Ein Zuckerrübenproduzent der ersten Stunde
Kurt Eugster war massgebend am Aufbau und Betrieb des Bahnverladerings Bürglen beteiligt. Die Zuckerrübe spielt immer noch eine wichtige Rolle in seinem Leben. Per Ende 2024 ist der Bahnverlad Geschichte.
1963 ging die Zuckerrübenfabrik Frauenfeld in Betrieb. Der ehemalige Landwirt Kurt Eugster aus Buhwil baute von Beginn weg Zuckerrüben an und erlebte alle Entwicklungsschritte. «Früher war noch viel Handarbeit gefragt», erzählt Eugster. «Das Rübenkraut wurde von Hand geschippt und die Rüben wurden mit einem «Pflügli» ausgetan und danach auch von Hand auf den Wagen geladen.» Später mietete er einen Trommelernter, der die Rüben mit einem Förderband direkt in den Wagen beförderte. Auch bei dieser Methode wurde das Kraut weggeschnitten und siliert.

Seit 47 Jahren Rüben ernten
Die nächste Entwicklung war dann der einreihige Vollernter, bei dem die Rüben in einem Arbeitsgang geerntet wurden. Kurt Eugster schaffte sich 1978 eine solche Maschine an und erntete nebst seinen eigenen Rüben auch im Lohn für andere. Mit einer zweireihigen Maschine steigerte er die Effizienz. Eugster verfolgte stets die Erntemethoden im Ausland, wo mehrreihige Selbstfahrmaschinen aufkamen. 1997 kaufte er in Deutschland einen sechsjährigen Vollernter der Marke Ropa, der sieben Reihen aufs Mal ernten konnte. «Manch ein Berufskollege dachte, nun sei bei mir der Grössenwahn ausgebrochen», sagt er lachend. Doch Eugster sah in diesen Maschinen die Zukunft und die grosse Nachfrage gab ihm recht. 2010 gründete er mit Martin Keller aus Gabris die Arbeitsgemeinschaft Zuckerrüben. Ein zweiter Vollernter der Marke Holmer wurde im selben Jahr angeschafft. Vor einem Jahr wurde dieser durch einen neuen Ropa-Vollernter mit Hangausgleich ersetzt. «Auch in diesem Jahr erntete ich Rüben mit meinem alten Ropa», erzählt Kurt Eugster.
Von Strasse auf Schiene
Genauso interessant wie die Ernte ist die Entwicklung des Transports der Rüben in die Zuckerrübenfabrik. Bis 1992 brachte Kurt Eugster diese mit Traktor und Wagen nach Frauenfeld. Die Landwirte von Bischofszell, Kradolf, Sulgen und Bürglen verluden die Rüben am jeweiligen Bahnhof mit einem Mistkran. Pro Tag konnten jedoch nur zwei Güterwagen befüllt werden.
Bei einem Besuch der Landwirtschaftsausstellung Agritechnica in Deutschland erfuhr Eugster, dass die Deutsche Bahn den Rübentransport per Ende 1992 einstelle. Etliche Verladegemeinschaften priesen ihre Verladeanlagen zum Verkauf an. Kurt Eugster sah darin die Chance, den Schnellverlad per Bahn zu lancieren. Diese Verladeanlagen haben nebst der kurzen Anfahrt zum Bahnhof den Vorteil, dass Erdbesatz und Steine aussortiert werden können. Als Präsident besichtigte Kurt Eugster zusammen mit seinen Berufskollegen Walter Hut, Hans Felber und Hansruedi Jöhr mehrere Anlagen in Deutschland. Schliesslich entschieden sie sich für den Kauf einer Anlage in Sinsheim. Die dortige Rübenladegemeinschaft hatte diese sechs Jahre zuvor für 200 000 Deutsche Mark gekauft, und sie war eben erst abbezahlt. Sie einigten sich mit den Schweizern auf einen Kaufpreis von 1500 Deutsche Mark. Die SBB begrüsste das Vorhaben und der Kanton und die Zuckerrübenfabrik unterstützten den Bahntransport identisch zum Strassentransport.

Knackpunkt Baubewilligung
Die Gemeinde Bürglen lehnte vorerst eine Baubewilligung ab, sodass der Verladering einen Rechtsanwalt beiziehen musste. Durch die Einhaltung verschiedener Auflagen betreffend Lärm und Betriebszeiten lenkte die Gemeinde schliesslich ein. Während zwei Tagen demontierten Kurt Eugster und Hansueli Frick mit den deutschen Bauern die Anlage in Sinsheim. Auf zwei Spezialtiefganganhängern kam die Maschine per Lastwagen nach Bürglen, wo sie am Bahnhof aufgebaut wurde. Die Kosten der Anlage bei der Inbetriebnahme beliefen sich auf 56 000 Franken. Finanziert wurden diese durch die 20 Mitglieder des Bahnverladerings Bürglen, die eine Eintrittsgebühr von acht Franken pro Tonne Zuckerrübenkontingent bezahlten, sowie durch den Beitrag des Kantons und der Zuckerrübenfabrik. Den Fehlbetrag von 13 800 Franken bezahlte der Verladering mit einem zinslosen Darlehen der Thurgauer Genossenschaft für landwirtschaftliche Investitionskredite und Betriebshilfe (GLIB). «Dafür mussten wir Vorstandsmitglieder als Bürge geradestehen», erzählt Eugster. Am 23. August 1993 erhielten sie schliesslich die Baubewilligung der Gemeinde Bürglen und am 7. Oktober wurden zum ersten Mal Zuckerrüben mit der Verladeanlage verladen.
Minutiöse Planung
Von 1993 bis 2011 war Kurt Eugster Präsident des Bahnverladerings Bürglen. Pro Tag wurden jeweils 1200 bis 1300 Tonnen Rüben verladen. In Koordination mit der Zuckerrübenfabrik, der SBB und dem Betreiber der Verlademaus organisierte er die Verladetage. Im Voraus fand jeweils eine Sitzung mit den Rübenbauern statt, um die Laderoute zu besprechen. Eugster gab die Pläne mit den Standorten der Rübenmieten ab. Er stellte Wegweiser auf, damit alle Fahrer diese dann auch fanden. An dieser Sitzung wurde auch bestimmt, welche Frauen das Znüni und Zvieri am Bahnhof bereitstellten. An den Verladetagen schaute Kurt Eugster, dass am Bahnhof Bürglen alles rundlief.
Per Ende 2024 ist der Bahnverlad Geschichte. «Für mich bedeutet dies Wehmut, beinhaltet aber auch viele schöne Erinnerungen. Die Entwicklung geht weiter, Veränderungen wird es immer geben», stellt Kurt Eugster versöhnend fest.

