Vertikal Farming: Mehr Salat mit weniger Wasser
Salat wächst hier in die Höhe: In einem Treibhaus in Hohenems zeigt ein Start-up aus dem Rheintal, wie vertikale Landwirtschaft mit wenig Wasser, Sensoren und Licht Kräuter und Salate liefert. Sein innovatives Turmsystem findet den Weg vom privaten Balkon an Hochschulen und zu Gemüseproduzenten.

Die Salate wachsen an Türmen, die an einem Gerüst an der Decke hängen. Da die Lichtverhältnisse im Oktober schon weniger gut sind, spenden grosse Lampen den Pflanzen mehr Licht. Plötzlich beginnen sich die vier Türme dem Gerüst entlang zu drehen, ausserdem drehen sie sich um die eigene Achse. Nährstoffangereichertes Wasser erhalten die Pflanzenwurzeln an der Innenseite der Türme. Erde brauchen sie keine, nur ein kleines Stück Biopolymer aus Maisstärke und Zucker. Darin werden die Pflanzen angezogen und können direkt in das Turmsystem eingesetzt werden. Die Projektanlage des Start-ups Frugal Tec aus Diepldsau produziert im dritten Zyklus Salate in einem Treibhaus des Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrums in Hohenems. Zwei Studierende vergleichen den vertikalen Anbau mit einem konventionellen Beet. Verglichen wurden unter anderem Ertrag und Wasserverbrauch, aber auch die Nährstoffgehalte im Gemüse. Die bisherigen Resultate zeigen ein positives Ergebnis für den vertikalen Anbau. Der Nährstoffgehalt der Pflanzen ist laut Analyse eines deutschen Labors höher und ein Befall mit Schädlingen fiel beim vertikalen Anbau geringer aus.
Vertical Farming für den Balkon
Der Bau von grossen Anlagen für den professionellen vertikalen Anbau von Gemüse war das Ziel von Paul Oehy, Sascha Rohner und Jürg Bäuerle, als sie sich im Jahr 2022 daranmachten, ein Start-up zu gründen. In der Beratung zur Firmengründung durch die Stiftung Startfeld wurde aber klar: Erst einmal sollten Erfahrungen mit einem kleineren Produkt gesammelt werden. Also entwickelten Paul Oehy und Sascha Rohner innerhalb von zehn Monaten den «Farmii», ein vertikales Hochbeet für zu Hause. Mit Jürg Bäuerle hatten sie nicht nur den ersten Investor, sondern auch stets helfende Hände mit ins Boot holen können. So konnte «Farmii» an der Rhema 2023 erstmals einem grossen Publikum präsentiert werden, es folgten viele Messeauftritte und der Aufbau von Vertriebspartnern. «Farmii» bringt einen Ertrag, vergleichbar mit einem etwa zwei Quadratmeter grossen Hochbeet, verbraucht aber nur zehn Liter Wasser pro Woche. Ein Hydrokulturdünger sorgt für die Nährstoffe der Pflanzen und auch für die optimale Einstellung des PH-Wertes gibt es bei Frugal Tec Messmittel zum Gerät dazu. Die Firmengründer zeigen sich zufrieden mit ihrem ersten «kleinen» Produkt, das Konsumenten für den Privatgebrauch inzwischen in der Schweiz, Österreich und Deutschland kaufen können.
Einige Projekte in der Pipeline
Doch eigentlich träumen die drei Firmengründer immer noch von grösseren Anlagen für Landwirte und Unternehmer. Seit Ende 2024 verfolgen sie nun dieses Ziel auch konkret. Dabei setzen sie aktuell auf die Zusammenarbeit mit Projekten an Hochschulen und strecken die Fühler bei möglichen Abnehmern aus. Neben dem Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrum Hohenems interessiert sich auch die Bündner Fachhochschule für eine Zusammenarbeit mit Frugal Tec. Geplant ist ein «Modellvorhaben nachhaltige Raumentwicklung» des Bundes im Albulatal. In bestehenden Treibhäusern des Schutz-Filisur-Alpengartencenters könnte eine Anlage für vertikale Landwirtschaft entstehen, mit der das ganze Jahr Kräuter und Salate für die lokale Gastronomie produziert werden. «Die Entscheidung darüber fällt im November», so Sascha Rohner.
Viele Salate auf kleiner Fläche
Bereits zugesagt und in Planung ist eine sieben Meter lange Anlage für den Kuhrerhof in Chur, der für seine Hofläden in einem Fracht-Container Gemüse anbauen will. Mit 16 Türmen sollen bis zu 8500 Salate auf 20 Quadratmetern produziert werden können. Dieses Projekt ist Teil des innovativen Konzepts der Familie Mehli, die mit Biogasanlage und Photovoltaik seit Längerem auf Klima-Farming setzt. So kann die selbst produzierte Energie für den vertikalen Gemüseanbau eingesetzt werden.
Innovatives Turmsystem
Vertical Farming an sich ist nichts Neues. Frugal Tec setzt aber auf maximale Flexibilität. Die Länge der Anlage und die Anzahl Türme lassen sich individuell anpassen, sowie auch deren Höhe und Pflanzabstände. So eignet sich das System vor allem auch für den Einbau in bestehende Gewächshäuser oder Folientunnels, wo das natürliche Sonnenlicht maximal genutzt werden kann. Saisonale und temporäre Lösungen wären ebenfalls möglich. Patentiert ist die Konstruktion ausserdem, weil die Türme aus einzelnen Paneelen bestehen. Diese können zur Reinigung wie auch zur Ernte der Pflanzen herausgenommen werden, wodurch wiederum eine horizontale Bedienung möglich ist. Der Wasserverbrauch gegenüber einer herkömmlichen Produktion sinkt um 90 Prozent. Die Anlage wird mittels Sensoren permanent überwacht und übermittelt die Daten an das Smartphone des Produzenten. Der Landwirt kann jederzeit auf die Steuerung zugreifen und erhält umgehend Meldung im Falle einer Störung. «Der Produzent möchte störungsfrei, kostenoptimiert und einfach produzieren und sich nicht um die Anbautechnik kümmern müssen. Dafür sind wir verantwortlich», so Sascha Rohner.
Deshalb arbeitet Frugal Tec auch laufend daran, den Energieverbrauch oder den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu optimieren. Mittels Sensoren sollen beispielsweise in Zukunft nur jene Pflanzen zusätzlich beleuchtet werden, die ihre Tagesdosis an natürlichem Licht noch nicht erhalten haben. Ebenfalls ist der Einsatz von Kamerasystemen für die Überwachung der Pflanzen angedacht. «Im Falle eines Schädlingsbefalls erlaubt das System von Frugal Tec eine gezielte Behandlung von einzelnen Pflanzen, ohne grossflächigen Pestizideinsatz», so Paul Oehy. Bei Störungen im Turmsystem muss man schnell reagieren und kritische Bauteile, wie zum Beispiel Antriebsmotoren, müssen in wenigen Minuten ersetzt werden. «Wir bieten deshalb in Zukunft ein umfangreiches Ersatzteillager und Serviceverträge an», so Paul Oehy.
50 Rappen Produktionskosten
«Langfristig und bei entsprechenden Stückzahlen rechnen wir mit einem Verkaufspreis von rund 700 Franken pro Quadratmeter des Turmsystems. Wir schätzen, dass im Sommer in einem Gewächshaus, wo wir das natürliche Sonnenlicht optimal nutzen können, die Produktionskosten eines Salates bei etwa 50 Rappen liegen», sagt Sascha Rohner. «Wir können jedoch auf einem Quadratmeter und einer Turmhöhe von 2,5 Metern 20 Mal mehr Pflanzen produzieren», so Sascha Rohner weiter. Geeignet ist das Anbausystem vor allem für Kräuter und Salate. «Aber eigentlich lassen sich alle überirdischen Gemüse anbauen, auch Cherrytomaten oder Chilis werden von unseren Kunden bereits angebaut.»
