Landwirtschaftspolitik im Fokus

Wertschöpfen, wertschätzen und gleichzeitig Weitsicht bewahren – darum ging es an einem Austausch unter Landwirtschaftspolitikern im Bächlihof in Jona.

Überdurchschnittlich viele Menschen sind in der Landwirtschaft von einem Burn-out betroffen.
Überdurchschnittlich viele Menschen sind in der Landwirtschaft von einem Burn-out betroffen.

«Mit der Agrarpolitik ist es wie im Fussball. Die am Feldrand Stehenden meinen besser zu wissen, was auf dem Feld passieren soll, als die Spieler selbst», sagte Hanspeter Egli, Präsident der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost (VMMO), in seinen Begrüssungsworten. Der Verband hat zusammen mit den Thurgauer Milchproduzenten (TMP) im Vorfeld zu den nationalen Wahlen zu einem Austausch geladen, mit dem Ziel, die Anliegen und Herausforderungen der Landwirtschaft sowie der Agrarpolitik aufzuzeigen. Anwesend waren landwirtschaftliche und landwirtschaftsnahe Politiker aus den Kantonen der Verbandsgebiete. Drei Kurzreferate zu den Themen Wertschöpfung, Wertschätzung und Weitsicht stimmten in die Thematik ein.

Qualität statt Grösse

Über die Wertschöpfung sprach Matthias Schick vom Strickhof. In Deutschland einen eigenen Betrieb führend, zeigte er die Landwirtschaft aus einer anderen Perspektive aus. Als grosse Herausforderung sieht er die Preispolitik. «Am Strickhof haben wir 140 Kühe, zählen somit zu den grösseren Viehhaltern der Schweiz. In Deutschland hält mein Cousin mit seiner Tochter dieselbe Menge Kühe im Nebenerwerb.» Was die Betriebsgrössen angehe, könne die Schweiz nicht mithalten. Umso wichtiger sei daher, eine gute Qualität zu liefern. Der Produktionswert der Schweizer Landwirtschaft liege bei 11,6 Milliarden Franken. 51 Prozent davon können der Tierhaltung zugeteilt werden. «Da sollten wir Stärken stärken, also forschen und beraten», sagte Schick. Vor allem bei der Forschung sieht er Diskussionspotenzial. Die Tatsache, dass 200 Personen am Getreide forschen, das nur vier Prozent der landwirtschaftlichen Produktionsfläche ausmacht, sich gleichzeitig aber weniger als zehn Personen mit den Bereichen Bauwesen, Arbeitswirtschaft und Mechanisierung beschäftigen, findet er stossend.

Die Arbeitsverwertung liege in der Landwirtschaft durchschnittlich bei Fr. 10.80. Eine untere Gruppe verwerte Fr. 2.80, es gebe aber auch solche, welche 22 Franken erzielen. Das Problem steckt in den Gemeinkosten. Arbeit, Maschinen und Gebäude machen ungefähr 70 Prozent der gesamten Kostenproduktionen aus. «Das sind wieder genau jene Gebiete, in denen die Forschungsgelder gekürzt wurden.»

Hilfe holen

Über Wertschätzung referierte Urs Brandenburger. Der zertifizierte Coach widmete sich in seinem Referat dem Burn-out. «Jeder zehnte Landwirt ist von Burn-out gefährdet», mahnte er. Die Betroffenenquote liege gar doppelt so hoch, wie der Schweizer Schnitt. Die vielen Strategiewechsel und Umwälzungen in der Landwirtschaft fasst er als Riesendruck zusammen. So auch der immer höhere Administrationsaufwand und die grosse Präsenzzeit. Hinzu kommen der gesellschaftliche und der mediale Druck.

Dass ein Burn-out jeden treffen kann, erfuhr der Referent am eigenen Leibe. Heute kann er aus Überzeugung sagen: «Man kann gesund werden, sofern man Hilfe holt.» Leider sei hier die Schwelle bei der bäuerlichen Bevölkerung hoch. Die Gründe dazu sind vielseitig. Man will stark sein, die eigenen Beschwerden werden ignoriert, es wird wenig geredet, der Psychiater ist tabu, eine Klinik wird als Irrenanstalt abgetan. Die Lösung sieht Brandenburger im Sensibilisieren. Er rät, landwirtschaftliche Berater, Tierärzte und Kontrolleure ins Boot zu holen. Zu ihnen haben die Landwirte Zugang. Gleichzeitig sieht er Potenzial in der Wertschätzung.

Junglandwirt mit Weitsicht

Junglandwirt Jan Müller aus Eschenbach nahm sich der Weitsicht an. Er ist Präsident der Junglandwirte St. Gallen und nutzte die Gelegenheit, auf jene Missstände in der Landwirtschaft hinzuweisen, die der Weitsicht oft im Wege stehen. Dazu gehört die Raumplanung. Innovation in der Landwirtschaftszone umzusetzen sei mühselig. Was das Beispiel des Gastgeberbetriebs Bächlihof zeige. «Wer etwas machen will und vorwärtsstreben will, steht am Ende bei der Raumplanung an.» Weiter stört ihn, dass alles, was die Landwirte an zusätzlichen Forderungen erbringen, über kurz oder lang als Pflicht angesehen wird, so die Schleppschlauchpflicht. Das Geld, das direkt zu den Landwirten über die Produkte fliesst, sieht er als besser eingesetzt als das System der Direktzahlungen. Weiter werden die Betriebe komplexer, eine gute Grundausbildung immer wichtiger.

Müller fragte bei seinen Kollegen nach, wo sie Veränderungspotenzial sehen. Vom Toggenburger, der nach den biodynamischen Richtlinien produziert, bis hin zur Rheintaler Agronomin, Beraterin und Lehrerin in der Fachstelle Gemüsebau und Bienen, sie alle wünschen sich dieselbe Stossrichtung: eine Raumplanung, die Innovationen zulässt, der ökologische Leistungsnachweis soll nicht weiter aufgestockt werden, transparente Margen im Detailhandel, eine verlängerte Grundausbildung und die Streichung des Direktzahlungskurses.

Brotgetreide oder Ökologie

Im Anschluss an die Referate fühlte Moderator Urs Schnider von der «Linthzeitung» den Politikern in Kleinpodien auf den Zahn. Je gestandener diese waren, umso brisanter wurden die Fragen. Mit Regierungsrätin Esther Friedli diskutierte er über die neu geforderten ökologischen Ausgleichsflächen auf ackerfähigen Böden. Auf die Frage, weshalb hier die Branche nicht Hand biete, rechnete Friedli vor, dass auf den zusätzlich geforderten ÖLN-Flächen jährlich Brotgetreide für eine Million Menschen in der Schweiz produziert werden könne. Worauf der Moderator nichts mehr einwenden konnte.

Es liegt auf der Hand, dass auch in Zukunft Interessenkonflikte in der Landwirtschaftspolitik diskutiert und Entscheidungen getroffen werden. Wer dazu nach Bern reisen darf, werden die Wahlen im Herbst zeigen. Wo hingegen Mängel und Ausbaupotenzial vorhanden ist, das ist bereits heute bekannt. Das zeigte dieser Anlass.

Moderator Urs Schnider mit Ständerätin Esther Friedl.
Moderator Urs Schnider mit Ständerätin Esther Friedli.

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