Januartagung: Mehr Gras – weniger Gas
Der Absenkpfad Nährstoffe wird jeden einzelnen Landwirtschaftsbetrieb vor neue Herausforderungen stellen. An der Januartagung des Bauernverbands Appenzell Ausserrhoden wurde aufgezeigt, wer die Zielwerte setzt, was mögliche Massnahmen sind und was die Wissenschaft bereits weiss.
Zurücklehnen ist nicht angesagt. «Die Landwirtschaft ist nach wie vor ein Zentrum von politischen Interessen», sagte Beat Brunner, Präsident des Bauernverbands Appenzell Ausserrhoden (BVAR), vergangene Woche an der Januartagung in Gais. Er verwies auf anstehende Initiativen, speziell auf die Biodiversitäts-Initiative und den indirekten Gegenvorschlag, den der Nationalrat ins Spiel brachte, um den Rückzug der Initiative zu bewirken. «Dieser schiesst jedoch weit über das Ziel hinaus.» Vorgeschlagen sei, dass künftig 30 Prozent der Landesfläche für die Biodiversität zur Verfügung stehen sollen, so Brunner. «Und für Vernetzungsprojekte kommen noch zusätzlich mehrere 100 000 Hektaren dazu.» Er ist überzeugt, dass die Beschlüsse des Nationalrats die Lebensmittelproduktion, die Produktion von erneuerbarer Energie und den Tourismus massiv einschränken werden. «Wir hoffen nun, dass der Ständerat im laufenden Jahr die Biodiversitäts-Initiative ebenfalls ablehnt und nicht auf den indirekten Gegenvorschlag eintreten wird.» Um politische Interessen zu lenken, sei die Landwirtschaft auf eine starke bäuerliche Vertretung in den Gremien angewiesen, fügte Brunner hinzu. Er machte die rund 80 Anwesenden auf die anstehenden Gesamterneuerungswahlen in Appenzell Ausserrhoden sowie die eidgenössischen Wahlen im Herbst aufmerksam.

Betroffen sind alle
Einen politischen Hintergrund hatte auch das Thema des Nachmittags, «Absenkpfad Nährstoffe». Der Absenkpfad ist eine Ableitung der parlamentarischen Initiative «Das Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren» (Pa.Iv.19.475). Über die Entstehung dieser Initiative und über kommende Massnahmen referierte Bernard Belk, Vizedirektor Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und Leiter des Direktionsbereichs Direktzahlungen und ländliche Entwicklung. «Das Parlament hat im März 2021 die AP 2022+ sistiert, gleichzeitig aber den Bundesrat beauftragt, bis 2022 einen Bericht zur zukünftigen Ausrichtung der Agrarpolitik vorzulegen.» Daraus entstanden ist die Pa.Iv.19.475. Hat diese zu Beginn nach einer Herausforderung nur für Ackerbaubetriebe ausgesehen, fordert sie nun alle. «Denn am Schluss hat der Nationalrat noch die Nährstoffe aufgenommen», vollendete der Referent. Mit den neuen Bestimmungen werden die Risiken beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sowie die Nährstoffverluste mittels eines Absenkpfades mit Zielwerten gesetzlich verankert. Für Bernhard Belk ist klar, der Ursprung der Geschichte hinter den Absenkpfaden sind die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative, die 2018 eingereicht und 2021 vom Volk abgelehnt wurden.
Selbstverantwortung Branchen
In seinem Referat zeigte Bernard Belk auf, welche Massnahmen den Landwirtschaftsbetrieben offenstehen, um die Zielwerte zu erreichen. So wird unter anderem der Fehlerbereich von zehn Prozent in der Nährstoffbilanz beim Stickstoff und Phosphor aufgehoben, der Weidegang wird stärker gefördert, die stickstoffreduzierte Phasenfütterung bei Schweinen wird fortgesetzt und auf eine längere Nutzungsdauer von Kühen gesetzt. «Wir fördern keine alten Kühe, wollen aber eine effizientere Ausnutzung», ergänzte Belk. Gefördert werde alles mit Direktzahlungsbeiträgen vom Bund. Weiter erklärte er, wie das BLW gemeinsam mit den verschiedenen Branchen versuche, den verpflichtenden Auftrag vom Bundesrat zu erfüllen. So müssen betroffene Branchen- und Produzentenorganisationen selber erforderliche Massnahmen zum Absenkpfad Nährstoffe ergreifen und dem Bund regelmässig Bericht erstatten über die Wirkung der von ihnen getroffenen Massnahmen, damit die Ziele erreicht werden können. «Selbstverantwortung der Branchen ist ein wichtiges Element der künftigen Agrarpolitik», betonte Belk.
Gezielter arbeiten
«Man kann uns nicht sagen, dass wir unser Land mit Hofdünger ertränken. Doch die Regulierung im ökologischen Leistungsnachweis werden in wenigen Jahren alle spüren», betonte David Brugger, Leiter Geschäftsbereich Pflanzenbau beim Schweizer Bauernverband (SBV), im zweiten Referat. Die Landwirtschaft werde an den Umweltzielen gemessen und müsse nun jede mögliche Art nutzen, die Nährstoffeffizienz zu verbessern. «Nur das hilft, die Produktivität nicht zu verlieren», so der Vertreter des SBV. Als Lösungsansätze nannte Brugger unter anderem das Senken des Nährstoffbedarfs der Kulturen und das Finden von Verlustquellen. An den Massnahmen des BLW hegt er jedoch Zweifel, ob sie die richtigen Quellen und Verlustformen erfassen. Das Phosphorreduktionsziel schätzt er als machbar ein. «Doch es kostet Geld.» Als grosse Herausforderung sieht er das Stickstoffverlustreduktionsziel von 15 Prozent. «Es ist fragwürdig, ob wir das so schaffen. Hier sind wir auf die Wissenschaft angewiesen.» Brugger ist der Meinung, dass beim Stickstoff auf Mineraldünger nicht verzichtet werden kann.

An jeder Schraube drehen
Über erste Resultate zu Futtermitteln und Hofdünger informierte Thomas Steinsberger, wissenschaftlicher Projektleiter der Agroscope-Versuchsstation Nährstoffflüsse. Seine laufenden Studien im Kanton Luzern mit detaillierten Beprobungen von Futtermitteln, Gülle und Miststöcken zeigen, dass an jeder noch so kleinen Schraube gedreht werden muss, damit die Emissionen zurückgehen. «Es ist wie bei einem Marathon, am Anfang kommt man gut vorwärts, aber auf den letzten Metern wird es schwierig.» Wie David Brugger ist auch er der Meinung, dass jeder Betrieb einzigartig ist. «Wichtig ist der Wissensaustausch unter den Landwirten und dass die Hofdüngerqualität besser verstanden wird.» Zur Frage aus dem Publikum, was Güllezusätze nützen, meinte Steinsberger: «Die wissenschaftliche Lage dazu ist dünn. Der Markt entwickelt sich schneller als die Forschung.» Das anschliessende Podiumsgespräch mit der Grundfrage, wie man mehr Gras mit weniger Emissionen hinbringt, war die Zusammenfassung des Nachmittags. Alle drei Referenten setzen hier auf das Engagement der Branchen. Dabei ist ihnen bewusst, dass dies nicht ohne Zielkonflikte, Interessenabwägung und auch die Frage nach der Finanzierbarkeit geht. Kurz und klar war dann das Schlusswort von Beat Brunner: «Einmal mehr ist die Landwirtschaft gefordert mit dem obersten Ziel, mit weniger Gas den Heustock zu füllen.»
Diverse Infos
Dölf Biasotto, Landammann und Vorsteher Departement Bau und Volkswirtschaft, informierte über diverse Änderungen:
Energiegesetz: Am 1. Januar trat das teilrevidierte kantonale Energiegesetz in Kraft. Die wichtigsten Änderungen sind, dass beim Heizungsersatz in bestehenden Bauten mit Wohnnutzung künftig mindestens 20 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Quellen stammen oder durch Energieeffizienzmassnahmen kompensiert werden muss.
Photovoltaikanlagen: Der Kanton fördert PV-Anlagen, indem er die Einmalvergütung der Bundesgelder verdoppelt. Gesuche sind nach Inbetriebnahme der Anlage und der definitiven Festsetzung der Bundesgelder zusammen mit den notwendigen Unterlagen an das Amt für Umwelt (AfU) einzureichen. Über den Agrarfonds kann die Kommission der landwirtschaftlichen Kreditkasse die Finanzierung von Solaranlagen zinsvergünstigt unterstützen.
Schleppschlauchobligatorium: Tritt 2024 in Kraft; falls für spezifische Flächen Ausnahmen gewünscht sind, frühzeitig ein Ausnahmegesuch an das AfU stellen. Gründe können enge Platzverhältnisse, Zufahrt oder Sicherheit sein. Das Formular ist auf der Webseite des AfU aufgeschaltet.
Rehkitzrettung: Der Patentjägerverein baut die Rehkitzrettung mit Drohnen weiter aus.
Wolf: Der Bund kann Beiträge für Zaunmaterial entrichten. Das Gesuch muss vorgängig eingereicht werden. ez.
