Wald der Zukunft anders denken
Ein neuer Verbandspräsident, ein Rückblick auf die 100-jährige Verbandsgeschichte, die erste Verleihung des Waldpreises für ein Projekt mit Strahlkraft, ein Referat von Ueli Meier, Kantonsoberförster beider Basel, und eine Podiumsdiskussion bildeten die Jubiläumsversammlung im Rahmen der Olma.

Andreas Widmer durfte als neuer Präsident von Wald St. Gallen und Liechtenstein eine perfekt organisierte Jubiläumsgeneralversammlung leiten. Er trat die Nachfolge des verstorbenen Thomas Ammann an. Die Traktanden wurden kurz abgehandelt, der umfangreiche Jahresbericht war vorgängig versandt worden. Darin ist vermerkt, dass die Holznutzung deutlich zugenommen hat und dass sich die Schweizer Holzernte weiterhin positiv entwickelt. Mit regionalem Holz zu bauen liege im Trend. Damit dies konsequent umgesetzt werden könne, brauche es viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit bei den Kunden und grosse Investitionen in die Weiterverarbeitung und Veredelung der Schweizer Produkte.
Wald stärken
Regierungsrat Beat Tinner, Regula Imhof, Leiterin Amt für Umwelt und Försterin in Liechtenstein, Maria Pappa, Stadtpräsidentin St. Gallen, und Daniel Fässler, Präsident Wald Schweiz und Innerrhoder Ständerat, richteten Grussworte an die 90 Delegierten und die weiteren 150 Gäste. Sie waren sich einig, dass ein Wald vielfältige Bedürfnisse abdecken muss und in Zukunft an Bedeutung zunehmen wird. Der Wald rund um grosse Städte bedeute eine grössere Herausforderung als andere Wälder. Der Wald sei nicht nur Rohstofflieferant und Trinkwasserspeicher, sondern müsse immer vielfältigere Aufgaben und Dienstleistungen erfüllen. Um den Gegenwert ging es bei den nachfolgenden Programmpunkten. Die Rednerinnen und Redner betonten, dass der Wald gestärkt werden müsse und Strategien für die Zukunft erarbeitet werden müssten. Strategien, die sich auf weitere 100 Jahre ausrichten und den Klimawandel und die verschiedensten Ansprüche an den Wald berücksichtigen müssten.
Die Verbandsgeschichte
Der Verband der Waldeigentümer wurde in der Zeit der herrschenden wirtschaftlichen Not als Selbsthilfeorganisation gegründet. Um die Not leidende Holzwirtschaft zu unterstützen, wurde 1921 der Schweizerische Waldverband gegründet, wie Andreas Widmer nachzeichnete. 1923 entstand in der Region Linth-Sargans eine ähnliche Initiative, die zur Gründung des Holzproduzentenverbands Linth-Sargans führte. Weitere Bezirke und Regionen traten ihm bei, sodass es bereits 1926 zum ersten Namenswechsel kam. Er hiess nun Holzproduzentenverband des Kantons St. Gallen und benachbarter Gebiete. Weitere Regionen kamen dazu und ab 1984 hiess der Verband Waldwirtschaftsverband des Kantons St. Gallen und des Fürstentums Liechtenstein, und heute Wald St. Gallen und Liechtenstein. Die Aufgaben des Verbands seien immer herausfordernd gewesen, hätten sich jedoch unwesentlich verändert. Widmer ging auf die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand ein. Ohne finanzielle Unterstützung des Staates hätte die Waldwirtschaft nicht überlebt. Die Sicherstellung der Absatzmärkte sei stets die Hauptaufgabe des Verbands gewesen. «In den letzten Jahrzehnten veränderte sich der Markt. Wurde früher das geschlagene Holz vor allem als Rohstoff für den Bau und die Industrie verwendet, hat es sich in den letzten Jahren Richtung Energieholz verlagert», stellte Andreas Widmer fest.

Viele Waldeigentümer
Die Trennung der eigentlichen Verbandsaufgaben und der Markttätigkeit erfolgte vor 15 Jahren mit der Gründung der Holzmarkt Ostschweiz AG. Die Natur habe die Entwicklung des Waldes in den letzten Jahren stark und nachhaltig geprägt und verändert. Der Verbandspräsident nannte Stürme und die damit zusammenhängenden grossen Schäden, den Borkenkäfer und die Einflüsse des Klimawandels, die neue Entscheidungen verlangten, die auf die nächsten Generationen ausgerichtet sind. Und auch die Wildschäden sprach er an. Ein konsequentes Miteinander von Jagd und Wald wäre nötig. «Die zunehmenden Forderungen von Gesellschaft und Politik an den Wald als Dienstleister haben zu einer verstärkten Anspruchshaltung geführt. Das Nebeneinander ist herausfordernder geworden», sagte Andreas Widmer. Im Verbandsgebiet gibt es 250 öffentliche Waldbesitzer und 18 000 private Waldeigentümer. «Es wäre ein Mehrwert, wenn mehr Privateigentümer im Verband wären», hatte Beat Tinner eingangs gesagt. Ein Drittel der Fläche des Landes Liechtenstein und des Kantons St. Gallen ist mit 65 000 Hektaren Wald und Gehölz. Damit seien Waldbesitzer und der Verband in der Pflicht. Die Eigentümer hätten jedoch auch Eigentümerrechte.
Wald der Zukunft
Ueli Meier kommt als Kantonsoberförster beider Basel aus einer Laubholzregion und ist «waldbeseelt». Es gelte, für die kommende Generation den Samen heute zu setzen. Die Verantwortung für den Wald liege bei den Besitzern. «Die Buche wird bei uns eine Zukunft haben», gab er sich zuversichtlich. Der Wald werde sich den Veränderungen anpassen. Die Extremsituationen seien die eigentlichen Probleme. Lange regenfreie Perioden, zehn aufeinanderfolgende Hitzetage, starke Temperaturwechsel. In den nächsten 100 Jahre brauche es einen Wald, der allen Ansprüchen gerecht werde, und darüber müssten die Waldbesitzer nachdenken. Welche Bäume braucht es, welcher Absatz soll einst generiert werden, welche Art von Wald will ich und welche Leistungen will ich anbieten, seien Fragen dazu. «Das sind Werte, aber noch kein Preis», sprach er die Freiheit aller Menschen an, den Wald gemäss Artikel 699 des Zivilgesetzbuches betreten zu dürfen: «Das Betreten von Wald und Weide und die Aneignung wildwachsender Beeren, Pilze und dergleichen sind in ortsüblichem Umfange jedermann gestattet, soweit nicht im Interesse der Kulturen seitens der zuständigen Behörde einzelne bestimmt umgrenzte Verbote erlassen werden», heisst es dort. Da diese Freiheit zunehmend strapaziert wird, fragte sich Ueli Meier, wo das Private aufhöre und wo das Gewerbe anfange, wenn beispielsweise kostenpflichtige Kurse im Wald angeboten werden oder Trüffel gesucht und verkauft werden. Er sprach weitere Punkte an, die zukunftsweisend sind und nach Strategien und Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand verlangen. Das, was im öffentlichen Interesse sei, sollte auch von der öffentlichen Hand bezahlt werden. «Sie als Waldbesitzer entscheiden, was im Wald passiert.» Schliesslich war auch der Fachkräftemangel ein Thema. Nicht weil es zu wenig Ausbildungsplätze gibt, sondern weil zu viele Ausgebildete den Beruf verlassen. Da gelte es, daran zu arbeiten.

Erster Waldpreis
Die wertvollen Impulse von Ueli Meier nahm Moderator Ralph Dietsche in der anschliessenden Podiumsdiskussion auf. Daran beteiligt waren Katrin Meier, Bürgerratspräsidentin Ortsbürgergemeinde St. Gallen, Daniel Fässler, Ueli Meier und Ruedi Bösch, Revierförster, Forstrevier Stockberg. Die Individualisierung war ein Thema, die Notwendigkeit des Miteinanders, die Eigenverantwortung, die Haftung und die Ausbildung. Zudem erzählten die Podiumsteilnehmer von ihrem schönsten Walderlebnis.
Dann kam es zum Höhepunkt der Jubiläumsversammlung: zur Verleihung des ersten Waldpreises überhaupt. 24 Projekte waren ursprünglich im Rennen gewiesen, fünf von ihnen kamen in die Endrunde und schliesslich entschied sich die Jury für das Projekt Rottenpflege Tobelwald Quarten. Thomas Jurt, Förster in der Waldregion 3, nahm den Preis der Hilti Family Foundation, Liechtenstein, im Wert von 5000 Franken in Empfang. Den Preis übergab Jurymitglied Michelle Kranz, Geschäftsführerin der Stiftung Hilti Family Foundation. Das Projekt habe Strahlkraft, sei langfristig und nachhaltig angelegt und vernetze, begründete sie den Entscheid. Begonnen hatte das Projekt Rottenpflege bereits vor rund 60 Jahren, als eine Verjüngungsfläche durch verschiedene Einflüsse entstanden war. Fichten wurden gepflanzt und 20 Jahre später erfolgten die ersten Pflegeeingriffe. Nach Einbezug der Fachlehrer der Försterschule Maienfeld und des Gebirgsbaupflegeprojektes entschied man sich für einen Rottenpflegeingriff. Von Anfang an wurde Wert auf die Ausbildung des Forstpersonals, speziell der Förster, gelegt. Dies habe sich seither mit Erfolg bewährt.

