Meldung eingegangen. In Unterwasser liegt eine Kuh bereit. Diese kann in die geplante Route eingefügt werden. Hingegen nach Linthal zu fahren entfällt für Marcel Pfister. Sein Arbeitskollege mit Einsatz im Schächental übernimmt diesen Fall. In Rieden ist ein totes Pferd aufzuladen. Ein Lieferwagen versperrt die Hofzufahrt. «Ich fahre gleich zur Seite. Nein, euch sehe ich nicht gerne. Ihr habt mit dem Tod zu tun», sagt der Lieferwagenfahrer und macht den Weg frei. Beim Hof ist niemand anwesend. Bei vielen verstorbenen Tieren ist in diesen Momenten eine Beziehung beendet worden. Man will daher oft nicht dabei sein, wenn das Tier mit dem Kran verladen wird. Die Chauffeure der TMF Bazenheid sind sich dies gewohnt. Mancherorts werde locker geplaudert, die Todesursache erzählt und ein Kaffee angeboten; manchmal kaum ein Wort gewechselt. Routiniert parkiert Marcel Pfister den Lastwagen passend, setzt sich den Helm auf und macht sich an die Arbeit. Meistens sind die Tiere zugedeckt. Die Tierverkehrsdatennummer wird notiert, der Containerdeckel hydraulisch geöffnet und der Kadaver angehoben. «Nun halte ich noch das Gewicht des Tiers auf einem Dokument fest. Dies kann in einem Versicherungsfall von Nutzen sein.»

Die Nummer des zu entsorgenden Tiers muss notiert werden.
Die Nummer des zu entsorgenden Tiers muss notiert werden.

Einige Kunden sind bekannt

Danach steht das Verladen einer Kuh in Gommiswald an. Die Bäuerin schaut nur kurz vorbei und weiter geht die Fahrt. Auf einem Gnadenhof im Weisstannental wartet ein toter Stier. Schon öfter war Marcel Pfister dort. Das Verladen geschieht an der Durchgangsstrasse; das Postauto könnte in diesen Minuten hier nicht kreuzen. Ein Kranz, ein letzter Dank an sein Leben, wurde dem toten Stier um die Hörner gebunden. Weiter geht die Fahrt durch das Rheintal Richtung Bodensee. Beim Mittagessen in einer Chauffeurbeiz wird über Militärerlebnisse geplaudert, bevor anschliessend der nächste Bauernhof in Sax angefahren wird. Zahlreiche Tiere werden hier gehalten. Daher ist Marcel Pfister nicht zum ersten Mal hier. Es geht weiter, hinauf nach Wildhaus. Der jungen Kuh mit Todesursache Herzstillstand folgt ein älteres Tier in Unterwasser, das infolge einer anhaltenden Infektion eingeschläfert werden musste. Problemlos findet Marcel Pfister die jeweiligen Standorte. Ein kurzes Gespräch mit den Betroffenen und weiter geht die Fahrt. «Meistens spürt man die Erleichterung des Tierhalters, wenn das tote Tier aus dem Blickfeld verschwindet.» Eine Abholung in Neu St. Johann und der nachträglich per Telefon mitgeteilte Fall in Mosnang runden das Tagesprogramm ab. Marcel Pfister liegt gut in seinem Zeitplan. In den Sommermonaten würden aber meistens Überstunden notiert. Diese könne man mit Freitagen kompensieren. Nach dem Ablad der Tiere wird der Lastwagen geputzt und die heutige Tour ist beendet.

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