Roundhouse-Stallkonzept für mehr Tierwohl
Der Eichrüttehof in Görwihl-Hartschwand vereint Landwirtschaft, Hofmetzgerei, Gastronomie und Direktvermarktung. Mit dem auf das Tierwohl ausgerichteten Roundhouse-Stall und dem eigenen Schlachthaus bleibt die gesamte Wertschöpfung auf dem südschwarzwälder Hof.

Der Roundhouse-Stall der niederländischen Firma ID Agro in der Hotzenwald-Metropole Görwihl ist eine Innovation für die Bauern im Südschwarzwald. Das runde Stahl-Stallkonzept, das ursprünglich für Fleischvieh entwickelt wurde, wird mittlerweile auch für Milchvieh sowie als Transit- oder Jungviehstall genutzt. Die Stahlkonstruktion hat einen Durchmesser von 23 Metern und eine Grundfläche von 400 Quadratmetern. Ein zentraler Mittelpfeiler verbindet acht Träger, an denen sieben fest montierte Abteile befestigt sind. Im Zentrum können die Boxen für verschiedene Nutzungen durch einen Pferch mit variierbaren Durchgängen verbunden werden. Die Stahlkonstruktion wird grossräumig mit einer PVC-beschichteten Membran überspannt, die sich durch die grüne Farbe ästhetisch in die landwirtschaftliche Umgebung einfügt.
Tierwohl im Vordergrund
Als der regionale Schlachthof in St. Blasien vor fünf Jahren geschlossen wurde, musste der Eichrüttehof seine Tiere vom Görwihler Ortsteil Hartschwand zum rund 30 Kilometer entfernten Grossschlachthof fahren. Das passte für die Eichrüttehof-Betreiber nicht zum Tierwohl-Konzept mit einer praktischen und artgerechten Tierhaltung für die Fleischerzeugung. So kam die Idee auf, den bestehenden Viehstall zum ersten EU-zertifizierten Tierwohl-Schlachthaus der Region mit Verarbeitungsraum umzubauen. «Da die Kühe früher schon immer auf der Weide waren und auch nachts Zugang zum Stall hatten, haben wir etwas Vergleichbares gesucht – und auf Youtube auch gefunden», erzählt der 35-jährige Betriebsleiter Markus Gerspacher und merkt an, dass es solche Roundhouse-Ställe in England schon länger gibt. Nachdem im Taubertal und am Bodensee solche Ställe besichtigt worden waren und die dortigen Besitzer damit gute Erfahrungen gemacht hatten, war auch Seniorbauer Thomas Gerspacher schnell davon überzeugt. «Früher ist es bei uns beim Treiben der Tiere zugegangen wie im Wilden Westen», sagt der 68-Jährige, der diese Arbeit heute ohne Stress alleine machen kann.
Sommerklima eher ein Problem
Das Tierwohl war dann matchentscheidend dafür, dass vor zwei Jahren ein solcher Stall gebaut wurde: «Durch den Luftstrom und die Wärme der Tiere entsteht ein besonderes Klima, das bedeutend besser ist als in einem geschlossenen Stall», betont Markus Gerspacher und erzählt, dass die Tiere bisher keine Krankheiten hatten und gesund durch die letzten beiden Winter gekommen seien. Weil auf dem 750 Meter über Meer gelegenen Hof die Temperaturen auch mal bis auf minus 15 Grad sinken können, musste das Dach mit einer dickeren Abdeckmembran und stärkeren Auflagepilzen für eine Schneelast von bis zu 300 Kilo pro Quadratmeter ausgelegt werden. «Der Schnee bleibt sowieso nicht liegen, weil Wärme vom Stall hochkommt», erklärt Markus Gerspacher. Seine Limousin- und Charolais-Rinder bekommen im November ein wolliges, dickes Winterfell und passen sich an die Temperaturen an. Zudem profitieren die Tiere von der dicken Mistmatte im Tretstall, die von unten her wärmt. «Das Sommerklima ist mittlerweile ein grösseres Problem als die Kälte im Winter», so Thomas Gerspacher. Auf dem Hotzenwald seien die Winter milder, während die Sommer hingegen bis 35 Grad heiss werden können. «Im runden Stall geht immer ein Lüftchen und es wird nie stickig», sagt der Altbauer. Durch die offene runde Form gibt es im hellen Stall keine toten Winkel und die Luft zirkuliert durch das zehn Quadratmeter grosse Lüftungsloch in der Mitte der gewölbten Dachoberfläche. Bei starkem Niederschlag wird lediglich das Zentrum etwas nass, wo sich keine Tiere befinden. In der Mitte des Stalls befindet sich ein isolierter 200-Liter-Trinkwassertank, der stromlos vier gedämmte Tränken füllt, die jeweils von zwei Boxen aus zugänglich sind. Da die Tränken im Wasserstrom miteinander verbunden sind, bleibt das Wasser in Bewegung und gefriert im Winter nicht. Strom wird lediglich für Licht und das automatische Einstreusystem der österreichischen Firma Schauer Agrotonic benötigt, das in Kürze im Nebengebäude installiert werden wird. Dabei nimmt das System die Strohballen auf und schreddert das Material auf optimale Fasergrösse. Ein integrierter Saugzyklon filtert den Staub ab und verbessert damit zusätzlich das Stallklima. Das zerkleinerte und gereinigte Stroh wird dann über einen Luftstrom und vier Verteiler direkt in die Abteile geblasen.

Der Muni im «Séparée»
Im neuen Stall haben 60 Tiere Platz. Markus Gerspacher hat jeweils eine Box mit weiblichen und männlichen Absetzern belegt. In einem Abteil sind etwa zehn Kälber untergebracht, die bis zur Mast durch einen Schlupf Zugang zu den 15 Muttertieren haben, die in zwei zusammengelegten Abteilen stehen. Dann gibt es noch das «Séparée» für den Deckmuni und eine Behandlungsbox, die mit einer Waage und einer Fixierung ausgestattet ist. Sie wird für die Separierung kranker Tiere genutzt. Die Rinder werden eine Nacht vor dem Schlachten zur Beruhigung ebenfalls in der Behandlungsbox untergebracht. Wenn im Sommer die Kühe und Kälber überwiegend auf der Weide sind, wird ein Abteil von zehn Schweinen belegt, die für die Metzgete-Saison in der Vesperstube gemästet werden. Die Rinder bleiben bis zur Schlachtung etwa ein Jahr zur Mast im Stall. Dieser kann alle drei bis vier Wochen mühelos mit dem Radlader ausgemistet werden, da alle Abtrennungen auf- oder beiseitegeklappt werden können. Der Futtertisch für Heu und Silage befindet sich im von der Membran überdachten Aussenbereich. Im hofeigenen Schlachthof sollen jährlich bis 80 Rinder geschlachtet werden, davon etwa 60 aus der eigenen Zucht.

Tradition und Fortschritt
Der Eichrüttehof in Göhrwil-Hartschwand vereint Landwirtschaft, Hofmetzgerei, Gastronomie und Direktvermarktung. So bleibt die gesamte Wertschöpfung auf dem Hof. Der ökologisch geführte Landwirtschaftsbetrieb umfasst 25 Hektaren Grünland, jeweils 20 Hektaren Weideland und Wald sowie einen Landgasthof mit Vesperstube. In der Mutterkuhhaltung bleiben die Kälber bis zehn Monate bei der Kuh, gehen dann in die Rindermast, bevor sie auf dem Hof geschlachtet und verarbeitet werden. Etwa die Hälfte der Rinder werden in der eigenen Gastronomie und per Hofverkauf vermarktet, der Rest geht an eine Detailhandelskette und einen Hofladen. Auf dem Eichrüttehof sind insgesamt 20 Personen in Voll- und Teilzeit beschäftigt. Markus Gerspacher ist als Betriebsleiter für Schlachtstätte, Produktion, Catering und Onlinehandel zuständig. Vater Thomas Gerspacher kümmert sich um Landwirtschaft und Forst, Mutter Renate Gerspacher und Schwester Andrea Eckert verantworten den Gastronomiebereich. Markus Gerspachers Ehefrau Marion arbeitet als Sonderpädagogin und ist zurzeit in Mutterschutz. «Mit dem Roundhouse-Stall und dem neuen Schlachthaus schliesst sich die Wertschöpfungskette auf dem Eichrüttehof», betont der 35-Jährige. Am Sonntag, 7. September, präsentiert der Eichrüttehof die zwei Neubauten bei einem grossen Hoffest im Rahmen der «Gläsernen Produktion».
