Rückblick und Ausblick: St.Galler Landwirtschaft im Fokus
Neuer Geschäftsführer, alte und neue Baustellen: Hansruedi Thoma blickt auf das Jahr 2025 beim St. Galler Bauernverband zurück und spricht über PFAS, Kulturlandverlust, politische Erwartungen und die Weichenstellungen für die Landwirtschaft 2026.
2025 gab es in der Geschäftsleitung des St. Galler Bauernverbands (SGBV) einen Wechsel. Wie wurde der Wechsel von den Mitgliedern des SGBV erlebt?
Hansruedi Thoma: Dank engagierter Mitarbeiterinnen auf der Geschäftsstelle und des Engagements des Präsidenten und des Vizepräsidenten konnten die laufenden Geschäfte gewohnt weitergeführt und die Verbandsaufgaben erledigt werden. Der Wechsel war so nicht geplant. Wir haben uns nun organisiert und können voller Elan ins Jahr 2026 starten.
Sie sind nun seit Juni Geschäftsführer. Wie haben Sie das vergangene halbe Jahr selbst erlebt?
Thoma: Die Arbeit ist vielseitig und es dauerte, bis ich in allen Themen drin war. Aber genau das macht es für mich auch so interessant. Wir erstellen Dienstleistungen für unsere Mitglieder und unsere Aufgabe ist es, mit verschiedenen Ämtern in Kontakt zu stehen und Probleme zu klären.
An Herausforderungen fehlt es nicht. Das Thema PFAS hat auch die St. Galler Landwirtschaft im Jahr 2025 stark geprägt. Wie hat die Unsicherheit rund um die PFAS-Situation den Verband und die Betriebe beschäftigt?
Thoma: Unsere Aufgabe als Verband ist, die Interessen der Bauern gegenüber der Regierung und der Gesellschaft zu vertreten. Leider bringen wir diese Ewigkeitschemikalie PFAS nicht mehr los, was uns betroffen macht. Wir nahmen an internationalen Fachtagungen teil und merkten, dass PFAS in Europa weit verbreitet ist und leider immer noch eingesetzt wird. Dieses gesellschaftliche Problem muss erkannt werden. Leider gibt es bis jetzt keine Lösungen für das Problem. Wir setzen alles daran, dass es nicht zu Betriebsschliessungen kommt.
Wie wird betroffenen Betrieben geholfen?
Thoma: Betroffene Bauernfamilien mit Überschreitungen beim Höchstwert werden betriebswirtschaftlich durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen (LZSG) betreut. Der Bauernverband bietet den Familien psychologischen Beistand in Form eines Coachingangebots an.
Welche Massnahmen wären nötig, um die Existenzen der Bauernfamilien zu erhalten?
Thoma: Die Bauernfamilien brauchen erfahrene Berater, die auf dem Betrieb Massnahmen vorschlagen und umsetzen können. Die Berater des LZSG brauchen hier dringend personelle Unterstützung. Auf Ackerboden gibt es Erfahrungen aus dem deutschen Raststatt, wie auf belastetem Boden unbelastete Lebensmittel produziert werden können. Bei Naturwiesen fehlt es an Alternativen. Wir brauchen Zeit, um Massnahmen zu testen und umzusetzen.
Welche Unterstützung erwartet der SGBV seitens Politik und Behörden?
Thoma: Die hängigen Motionen in Bern sollten möglichst zeitnah behandelt und umgesetzt werden. Es geht darum, möglichst viele Betriebe in der Nahrungsmittelproduktion zu erhalten. Von den St. Galler Behörden erwarten wir keinen vorauseilenden Gehorsam. Ich möchte hier aber auch betonen, dass sich der Bauernverband mit den St. Galler Behörden regelmässig bespricht und mit Amtsleiter Niklas Joos vom Amt für Umwelt einen fairen, partnerschaftlichen Austausch pflegt.
Auch Wil West ist ein Dauerbrenner. Das Projekt beschäftigt Politik, Wirtschaft und Landwirtschaft. Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge?
Thoma: Der Kantonsrat hat in seiner Abstimmung vom 17. September dem Verkauf des Landes an den Kanton Thurgau mit 89 Ja- bei 25 Nein-Stimmen klar zugestimmt. Dank Ratsreferendum im Kantonsrat kommt es am 8. März zu einer zweiten Volksabstimmung zum Projekt Wil West. Beim Stimmvolk dürfte die Meinung nicht so eindeutig sein.
Wo steht der SGBV bei dieser Abstimmung?
Thoma: Der Vorstand hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, das Pro und Kontra aufgelistet und ausdiskutiert. Das Ergebnis der Schlussabstimmung war nicht einstimmig. Das Resultat dieser internen Abstimmung wird an der Landwirtschaftsratssitzung vom 19. Januar bekannt gegeben. Schlussendlich entscheidet dieser Landwirtschaftsrat, welche Parole der SGBV vertreten soll. Bei allen Diskussionen sind wir es unseren Mitgliedern schuldig, ihre Meinung gegen aussen zu vertreten. So oder so, das Projekt bleibt umstritten.

Beim Projekt Wil West wird vor allem der Kulturlandverlust kritisiert. Mit diesem geht es auch mit dem Projekt Rhesi weiter. Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Landwirtschaft im betroffenen Gebiet?
Thoma: Sprechen wir bei Wil West von einem Verkauf von zwölf Hektaren und der Überbauung von gesamthaft 18 Hektaren Fruchtfolgefläche, ist es beim Projekt Rhesi ein Vielfaches mehr. Fruchtbares Land, das der Nahrungsmittelproduktion entzogen werden soll. Dies wird im Rheintal Spuren hinterlassen.
Gibt es aus Sicht des SGBV Forderungen?
Thoma: Meine Vorgänger haben sich aktiv und erfolgreich im Verein Pro Kulturland und Hochwasserschutz eingesetzt. Hier wird Peter Nüesch, der ehemalige Präsident des SGBV, das Präsidium übernehmen und sich weiterhin dafür einsetzen, dass möglichst wenig Fläche der Produktion von Lebensmitteln entzogen wird.
Wie wurde das neue Punkteschema zu Ammoniakverlusten aufgenommen und was bedeutete es in der Praxis?
Thoma: Das St. Galler Modell zur Erzielung einer Reduktion des Ammoniakverlusts ist noch immer nicht definitiv in Anwendung. Gemäss Amt für Umweltschutz müssen daran noch Änderungen gemacht werden, um den Vorgaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) zu genügen. In der Praxis bedeutet dies, dass es für Bauherren und Stallplaner zurzeit mühsam ist, ein Baugesuch bewilligt zu erhalten. Die Massnahme «Ammoniakreduktion bei Neubauten» ist grundsätzlich ein Vorschlag der Landwirtschaftsbranche, um politisch eine generelle Reduktion von Grossvieheinheiten pro Hektare abzuwenden. Der St. Galler Bauernverband konnte in der Mitwirkung erreichen, dass gewisse Massnahmen hinterfragt und die geforderte Punktezahl reduziert wurden.
Welche Ereignisse oder Entwicklungen haben die Landwirtschaft im Kanton St. Gallen weiter geprägt?
Thoma: Generell machen uns die geforderten Gewässerraumausscheidungen zu schaffen. Die Gemeinden sind verpflichtet, Ausscheidungen vorzunehmen, obwohl eine Anpassung auf Verordnungsstufe in der Vernehmlassung ist. Bei der Ausscheidung von Pufferzonen werden dem Kanton eingereichte Projekte von Pro Natura kritisiert und konsequent Einsprache erhoben, wenn diese nicht ihren Maximalforderungen entsprechen. Dieses Vorgehen macht uns fassungslos und stellt uns vor grosse Herausforderungen.
Wie fällt Ihr Gesamtfazit für das Landwirtschaftsjahr 2025 im Kanton St. Gallen aus?
Thoma: Wir wurden im Sommer von Trockenheit und heissen Temperaturen über längere Zeit verschont. Die Älpler berichten von einem guten Sommer. Das wüchsige Wetter beschert uns qualitativ und quantitativ gute Erträge. Die Produktepreise stimmten über längere Zeit. Ich bin überzeugt, dass das Jahr 2025 finanziell gut ausfallen wird.
Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in Ihrem halben St. Galler Landwirtschaftsjahr?
Thoma: Natürlich war es für uns als SGBV ein erfreuliches Ereignis, Bundesrat Martin Pfister auf einem Toggenburger 1.-August-Brunch begrüssen zu dürfen. Als Geschäftsführer des SGBV erfreut mich persönlich besonders die Dankbarkeit der Bäuerinnen und Bauern, die sie mir entgegenbringen.

Vor welchen Herausforderungen steht der Verband im Jahr 2026?
Thoma: Der Verband ist bei so vielen Fragen erste Ansprechperson. Wir müssen Themen aktiver angehen und Lösungen anbieten. Als Verband überlegen wir uns, wie wir dies personell stemmen möchten. Wir überlegen uns, auch nach links und rechts zu schauen und mit anderen Ostschweizer Bauernverbänden Problemfelder gemeinsam zu lösen.
Gibt es neue Projekte, die der SGBV an die Hand nimmt?
Thoma: Die Öffentlichkeitsarbeit, die für ein gutes Image der Landwirtschaft sorgt, ist in einem ständigen Wandel hin zu den Sozialen Medien. Es gilt aber auch, bewährte Veranstaltungen zu organisieren, um den Austausch von Mensch zu Mensch zu pflegen. Im Jahr 2026 findet zum 2. Mal im Rheintal von «Puur zu Puur» statt. Andere Projekte wie Gala (Gastronomie und Landwirtschaft) werden neu aufgegleist. Aktuell gibt es eine Anfrage einer Gewerbeschule in St. Gallen, ob wir in einer Sonderwoche den Lehrlingen die Landwirtschaft näherbringen möchten.
Mit welchen Themen und Herausforderungen wird sich die St. Galler Landwirtschaft 2026 besonders auseinandersetzen müssen?
Thoma: PFAS wird uns die nächsten Jahre sicherlich weiter beschäftigen und wir hoffen, dass uns die Gesellschaft bei diesem Thema nicht hängen lässt. Wir kämpfen auch gegen die ausufernden Gewässerraumausscheidungen. Unsere Vorfahren haben uns in anstrengender Handarbeit Boden zur Produktion von Lebensmitteln übergeben. Als Bauernverband setzen wir uns tagtäglich dafür ein, dass dieser Boden auch produktiv bleibt und nicht der Ökologisierung oder Revitalisierung zum Opfer fällt.
Was bedeutet die bevorstehende Abstimmung zur «Vegi-Initiative»* für die Betriebe und deren Zukunft?
Thoma: Ehrlich gesagt, erwarten wir vom Stimmvolk ein sehr klares Nein zur Ernährungs-Initiative. Die Initiative und ihr Gegenvorschlag hatten im Parlament keine Chance. Ich sehe die Abstimmung zur Initiative für uns eher positiv. Ein sehr deutliches Nein zur «Vegan-Zwang-Initiative» stärkt unsere Bauernvertreter im Parlament, wenn es um die Debatten um die wichtige Agrarpolitik 2030 geht.
Blicken wir noch ein bisschen weiter nach vorne: Wie bereitet sich der Verband auf die Nationalratswahlen 2027 vor?
Thoma: An der Verbandssitzung vom 10. Dezember hat der Vorstand die Nationalratswahlen 2027 lanciert. Wir bildeten einen Wahlausschuss, der bereits Anfang 2026 mit der Arbeit beginnt. Es gilt, geeignete bäuerliche Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, zu motivieren und in der Gesellschaft bekannt zu machen. Wir suchen mit den bürgerlichen Parteispitzen das Gespräch und möchten unsere Anliegen dort früh platzieren.
*Das Interview wurde schriftlich geführt.

