Interview mit Jan Müller: «Die Stimme der Junglandwirte hat Gewicht»
Als Präsident der Junglandwirte (Jula) St. Gallen engagiert sich Jan Müller für die Anliegen der jungen St. Galler Landwirtschaft. Trotz hohem Arbeitspensum sieht er die Verbandsarbeit als Gewinn für seinen Landwirtschaftsbetrieb und sein Lohnunternehmen.Davon erzählt er unter anderem in diesem Interview.

Herr Müller, warum sollten sich Junge in Verbänden engagieren?
Jan Müller: Jeder von uns profitiert von einem starken Verband. Dieser existiert aber nur, wenn wir uns dafür engagieren. Wenn alle von uns ein bisschen Zeit in ein Amt investieren würden, dann wäre die Verbandsarbeit gut verteilt und würde nicht auf ein paar wenigen lasten, die oft bereits mehrere Ämtchen haben. Ich betrachte mein Engagement als bezahltes Hobby, von dem meine Familie, mein Betrieb und ich profitieren können.
Inwiefern ist die Junglandwirtekommission für Sie ein Gewinn?
Müller: Durch die Leute, die ich meines Amtes wegen kennenlerne. Als Beispiel: Vor einem Vierteljahr habe ich den elterlichen Betrieb übernommen. Nur schon in dieser kurzen Zeit konnte ich von meinem Netzwerk profitieren. Wenn ich irgendwo anstehe, wettere ich nicht bei meinem Nachbarn über mein Problem. Stattdessen kontaktiere ich direkt die Schlüsselperson auf dem jeweiligen Amt. Das traue ich mich, weil ich sie persönlich kennenlernen durfte. Die direkten Kontakte zu Beratern, dem Bauernverband oder zum Landwirtschaftsamt sind enorm wertvoll.
Wie ist die Jula St. Gallen aufgebaut?
Müller: Unser Vorstand besteht aus acht Kommissionsmitgliedern und gehört zum St. Galler Bauernverband (SGBV). An jeder unserer Sitzungen nimmt ein Vorstandsmitglied des SGBV teil. Dadurch funktioniert der Informationsaustausch gut. Wir sind aufgeteilt nach geografischen Regionen sowie landwirtschaftlichen Betriebstypen. Jeder hat ein bestimmtes Amt unter sich und vertritt dort die Meinung der Jula St. Gallen. Wir sind aber bewusst kein Verein mit einer Mitgliederliste. Alle sind an unseren Anlässen willkommen. Die junge Generation scheut Vereinsmitgliedschaften, lieber nimmt sie spontan an einem Anlass teil.
Habt ihr Erfolg mit eurem Konzept?
Müller: Ja. Unsere letzte Betriebsbesichtigung mit dem Thema Hofübergabe war gut besucht. Das Thema beschäftigt über die Generationen hinweg. Mit solchen Anlässen versuchen wir, aktiv auf junge Landwirtinnen und Landwirte zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Wir organisieren auch Hofgespräche mit Parteien, wenn es um politische Interessen geht. Es ist uns wichtig, dass wir unsere Anliegen bei Politikern und Amtsstellen deponieren und für Probleme sensibilisieren können. Dazu suchen wir den direkten Kontakt, beispielsweise mit Bruno Inauen vom Landwirtschaftsamt St. Gallen.
Mit 30 Jahren sind Sie einer der Jüngsten im Landwirtschaftsrat des St. Galler Bauernverbands. Wie schlagen Sie sich durch?
Müller: Die Mitglieder sind sich bewusst, dass ich die zukünftige Generation vertrete. Ich betone das auch stark. Ich bin überzeugt, dass unsere Stimme Gewicht hat. Unsere Anliegen werden ernst genommen, wir sind ihnen wichtig. Manchmal würde ich mir etwas mehr Mut wünschen. Wie zum Beispiel, als es um die vierjährige Lehre und die Abschaffung des Direktzahlungskurses ging. Wir von der Jula haben uns stark dafür eingesetzt.
Womit beschäftigen Sie sich als Präsident?
Müller: Alle unsere Vorstandsmitglieder sind im ähnlichen Alter. Es ist wichtig, dass wir jüngere Mitglieder rekrutieren. Neulinge sollten eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen. Das ist eine Gratwanderung. Ich möchte unseren Vorstand mit je einem Mitglied aus den beiden Appenzell ergänzen. Gleichzeitig will ich den Vorstand nicht unnötig aufblasen. Denn ein zu grosser Vorstand ist träge. Mit 35 Jahren muss ich abtreten, so sieht es das Reglement vor. Dann will ich keine Baustelle übergeben, sondern eine gute Sache. Eine, für die sich ihre Mitglieder gerne einsetzen und die einen hohen Stellenwert in der St. Galler Landwirtschaft geniesst.
An welchem Projekt arbeitet die Jula St. Gallen aktuell?
Müller: Wir haben ein Direktzahlungsmodell für die Agrarpolitik 2030 ausgearbeitet und beim Bundesamt für Landwirtschaft eingereicht. Das Modell orientiert sich nicht an Vorschriften, sondern an Zielen. Im nächsten Schritt wollen wir mit einigen Testbetrieben das Konzept umsetzen und auswerten. Von Beginn weg möchten wir Umweltverbände miteinbeziehen, um nicht Widerstände zu schüren.
Tiefes Einkommen, hohe Präsenzzeit, ständig unter Beschuss von Politik und Konsumierenden – ist es heute überhaupt noch lukrativ, einen Betrieb zu übernehmen?
Müller: Ganz klar: Ja. Weil es ein riesiges Privileg ist, mit seinen Kindern auf einem Hof leben zu dürfen. Für junge Familien ist es die beste Konstellation, davon bin ich überzeugt. Zudem findet man keinen abwechslungsreicheren Beruf. Natürlich ist es streng und die Anforderungen sind hoch. Doch jeder Unternehmer, der was erreichen will, muss viel dafür leisten. Was du aus einem Betrieb machst, ist dir freigestellt. Ich staune, wie manche Betriebsleitende mit viel Innovationsgeist einen Auslaufbetrieb zu neuem Leben erwecken. Es ist möglich, wenn man über den Tellerrand hinausschaut.

Etwa 45 Prozent der Betriebsleitenden sind 55 Jahre und älter. Sind die Jungen bereit für den Generationenwechsel auf den Betrieben?
Müller: Es gibt sehr gute Junge, die in unserer Branche heranwachsen. Ich staune selbst über die hohe Anzahl an Schnupperanfragen auf unserem Betrieb. Oft auch Branchenfremde und Frauen. Das gilt aber nicht für alle Regionen. Wir haben auch Kantone, denen mangelt es an Nachwuchs. Junge Landwirte brauchen zukünftig den Mut, ihre Heimatregionen zu verlassen. Ich sehe hier auch unsere Ausbildung in der Pflicht. Wir brauchen eine breite, anspruchsvolle Grundausbildung. Oberstes Ziel darf nicht sein, dass jeder die Lehre als Landwirt besteht. Sondern dass kompetente Fachkräfte für unsere Branche ausgebildet werden, die einen Familienbetrieb führen können.
