Historischer Steyr-Traktor findet neues Zuhause in Bettenau

Aufgeladen auf einem Pritschenwagen, fugte Hubert Motschnig, der Vater von Sabine Gämperli aus Bettenau bei Jonschwil, den Steyr-Diesel-Traktor T 84 von Österreich in die Schweiz. Zuvor restaurierte er den heute 65-jährigen Kult-Traktor bei ihm zu Hause in seiner Werkstatt im Bundesland Kärnten.

Sabine Gämperli schwelgt in Erinnerungen an den Steyr-Traktor ihres Vaters.
Sabine Gämperli schwelgt in Erinnerungen an den Steyr-Traktor ihres Vaters.

Momentan ist der Steyr T 84 von 1958 noch halb im Winterschlaf und steht im Schopf auf dem Hof der Familie Gämperli. Gelaufen ist er dieses Jahr noch nicht, das Heuen und die Tiere haben erste Priorität. Sepp und Sabine Gämperli haben seit 1999 eine Betriebsgemeinschaft mit ihrem Nachbar Othmar Thalmann. Gämperlis und Thalmanns betreiben Milchwirtschaft und halten Zuchtschweine und eine Schweinemast. Sabine Gämperli stammt aus Kärnten in Österreich, ist gelernte Verkäuferin und arbeitet in einer Bäckerei in Henau. «Ich bin nur d‘ Frau vom Buur», sagt sie lachend und erklärt, dass sie gerne Menschen um sich hat.

So sah der Steyr-Diesel-Traktor T 84 vor der Restauration aus. Bild: zVg.

Aufgewachsen ist Sabine Gämperli in Ruden, einem winzigen Dorf in Kärnten. Ihr Nachbar hielt vier Kühe und zwei Sauen, ansonsten wurde Ackerbau betrieben. «Kärnten und die Schweiz sind aus Sicht der Landwirtschaft nicht zu vergleichen. Die Bauern arbeiten oft auswärts, die Frau bleibt zu Hause und versorgt die Tiere, das wollte ich nicht», erzählt die heute 50-jährige Sabine Gämperli. Nach ihrer Ausbildung kam sie als junge Frau in die Schweiz. Im bündnerischen Küblis arbeitete die Österreicherin vier Monate im Service, ehe sie 1989 von der damaligen Wirtin des Ausflugsrestaurants Wildberg in Jonschwil angefragt wurde, ob sie nicht bei ihr arbeiten würde. Daraus wurden vier Jahre und eine Liebesgeschichte. Sabine Gämperli, damals noch Motschnig, lernte Sepp Gämperli kennen. Die beiden vermählten sich und haben mittlerweile drei erwachsene Kinder.

Hubert Motschnig posiert vor seinem Haus auf dem restaurierten Schmuckstück. Bild: zVg.

Etwa 20 Traktoren restauriert

Sabine Gämperlis Vater war Schichtführer bei der Firma Knecht, heute Mahle, Filtersysteme Austria GmbH, und leidenschaftlicher Hobby-Imker. In seiner Freizeit reparierte er Autos für die Nachbarn und seine Kinder. Nach seiner Pensionierung entdeckte er die Liebe zum Restaurieren von alten Traktoren. Die dafür benötigten Kenntnisse brachte er sich selber bei. «Mein Vater war jeden Tag in der Werkstatt, auch an den Sonntagen», erinnert sich Sabine Gämperli an ihre Jugendzeit. Oder er war unterwegs auf der Suche nach alten Traktoren. Sabine Gämperli erzählt, dass ihr Vater einmal ein Exemplar zum Restaurieren nach Hause brachte, aus dem die Brennnesseln herauswuchsen, so lange stand das Objekt zuvor vergessen in der Landschaft. Pro Winter restaurierte Hubert Motschnig etwa zwei Traktoren, verkaufte diese und besorgte sich Nachschub für sein Hobby. Den Steyr T 84 restaurierte er im Jahre 2010.

Der originale Typenschein ist ein kleines, grünes Büchlein.

Für kleine Einsätze

Sepp Gämperlis Vater besass ebenfalls einen kleinen Traktor, ein Schweizer Fabrikat der Marke Grunder, verkaufte diesen aber 1980. Bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen erzählt Sabine Gämperli: «Stets hat Sepp diesem Traktor nachgetrauert. Da schlug ich vor, wir könnten doch einen restaurierten Steyr meines Vaters zu uns holen.» Im März 2012 war es dann so weit. Ein Freund von Hubert Motschnig war ihm einen Gefallen schuldig und bot sich darum als Fahrer des Lieferwagens an. Auf der Pritsche festgezurrt stand der Steyr T 84, im Handschuhfach lagen der Fahrzeugausweis und die Papiere. Unter anderem die «Veranlagungsverfügung MwSt. für Traktor Steyr T 84 gebraucht, nicht verpackt» und das «Ausfuhrbegleitpapier Europäische Gemeinschaft». Mehr brauchten sie nicht, um am Zoll Wolfurt problemlos in die Schweiz zu gelangen. Die Männer schliefen eine Nacht bei Gämperlis, ehe sie am nächsten Tag mit leerer Pritsche zurück nach Ruden fuhren. Seither muss der Steyr T 84 nicht mehr viel arbeiten, wird aber von der Familie Gämperli für kleine Einsätze oder auch mal für eine Ausstellung gebraucht. Tochter Melanie nutzt ihn in ihrer Freizeit auf dem Hof. «Sie ist ein richtiger Steyr-Fan», sagt Sabine Gämperli erfreut.

Sepp Gämperli voller Vorfreude auf den Steyr-Diesel-Traktor T 84. Bild: ZVg.

Ein Andenken an den Vater

Als die Kinder klein waren, fuhren die Gämperlis mit dem Steyr an die Thur oder in den Wald zum Grillen. Die Jungmannschaft benutzte den Traktor zum Holzen und Tochter Melanie rettete einmal ihre Freundin aus einer Notlage, indem sie ihr defektes Mofa in der Heckschaufel und die Freundin auf dem Mitfahrsitz nach Hause fuhr. «So richtig gebraucht hätten wir den Steyr nicht, das war reiner Luxus. Aber weil ihn mein Vater, der letztes Jahr verstorben ist, restauriert hat, sind halt viele Erinnerungen damit verbunden und der Steyr gehört zur Familie», lässt Sabine Gämperli in ihr Seelenleben blicken. Sie freut sich, wenn Tochter Melanie genau wie Hubert Motschnig damals, mit dem Steyr an Traktorentreffen fährt.

Freude an Oldtimern

In loser Folge stellt der «St. Galler Bauer» Oldtimer-Freunde und ihre Fahrzeuge vor. In jedem Oldtimer steckt ein Stück Zeitgeschichte. Was macht den Oldtimer für seinen Halter so besonders? In dieser Ausgabe präsentiert Sabine Gämperli ihren Steyr-Diesel-Traktor T 84. red.

 

e) Die Jungmannschaft der Gämperlis festlich herausgeputzt auf dem Steyr-Diesel-Traktor T 84. Bild: zVg.

Geschichte des Steyrs

Die Steyr Landmaschinentechnik GmbH in St. Valentin ist der bedeutendste österreichische Traktorhersteller der Nachkriegszeit. Mit dem Steyr Typ 180 legte die Firma am 29. September 1947 den Grundstein zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Steyr begann mit der Entwicklung einer einfach zu fertigenden Dieselmotorbaureihe, die sowohl für Traktoren als auch für Lastwagen verwendet werden sollte. 1948 baute Steyr ein Modell mit Zweizylinderdiesel und in weiterer Folge Dieselmotoren mit drei und vier Zylindern.

Das Modell Steyr T 84 war das Basismodell und der kleinste Traktor einer Serie von vier Modellen. Abgeleitet vom Einzylinder-Modell Steyr 80 war der Traktor kürzer und breiter, aber auch weniger hoch als der Steyr 80. Das ergab einen tieferen Schwerpunkt und somit war der Steyr T 84 auch im hügeligen Gelände optimal einsetzbar. Der Steyr-Diesel-Traktor T 84 wurde als 18-er bekannt, weil er 18 amerikanische SAE-PS hatte.

Etwas weniger als 20 000 Stück der Serie T 84 wurden von 1956 bis 1964 gebaut. Der kleine, aber robuste und zuverlässige Traktor in Blockkonstruktion hat einen wassergekühlten Einzylinder-Dieselmotor aus eigener Herstellung und war mit einem Vier- oder Fünfganggetriebe erhältlich. Der Steyr T 84 war ein erfolgreiches Exportmodell, hat ein Gewicht von 1250 Kilo, eine Dreipunkt-Hydraulik und eine Zapfwelle. gö.

Das könnte Sie auch interessieren

stgallerbauer.ch Newsletter
Seien Sie die Ersten, um neueste Updates und exklusive Inhalte direkt in Ihren E-Mail-Posteingang zu erhalten.
Anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link