Yanick Widmer baut alte Rapid zu Unikaten um
Was für viele alte Landmaschinen sind, wird für ihn zur Leidenschaft: Yanick Widmer aus Mühlrüti baut klassische Rapid-Einachser komplett um und entwickelt daraus funktionale Einzelstücke. In der Werkstatt seines Vaters entstehen so Fahrzeuge, die Technikbegeisterung und Kreativität vereinen.

Ein Einachser der Marke Rapid S Spezial fällt schnell auf. Seine grüne Farbe, seine stattlichen Räder und seine Mechanik an den Steuerholmen sind einzigartig. Ein solches Gefährt weckte einst das Interesse von Yanick Widmer aus Mühlrüti. Was er daraus machte und in der Folge wiederholte, spiegelt sich in einer kleinen, aber feinen Ausstellung wider. Da präsentieren sich die Einachser, mit verschiedenen neuartigen oder renovierten Gerätschaften bestückt. Die einstigen serienmässig verwendeten MAG-Motoren wurden durch zuverlässigere Modelle ersetzt und die Elektronik erfüllt mehr als die geforderten Eigenschaften. Yanick Widmer will seine «Patienten» nicht nur modernisieren; er will aus ihnen ein perfektes Modell erschaffen. Dies gelingt dem 27-jährigen talentierten Polymechaniker auf beeindruckende Art und Weise.
Fahrzeuge bauen im Blut
Der 54-jährige Matthias Widmer hat 2009 in Mühlrüti eine Firma mit dem Spezialgebiet Fahrzeugtechnik gegründet. Zuvor war der umtriebige Mann Werkstattchef bei einer renommierten Firma im Bereich des Feuerwehrfahrzeugbaus. So kam sein Sohn Yanick früh in Kontakt mit Metall und dessen Bearbeitung. «Meine Schwester und ich hielten uns zwar ab und zu in Vaters Werkstatt auf. Dort mitzuhelfen war aber wegen anspruchsvoller und nicht ungefährlicher Tätigkeiten nur selten möglich.» Nach Schulabschluss absolvierte der junge Mühlrütner eine Lehre als Polymechaniker bei der Firma Wehrli Maschinenbau in Gähwil. Rund 50 Angestellte, davon bis zehn Lehrlinge, beschäftigt dieses weltweit tätige Unternehmen dort. Yanick Widmer gefiel der Lehrplatz. «Ich konnte wirklich viel guten Lernstoff mitnehmen. Gestaltendes Werken mit Metall spricht mich einfach an. Das ist auch die Voraussetzung für meine jetzige Arbeitsstelle und mein Hobby.» Nach der Lehre liess sich Yanick Widner bei seinem Vater anstellen. Zu dritt wird dort umfassend Zubehör in bester Qualität für verschiedene Nutzfahrzeuge hergestellt.
Fünf Rapid-Unikate
1926 wurde von Karl Welter und Arnold Rutishauser in Zürich die Firma Rapid gegründet. Sie spezialisierte sich auf Motorgeräte für die Berglandwirtschaft. 1950 stellte sie der Kundschaft den Einachser Rapid Type S vor. Den revolutionären Durchbruch schaffte dieses Fahrzeug kurze Zeit später als S Spezial. Sein Zapfwellenantrieb bot neue Möglichkeiten. Dieser Einachser wurde 28 Jahre lang hergestellt. «Als ich vor einigen Jahren ein solches Gefährt entdeckte, das zu verkaufen war, griff ich rasch zu. Ich malte mir in meiner Fantasie sofort aus, was ich aus diesem ‚Charre‘ gerne machen würde. Und bald ging es los.» Die Arbeiten waren aufwendig und manchmal, zum Beispiel beim Entfernen von Rost, sei auch Geduld gefragt gewesen. Matthias Widmer stand seinem Sohn mit verschiedenen Ratschlägen zur Seite. Vor allem aber standen dem jungen Mechaniker beim Vater eine gut eingerichtete Werkstatt und ein grosses Lager mit verschiedenen Materialien zur Verfügung. Schutzbleche, neue Felgen, Werkzeugkisten oder Elektronik; den Grundstock für dieses Zubehör fand Yanick Widmer dort meistens ausreichend. Manche Teile mussten aber auswärtig bestellt werden, damit die Vorstellungen von Yanick Widmer erfüllt wurden. Fünf Rapid S Spezial sind bisher schon durch seine Ideen zu interessanten Unikaten geworden. «Warum ich ausgerechnet auf diese Marke stehe? Ein Rapid ist kompakt und bedienerfreundlich. Seit der Premiere meiner etwas ausserordentlichen Fahrzeuge stehe ich auf diese Modelle.»

Wechsel der Motoren
Yanick Widmer wollte schon seinen ersten Rapid mittels Zündschlüssel in Betrieb bringen. In Diskussionen mit anderen Oldtimer-Anhängern und aus eigener Erfahrung bemerkte er, dass die MAG-Motoren mittels Zündung nicht gerne anspringen würden. So wurde sämtlichen Einachsern vorsorglich ein Vanguard-Motor verpasst. Deren Leistung variiert zwischen 16 und 23 Pferdestärken. Bei den kräftigsten Motoren mussten die vorhandenen Kupplungen angepasst werden. Yanick Widmer gibt sich nicht so schnell zufrieden. Jedes Detail soll wie neu aussehen. Der Sicherheit wird viel Platz gegeben und manche ausgeklügelte Funktion überrascht. Die neuen Chromstahlauspuffrohre sind fast so dimensioniert wie bei heutigen, grossen Traktoren. Im einstigen Werkzeugfach auf der Motorhaube wurde die Batterie samt Elektronik installiert. Diese liefert auch die nötige Energie für Blinker und andere Beleuchtung. Die Einachser sind vorne und hinten meistens mit Doppelrad bereift. Bei einem der Modelle sind hinten Terra-Reifen und vorne Pneus, die auch bei einem üblichen Transporter ihre Verwendung fänden. Einen grossen Arbeitsaufwand betrieb Yanick Widmer beim Rapid, der zur Schneeräumung genutzt wird. Diesen bestückte er mit vier Raupen, wie sie bei einem Quad vorkommen können. «Ideal läuft dieses Fahrzeug noch nicht. Vorne muss ich eine Sicherung anbringen, damit das Umkippen des Motorblocks erschwert ist.»

Deutscher Ladewagen
Widmers fanden schon manches Gefährt in Zeitschriften ausgeschrieben. So auch den Ladewagen Heinkel, produziert in Deutschland im Jahr 1969. Dieser Futtererntewagen benötigte eine umfassende Behandlung, bis er einwandfrei in Betrieb genommen werden konnte. «Rund zwei Wochen lang habe ich mit einem Kompressionsnagler den Rost entfernt, was ordentlich Geduld beanspruchte. Aber die Vorfreude auf seine einstige Funktion überwog, und jetzt bin ich stolz auf dieses Gefährt», sagt Yannik Widmer erfreut. Sein erster Einsatz gelang grösstenteils, zeigte aber bald, wo noch Verbesserungen nötig wurden. So musste am Einachser vorne quer eine Stange montiert werden, dicht bestückt mit Gummirädern. «Sonst bleibt die Heumahd irgendwo am Motorgerät hängen und gelangt nicht vollständig zum Pick-up. Überhaupt dürfen die Mahden für deren einwandfreie Aufnahme nicht zu gross sein», erklärt Yanick Widmer schmunzelnd.
Treffen mit Gleichgesinnten
Wenn das Wetter passt, fährt der junge Mühlrütner gerne an ein Oldtimer-Treffen. Dort könne er nicht nur die Zusammenkunft mit Gleichgesinnten geniessen; die zahlreichen Gespräche öffneten manchmal auch Türen für neue Ideen oder den Zugang zu Ersatzteilen. Seinem Hobby Fahrzeuginstandsetzung geht Yanick Widmer meistens in den Abendstunden nach. Dabei muss er seine Zeit gut einteilen. Zweimal in der Woche spielt er am Abend Fussball und ist zusätzlich Offizier in der örtlichen Feuerwehr. Seine Freundin gönnt ihm diese Beschäftigungen und geniesst währenddessen Ausritte mit Pferden. Der aufgestellte Yanick Widmer ist talentiert und freut sich an Erschaffenem. Eine gute Voraussetzung, um vielleicht einmal die Firma seines Vaters zu übernehmen.

