Wil West Nein: Absage an die Kulturlandvernichtung

Einige Landwirte im Kanton St. Gallen wehren sich mit Händen und Füssen gegen Wil West. Durch das Mega-Projekt werde unwiderruflich Kulturland zerstört und wertvolles Land billig an den Thurgau verscherbelt. Nun startete die Wil-West-Nein-Kampagne des Vereins für bäuerliche Anliegen in Bronschhofen.

Christian Vogel, Marco Gadient, Benno Schiltknecht, Marco Helfenberger, Christian Freund, Zeno Stadler, Bruno Schweizer,Thomas Hollenstein (v.l.).
Christian Vogel, Marco Gadient, Benno Schildknecht, Marco Helfenberger, Christian Freund, Zeno Stadler, Bruno Schweizer, Thomas Hollenstein (v.l.).

Unter der Führung des Präsidenten des Nein-Komitees, des St. Galler SVP-Kantonsrats Marco Helfenberger, wurde die Medienkonferenz am Dienstag, 20. Januar 2026, unter freiem Himmel auf dem Land des Bronschhofer Landwirts Zeno Stadler abgehalten. Dass die Informationsveranstaltung gerade dort stattfand, war kein Zufall. Denn Wil West käme gerade auf den Äckern und Feldern der Familie Stadler zu stehen. Das Nein-Komitee zu Wil West besteht aus dem Verein für bäuerliche Anliegen im Kanton St. Gallen. Dieser vereint insbesondere bäuerliche Vertreter der SVP.

«Wil West ist der falsche Weg»

Am 8. März wird das St. Galler Stimmvolk über das Zustandekommen beziehungsweise die Ablehnung von Wil West abstimmen. Der Souverän befindet dann an der Urne, ob der Kanton St. Gallen 12,3 Hektaren Kulturland an den Kanton Thurgau verkauft. Sollte die St. Gallerinnen und St. Galler dem Verkauf zustimmen, so würde unter der Regie des Kantons Thurgau zwischen Wil, Sirnach und Münchwilen ein Wirtschaftsentwicklungsprojekt entstehen, das 23,2 Hektaren Kulturland unwiederbringlich vernichtet. 18 Hektaren davon sind wertvollste Fruchtfolgeflächen.

Beim Kampagnenstart kritisierten die bäuerlichen Vertreter aber nicht nur das Projekt Wil West an und für sich, sondern auch den Umgang des Kantons St. Gallen mit der Wählerschaft. Das Projekt werde durchs ständige Wiederholen von Abstimmungen nicht besser. Vielmehr sei dieses Hü und Hott der St. Galler Regierung ein deutliches Zeichen dafür, dass «hier die demokratische Glaubwürdigkeit mit Füssen getreten wird und es dem ganzen Prozess an Transparenz mangelt», klagte der Rheintaler SVP-Kantonsrat Christian Freund. Marco Helfenberger doppelte nach: «Wil West ist der falsche Weg. Wir sind heute hier, weil demokratische und bäuerliche Anliegen ernst genommen werden müssen».

Kantonsrat Christian Vogel kritisierte, dass Wil West den fortgesetzten Verlust von Kulturland beschleunigt.
Kantonsrat Christian Vogel kritisierte, dass Wil West den fortgesetzten Verlust von Kulturland beschleunigt.

Kulturlandverlust ist Luxus

Es gehe nicht an, so der Toggenburger Landwirt und SVP-Kantonsrat Christian Vogel, dass 12,3 Hektaren bestes fruchtbares Ackerland für eine Überbauung geopfert würden. Eine Fläche, so Vogel, die ausreiche, um jährlich 667 Tonnen Kartoffeln anzubauen. Aus der Sicht der Landwirtschaft, so Vogel, gehe bei einem Ja «wertvollstes Landwirtschaftsland verloren». Daran ändere auch nichts, dass bei einem Bau von Wil West der Kanton St. Gallen verpflichtet ist, diese Fläche an einem anderen Ort zu kompensieren. Der unwiderrufliche Landverlust sei ein Luxus, den sich die Schweiz nicht leisten könne, denn «für die Ernährung von bald einmal zehn Millionen Einwohnern brauchen wir genügend Flächen», so Vogel. Zumal in den letzten Jahren der Eigenversorgungsgrad der Schweiz sowieso schon gesunken sei. Ähnlich tönt es beim Rossrütener Landwirt und Präsidenten der Landwirtschaftlichen Vereinigung Region Wil, Thomas Hollenstein. «Es ist richtig und wichtig, dass wir jetzt für unser Kulturland einstehen. Denn in den letzten 30 Jahren wurden in Wil schon 150 Hektaren an Kulturland unumkehrbar verbaut und vernichtet.»

Enteignung steht im Raum

Kein Wunder, sorgt sich Gastgeber Zeno Stadler, ob bei einem Ja an der Urne sein Hof noch eine Zukunft haben wird. Denn zum einen sei jenes Land, das sich nahe beim Hof befinde, für ihn als Landwirt das «wertvollste Land». Zum anderen führe der Bau von Wil West dazu, dass vieles, was er heute als Bauer noch tun könne, zumindest zukünftig infrage gestellt würde. Zum einen müsste er beim Landverlust sicherlich Tierfutter zukaufen und zum anderen würde sich auch die enge Bebauung rund um seinen Hof auf die Lebensqualität von Menschen und Tieren auswirken. Schon heute hätten seine Legehennen Mühe damit, dass die Beleuchtung des angrenzenden Autohändlers so hell sei. Unter den Umständen könnte es schwierig werden, dass er seinen Betrieb an die sechste Stadler-Generation übergeben könne, unkte Zeno Stadler.

Landwirt Zeno Stadler aus Bronschhofen sieht die Existenz seines Betriebs bedroht.
Landwirt Zeno Stadler aus Bronschhofen sieht die Existenz seines Betriebs bedroht.

Dass das Landgeschäft auch bei einem Ja an der Urne zu bis dato kaum beachteten Problemen führen könnte, darauf wies der Oberthurgauer Mitte-Kantonsrat Benno Schildknecht aus Hagenwil bei Amriswil hin. Er wisse aus gesicherter Quelle, dass der Landbesitzer des Areals Lenzenbüel in Sirnach dieses nicht verkaufen wolle, womit bei einem Ja alles auf eine hässliche Enteignung, beziehungweise einen Gerichtsprozess, hinauslaufen würde.

Kanton würde Geld verlieren

Massive Kritik, nämlich vor allem am viel zu tiefen Verkaufspreis, übte der Flumserberger SVP-Kantonsrat Marco Gadient. Für ihn «verschenkt» der Kanton St. Gallen den Boden an den Thurgau. «Wir St. Galler erhalten für das Land an allerbester Lage zwischen Wil und der Autobahn lächerliche 53 Franken pro Quadratmeter.» Der Toggenburger SVP-Kantonsrat und Landwirt Bruno Schweizer befürchtet, dass Wil West dazu führen könnte, dass St. Galler Unternehmen aus dem Kanton vertrieben werden könnten. Denn die 22 Gemeinden rund um Wil erlaubten bei einer Annahme von Wil West keine Neueinzonungen mehr für neue Gewerbebetriebe. Diese würden also gewissermassen «nach Wil West gezwungen», womit dem Kanton St. Gallen Arbeitsplätze und Steuern verloren gingen, weil diese Betriebe dann im Thurgau ihre Steuern zahlen würden.

Berichterstattung zum Start Wil West Ja-Kampagne

Beinahe zeitgleich mit der Nein-Kampagne starteten auch die Befürworter des Projekts Wil West ihre Ja-Kampagne: siehe Ausgabe 5 vom 30. Januar 2026
Link zum zugehörigen Online-Artikel ist hier verfügbar.

 

Stimmfreigabe beim St. Galler Bauernverband

Wil West polarisiert. In der St. Galler Landwirtschaft ist man sich nicht einig, ob das heute genutzte Kulturland zugunsten einer wirtschaftlichen Entwicklung aufgegeben werden soll oder ob dessen Schutz höher zu gewichten ist. An der Sitzung des Landwirtschaftsrats des St. Galler Bauernverbands (SGBV) in Grabs wurde am Montag, 19. Januar 2026, die Stimmfreigabe beschlossen (siehe Ausgabe 4 vom 23. Januar 2026 oder den Onlineartikel).

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