Wil West: Regierung warnt vor einem Nein
Gut einen Monat vor der Abstimmung geht nun auch die Regierung für Wil West in die Offensive. Drei St. Galler und ein Thurgauer Regierungsrat machten an der Medienorientierung vom 2. Februar 2026 deutlich, dass es um alles geht.

Am 8. März entscheidet die St. Galler Stimmbevölkerung über den Verkauf zweier Grundstücke an den Kanton Thurgau und über die Kompensation der Fruchtfolgefläche.
Wie wichtig den Kantonen St. Gallen und Thurgau ein Ja an der Urne ist, zeigte sich an der Besetzung der Referenten an der offiziellen Abstimmungsmedienorientierung der Regierung. Diese fand am Montag, 2. Februar, in den Räumen der S. Müller Holzbau AG statt. Von der St. Galler Seite nahmen Regierungspräsident Beat Tinner (Vorsteher Volkswirtschaftsdepartement), Susanne Hartmann (Vorsteherin Bau- und Umweltdepartement) und Marc Mächler (Vorsteher Finanzdepartement) an der Medienkonferenz teil. Die Thurgauer Regierung wurde durch Regierungsratspräsident Dominik Diezi (Vorsteher Bau- und Umweltdepartement) vertreten. Gewissermassen das Bindeglied zu beiden Kantonen stellte der Gemeindepräsident von Sirnach dar: Beat Schwarz, Präsident der Regio Wil.
Konzentrierte Entwicklung
Beat Tinner machte deutlich, dass die Ostschweiz im Wettbewerb mit anderen Regionen und Ländern um Unternehmen und Arbeitsplätze schlecht dastehe. Dabei gehe es nicht nur um attraktive Steuern, sondern um gut erschlossene Entwicklungsareale. Wil West sei ein Paradebeispiel dafür. Für Tinner ist klar: «Wenn wir nichts machen, dann geraten wir ins Hintertreffen im Wettbewerb mit anderen Standorten.» Zu sprechen kam Tinner auch auf die omnipräsenten «Herdöpfelsäcke», die von den bäuerlichen Wil-West-Gegnern bei fast jeder Gelegenheit ins Feld geführt werden. «In der Migros kostet so ein Herdöpfelsack Fr. 2.90. Das ergibt, auf die ganze Fläche gesehen, einen Ertrag von zwei Millionen Franken. Wenn wir von den Arbeitsplätzen ausgehen, die in Wil West entstehen, und dabei nur den Medianlohn annehmen, der bei 6973 Franken liegt, dann kommen wir auf 200 Millionen Franken Wertschöpfung. Bezieht man die Auswirkungen auf das Bruttosozialprodukt mit ein, sprechen wir von 400 bis 500 Millionen Franken.»
Wil West entlastet Wil
Für Regierungsratskollegin Susanne Hartmann, selbst Wilerin, ist Wil West ein Projekt, das mehrere Vorteile mit sich bringt. «Es ist auch ein Verkehrsprojekt, das durch den Autobahnanschluss die Stadt massiv vom Verkehr entlastet. Ausserdem können wir die Zersiedelung stoppen, denn die 22 Gemeinden der Regio Wil verpflichten sich, kein neues Land fürs Gewerbe einzuzonen. Und somit bleibt mehr Landwirtschaftsland bestehen als ohne Wil West.» Diese Konzentration an einem Ort brächte Vorteile für alle Gemeinden. Das sah auch der Präsident der Regio Wil, Beat Schwarz, so: «Wil West ist für uns ein Schlüsselprojekt für eine konzentrierte und organisierte Entwicklung, anstatt unkoordiniert und verstreut», betonte er.
255 Franken, nicht 58 Franken
Marc Mächler räumte mit der Mär auf, der Kanton St. Gallen würde allzu günstig Land an den Kanton Thurgau verscherbeln. «Wir lösen 20,33 Millionen Franken und generieren, abzüglich aller Einnahmen, einen Nettoerlös von 10,4 Millionen. Der Mittelerlös beträgt somit 255 Franken und nicht 58 Franken, wie von den Gegnern behauptet. Die Gegner machen da eine Milchbüchleinrechnung, bei der Äpfel, Birnen und vielleicht auch Herdöpfel wild durcheinandergemischt werden». Dass bei einem Verkauf der Parzellen die zukünftigen Steuern der darauf angesiedelten Betriebe an den Thurgau gehen, sei normal, denn das Land gehöre dann dem Thurgau. Der Kanton St. Gallen profitiere aber von den vielen Leuten, die in der Region wohnen würden. Das sah auch Dominik Diezi so: «Wir haben eine Untersuchung gemacht. Beide Kantone werden halbe-halbe bei den Einnahmen profitieren». Es sei somit auch kein klassisches Käufer-Verkäufer-Geschäft. «Es ist ein gemeinsames Projekt beider Kantone und der 22 Gemeinden.»
Mehr Landwirtschaftsland
Auch die von bäuerlichen Kreisen hart umkämpfte Fruchtfolgefläche Lenzenbühl kam zur Sprache. Sie soll als ökologischer Ersatzausgleich dienen. «Weil bei Wil West relativ viel auf den Dächern passiert, betrifft dies nur das Lenzenbühl. Wenn man das sonstwo machen müsste, dann müsste man das Doppelte kompensieren. Also wird auch hier Landwirtschaftsland geschont», so Dominik Diezi. Auch bei der Flächenkompensation sei man im Thurgau auf einem guten Weg. «Von den 18 Hektaren haben wir bereits schon für 14 Hektaren, also 80 Prozent, Interessenten. Auch die restlichen Interessenten werden wir finden. Wir werden mehr Interessenten haben als wir anbieten können.» Darüber hinaus wertet der Kanton St. Gallen weitere 4,7 Hektaren Land freiwillig auf. «Insgesamt bleibt dank diesen Initiativen mehr Landwirtschaftsfläche bestehen als ohne Wil West», so Beat Tinner.
Angesprochen auf eine etwaige im Raume stehende Enteignung des Lenzenbühl-Landbesitzers, falls dieser sein Land nicht verkaufen wolle, zeigt sich Diezi gelassen. Zwar liege aktuell die Zusage des Grundeigentümers des Lenzenbühl noch nicht vor, aber «wenn der Kanton St. Gallen Ja sagt, dann werden wir Gespräche führen, und ich gehe schwer davon aus, dass wir uns einigen werden», so Dominik Diezi.
Bei einem Nein verlieren alle
Was aber, wenn das Stimmvolk Nein zu Wil West sagen sollte? «Einen Plan B gibt es nicht. Dann ist der Autobahnanschluss in Wil gestorben. Die ÖV-Diskussion auch» , so Tinner. Es gebe dann nur einen Plan C, bei dem alle verlieren würden. «Denn ohne Autobahnanschluss wüsste ich nicht, wie man eine Verkehrsentlastung hinbekommen sollte. Der Druck aufs Landwirtschaftsland würde zunehmen. Auch der Bund attestiert uns, dass Wil West ein Vorzeigeprojekt ist. Wenn das abgeschossen würde, dann wäre das sehr schwer. Wir jammern regelmässig, dass die Schweiz in Winterthur aufhört. Wil West wäre eine Chance, das mal zu ändern», so der Vorsteher des St. Galler Volkswirtschaftsdepartements.
Berichterstattung zum Start Wil West Nein-und-Ja-Kampagnen
Ungefähr eine Woche vor der offiziellen Medienorientierung starteten sowohl die Gegner als auch die Befürworter des Projekts Wil West ihre Kampagnen (Print-Ausgabe 5 vom 30. Januar 2026):
