Revidierter Ford 2000 Dexta erstrahlt in neuem Glanz

1965 ist das Geburtsjahr des bemerkenswerten Traktors von Bernhard Bosshart. Verrostet und müde sah das Gefährt aus. Mit grossem Aufwand hat der Kirchberger Pensionär den interessanten Traktor totalrevidiert.

Mit berechtigtem Stolz präsentiert Bernhard Bosshart seinen Ford 2000.
Mit berechtigtem Stolz präsentiert Bernhard Bosshart seinen Ford 2000.

Wenn Bernhard Bossharts Ford 2000 Dexta dahergefahren kommt, überrascht sein neuwertiges Aussehen schon von Weitem. Seine Kompaktheit und sein wunderbar ruhig tönender Motor beeindrucken jeden Traktorenfreund. Das Gefährt bietet dem Chauffeur ausserdem viel Platz. Die Bedienungselemente sind intelligent platziert und angenehm dimensioniert. Der blau-weisse Anstrich ist perfekt und die Beleuchtungselemente aus moderner Elektronik angefertigt; einfach ein wunderbar und liebevoll revidiertes Unikat.

Aussergewöhnliche Technik

Das Herzstück des Dexta ist aber sein Getriebe; das Select-O-Speed-Getriebe kam 1959 erstmals auf den Markt. Dabei handelt es sich um ein vollwertiges Lastschaltgetriebe. Dieses ermöglicht dem Lenker, während der Fahrt zwischen zehn Vorwärts- und zwei Rückwärtsgängen zu schalten. Mit einem leicht zu bedienenden Wählhebel unterhalb des Armaturenbretts geschieht dies erst noch, ohne eine Kupplung zu betätigen. Wie die Firma Ford damals in ihrer Werbung betonte, handle es sich dabei nicht um ein Automatik- oder Fluidgetriebe, sondern um ein mechanisches Getriebe mit vier hydraulisch geschalteten Planetensätzen. Diese sind in einer Reihe platziert. Die ersten drei werden über Bremsbänder und Kupplungspakete gesteuert. Das vierte Planetengetriebe sorgt für eine konstante Drehzahlreduzierung. Durch den Wählhebel, die eigentliche Schaltung, werden sechs Hydraulikventile betätigt, welche wiederum die Bremsbänder und Kupplungspakete steuern.

Teurer, aber besser

Der 68-jährige Bernhard «Beny» Bosshart wohnt im Kirchberger Weiler Dietschwil. Seine Eltern führten dort einen Landwirtschaftsbetrieb im Dorf. In den 1970er-Jahren wurde der Betrieb ausgesiedelt und die Familie wohnte fortan im «Letten». Vater Bosshart verunfallte 1956 und war daher für die Hofarbeiten körperlich eingeschränkt. Vor allem konnte er nicht Traktor fahren, da ihm das Kuppeln mit dem linken Bein nur schwer möglich war. So blieben Bossharts auf ihrem Bauernhof aussergewöhnlich lange beim Fuhrwerken mit Pferden, betrieben so Milchwirtschaft und Ackerbau. Die Arbeiten wurden aber mit der Zeit zu viel. Da kam zum Glück Fords Select-O-Speed ins Spiel. Bei einer imponierenden Präsentation des neuen Traktors begeisterte sich Vater Bosshart sofort für dieses aussergewöhnliche Fahrzeug. Anstelle einer normalen Kupplung verfügte es über ein simples Rangierpedal, das mit viel weniger Kraftaufwand betätigt werden konnte. Die Zapfwelle ist voll unter Last schaltbar. Obwohl teurer als die Version mit einem normalen Getriebe, erstand Vater Bosshart 1967 das Gefährt. 36 PS leistete der Ford 2000, was Vater Bosshart bald zu wenig war. Zwei Jahre nach dem Kauf wurde dem Traktor ein leistungsstärkerer Motor verabreicht und er war nun mit 55 Pferdestärken ausgestattet. Nach 20 Jahren mussten die Kotflügel infolge Rostbefalls repariert werden. 1994 wurde das unter Verschleiss leidende Select-O-Speed-Getriebe durch ein übliches Acht-Gang-Getriebe ersetzt.

Der 60-jährige Traktor mit über 12 000 Stunden kurz vor seiner Revision. Bild: zVg.
Der 60-jährige Traktor mit über 12 000 Stunden kurz vor seiner Revision. Bild: zVg.

Die Ford-Geschichte

Die blauen Ford-Traktoren sind vielen noch in Erinnerung und nicht wenige sind heute noch in der Landwirtschaft im Einsatz. 1986 wurde Ford-New Holland gegründet; später übernahm das Fahrzeugbauunternehmen Fiat diese Gruppe und die Traktoren sind jetzt mit der Bezeichnung New Holland unterwegs. Henry Ford begann 1901 mit der Herstellung von Automobilen und stieg 1907 in das Traktorengeschäft ein. 1915 gelang dem in die USA ausgewanderten Iren mit dem Ford Modell B der Durchbruch. Dieses Fahrzeug war wesentlich leichter und auch billiger als andere. So war es erschwinglicher für die kleinen Familienbetriebe. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, brauchte das Vereinigte Königreich Traktoren. Ziel war dabei, die Landwirtschaft so weit auszudehnen, dass die Bevölkerung ernährt werden konnte. Ab 1917 wurden Ford-Traktoren in Grossbritannien hergestellt. Henry Ford gründete die Firma Ford und Sohn, welche unter dem Namen Fordson produzierte. Der Fordson Dexta, wie der Traktor korrekt heisst, wurde zwischen 1957 und 1964 in Grossbritannien hergestellt. Er war leicht, wendig und somit ideal für kleinere Familienbetriebe. 1965 bekamen die Ford-Traktoren ein neues Outfit. Aus Ford Dexta wurde Ford 2000 Dexta; später wurde die Bezeichnung Dexta wieder weggelassen. Jener von Bernhard Bosshart war wohl einer der ersten der neuen Dexta-Serie. Seine Verkehrszulassung in der Schweiz geschah laut Fahrzeugausweis am 1. Januar 1965.

Das Auseinandernehmen ist einfacher als das Zusammensetzen. Bild: zVg.
Das Auseinandernehmen ist einfacher als das Zusammensetzen. Bild: zVg.

Minutiös und spannend

Bernhard Bosshart erzählt ruhig von seinem Projekt der Revision. Man merkt mit der Zeit, dass hier ein begabter Tüftler und Mechaniker am Werk war. Der Ford 2000 wurde von ihm vollständig zerlegt. Alles, was nicht mehr ordentlich funktionierte oder so aussah, wurde ersetzt. «Ja, da musste ich manchmal recht lange im Internet suchen, bis ich das passende Ersatzteil fand», erzählt der unternehmungsfreudige Landwirt lachend. Das Acht-Gang-Getriebe wurde wieder durch das ursprüngliche, faszinierende Select-O-Speed-Getriebe ersetzt. Bescheiden – und damit wohl leicht untertrieben – erzählt Bernhard Bosshart, dass er die spezielle Funktionsweise dieses Getriebes einigermassen verstanden habe. Der Traktor ist eine Pracht geworden. Zahlreiche Neuerungen sind erkennbar und die Funktionalität dieses Schleppers begeistert. Ein detailorientiertes Fotobuch hält das umfassende Projekt fest. Technische Details und säuberlich geordnete Auslegeordnungen verschiedener Teile des Oldtimers lassen erkennen, mit welcher Leidenschaft Beny Bosshart gearbeitet hat.

Der Schalthebel des Select-O-Speed-Getriebes, das ohne sonst übliche Kupplung auskommt.
Der Schalthebel des Select-O-Speed-Getriebes, das ohne sonst übliche Kupplung auskommt.

Umtriebiger Allrounder

Der Dietschwiler ist Meisterlandwirt, hat die Handelsschule abgeschlossen und vor bald 40 Jahren die Software-Firma Agrosoft aufgebaut. Diese Software wird von zahlreichen Landwirtschaftsbetrieben benutzt. Bernhard Bossharts drei Söhne sind technisch ebenfalls versiert und haben, nur bei Bedarf, mitgeholfen bei der Traktorrevision. Einer von ihnen führt nun den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb mit Angus-Mutterkühen. Bernhard Bosshart war und ist in Vereinen aktiv. Zurzeit ist er noch oft im Landwirtschaftsbetrieb engagiert und setzt dabei auch den Ford 2000 ein. «Jetzt werde ich dann etwas zurückstecken mit Arbeiten. Meine Software-Kundschaft weiss zwar nicht, dass ich eigentlich pensioniert bin; ‚mol luegä‘. Langweilig werden darf es mir aber nicht», so der tüchtige Mann mit einem Schmunzeln, und versorgt den Ford 2000 an seinem Platz.

Bernhard Bosshart will in Zukunft mit seinem Traktor auch manchmal an Oldtimertreffen teilnehmen.
Bernhard Bosshart will in Zukunft mit seinem Traktor auch manchmal an Oldtimertreffen teilnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link