Wachsender Hirschbestand im Kanton St. Gallen: Kritik an Regierung

Die Antwort der St. Galler Regierung auf eine Interpellation zum steigenden Hirschbestand sorgt bei den beteiligten SVP-Kantonsräten für Unzufriedenheit. In einer Medienmitteilung vom 15. Dezember 2025 kritisieren sie den aus ihrer Sicht ungenügenden Umgang mit den Schäden an Wald und Landwirtschaft.

Hirsche sind immer häufiger zu sehen. Im Bild drei Hirsche vom Bendel, oberhalb Ebnat-Kappel. Bild: zVg.
Hirsche sind immer häufiger zu sehen. Im Bild drei Hirsche vom Bendel, oberhalb Ebnat-Kappel. Bild: zVg.

Die drei SVP-Kantonsräte Christian Vogel aus Dietfurt, Bruno Schweizer aus Brunnadern und Marco Gadient vom Flumserberg reichten im September gemeinsam mit acht Mitunterzeichnern eine Interpellation zum steigenden Hirschbestand ein. Die Antwort der Regierung folgte im November. In ihrer Medienmitteilung legen die Kantonsräte dar, weshalb sie damit nicht einverstanden sind.

Hirschbestand nimmt zu

«Im Kanton St. Gallen ist der Bestand an Hirschen in den letzten 20 Jahren regelrecht in die Höhe geschossen: Von 850 Tieren im Jahr 2004 zu über 2300 Tieren im Jahr 2024», kritisieren die Kantonsräte in ihrer Medienmitteilung. Mit seiner Ausbreitung und seiner Population würden die Schäden in den Wäldern, insbesondere in den Schutzwäldern steigen. Der Verbiss, das Verfegen und das Schlagen des Geweihs an den jungen zukünftigen Bäumen im Wald habe eine besorgniserregende Dimension angenommen. Idealerweise verjünge sich der Schutzwald natürlich, das heisst, ohne menschlichen Eingriff. «Von diesen Vorgaben sind wir in verschiedenen Regionen des Kantons St.Gallen weit entfernt.» Die natürliche Verjüngung und somit die Zukunft des Waldes seien in ernsthafter Gefahr, so die Meinung der drei Parlamentarier.

Kantonsräte wollen mehr Hirsch-Stiere schiessen

Für die drei SVP-Kantonsräte Vogel, Schweizer und Gadient sowie ihre Mitunterzeichner ist deshalb klar: Der Kanton St. Gallen muss seinen Hirschbestand in den Griff bekommen. Sonst würden die Schäden in Wald und Landwirtschaft noch mehr zunehmen. Sie fordern: Es müssen zusätzlich zur aktuellen Jagdplanung viel mehr Hirsch-Stiere geschossen werden.

Erst die Kühe, dann die Stiere

Bei der Bejagung von Hirschen müssen gemäss St. Galler Vorgaben zuerst Kühe und Jungtiere (Kahle) geschossen werden, dann erst dürfen Stiere (Gehörnte) geschossen werden. In 30 bis 40 Revieren im Kanton St. Gallen gibt es vorwiegend Hirsch-Stiere. «Damit können dort aufgrund der fehlenden Hirschkühe gar keine Tiere geschossen werden. Waldeigentümer und Landwirte müssen tatenlos zusehen, wie Schäden an Wald und Wiese entstehen», so die Kantonsräte. Für die Jägerinnen und Jäger komme erschwerend hinzu, dass bei einem unbeabsichtigten Abschuss eines sogenannten «falschen Tieres» hohe Bussen oder sogar der Entzug des Jagdpatente drohen. Das führe dazu, dass lieber zu wenige Tiere geschossen werden, als die Gefahr einer Busse oder des Patententzugs einzugehen. «Dies führt ebenfalls dazu, dass der Hirschbestand im Kanton St. Gallen weiter steigt.»

Soll der Kanton St.Gallen die Jagdpraxis beim Hirsch anpassen?

Ja, es braucht mehr Abschüsse
Nein, die aktuelle Praxis reicht aus
Ich bin unschlüssig

Schäden in der Landwirtschaft

Die Kantonsräte befürchten weitere Schäden: «Diese Hirsch-Stiere ziehen in Rudeln umher und verursachen dabei Verbiss- und Schlagschäden am Wald sowie Kot-, Tritt- und Fressschäden in der Landwirtschaft.» Der Antwort der Regierung ist zu entnehmen, dass in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 1000 Franken für Wildschäden durch Rothirsche vergütet wurden, jedoch fast ausschliesslich für landwirtschaftliche Kulturen.

Wolf treibt Hirsche zusammen – grössere Schäden vor Ort

Weiter komme hinzu, dass in den letzten Jahren davon ausgegangen wurde, dass der Wolf eine gewisse Linderung des Hirsch-Problems bewirken werde. «Nun hat sich gezeigt, dass genau das Gegenteil eingetreten ist», schreiben die Kantonsräte weiter und erklären: «Eigentlich senkt der Hirsch im Winter seine Aktivität auf rund 40 Prozent, dementsprechend verbraucht er auch nur 40 Prozent Futter. Wenn nun der Wolf die Hirsche aufscheucht und jagt, treibt er die Aktivität und dementsprechend den Futterbedarf des Hirsches wieder auf 100 Prozent.» Zudem sei der Hirsch in oft steilen Schutzwäldern gegenüber dem Wolf im Vorteil, was die Rotwildrudel zwinge, im Winter generell vermehrt in den Schutzwäldern zu verbleiben. Dies alles führe gerade in den Schutzwäldern zu mehr Schaden an der Waldverjüngung.

Antwort der Regierung

Die St.Galler Regierung bestätigt in ihrer Antwort, die Bestandeszunahme des Rothirsches. Die Entwicklung sei schweizweit zu beobachten. Da bei Zählungen nie alle Tiere erfasst werden können, werden die Ergebnisse als Indexwerte interpretiert. Die Abschusszahlen stiegen im Kanton St.Gallen von 432 (2006) auf 944 (2024, plus 118 Prozent). Für das Jahr 2025 gilt das ambitionierte Ziel, 1000 Rothirsche zu erlegen.

Die Ziele der strategischen Jagdplanung seien neben der Reduktion der Anzahl Rothirsche, die nur über den Abschuss weiblicher Tiere funktioniert, eine artgerechte Populationszusammensetzung in Alter und Geschlechtsverhältnis. Eine übermässige Erhöhung der Abschüsse von Stieren im Verhältnis zu Kühen würde das Populationswachstum weiter ankurbeln und die Erreichung der Reduktion des Rothirschbestands weiter erschweren, ist der Antwort weiter zu entnehmen.

Dass in einzelnen Revieren zeitweise vor allem Stiere vorkommen, erklärt die Regierung mit dem natürlichen, saisonalen Verhalten der Tiere. Diese gruppieren sich je nach Jahreszeit geschlechtsspezifisch und verschieben ihren Aufenthaltsort.

Den Einfluss des Wildes auf den Wald beurteilt die Regierung mehrheitlich als tragbar. In zehn von elf Wildlebensräumen sowie in sieben von elf Schutzwaldgebieten werde der Wildeinfluss als gut oder tragbar eingestuft.

Die Rolle des Wolfs bewertet die Regierung grundsätzlich positiv. Er beeinflusse das Verhalten der Hirsche und könne die Waldverjüngung begünstigen

Die Thematik der bisher nicht erreichten Bestandesreduktion der Rothirsche sei Gegenstand der aktuellen Jagdgesetzrevision. Es würden Massnahmen geprüft, um einerseits die vorhandenen Strukturen im Rotwildmanagement zu optimieren und zu stärken, aber auch Lösungen für Fälle zu schaffen, wo die Ziele der heutigen Jagdplanung nicht erreicht werden.

Neue Wege einschlagen

Mit der Antwort der Regierung sind die Kantonsräte nicht zufrieden, sehen diese als «mager» an. Sie schreiben: Der verantwortliche Regierungsrat Beat Tinner (FDP) sei weiter fest der Ansicht, dass der eingeschlagene Weg, den die Jagdverwaltung seit Jahren gehe, und der zu über 250 Prozent mehr Hirschen geführt habe, der richtige Weg sei.

Die drei SVP-Kantonsräte sind der Überzeugung, dass ein neuer Weg eingeschlagen werden muss, wenn der bisherige nicht zum Ziel geführt hat.

Ganze Antwort der Regierung: hier klicken.

 

Interpellation: «Zunehmender Hirschbestand schadet dem (Schutz-)Wald und der Landwirtschaft: Was macht der Kanton?» (51.25.95)

 

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