God da Tamangur: Wald mit vielen Geschichten

Der höchstgelegene geschlossene Arvenwald Europas, der God da Tamangur im Unterengadin, diente als Projektionsfläche für verschiedenste Anliegen. Im letzten Jahrhundert hat sich der Wald stark verändert. WSL-Forschende stellen seine Geschichte und Faszination in einem Bericht vor.

Zwischen den alten und den abgestorbenen Arven wachsen heute wieder junge Bäumchen.Bild: Susan Lock, WSL
Zwischen den alten und den abgestorbenen Arven wachsen heute wieder junge Bäumchen. Bild: Susan Lock, WSL

Ein lockerer Wald aus mächtigen, wettergegerbten Arven. Einige der mehrere Hundert Jahre alten Bäume sind abgestorben. Ihre verdrehten Äste und silbergrauen Stämme ragen in den Himmel. Holzreste liegen am Boden. Ein den Naturgewalten der Alpen und dem Tod trotzender Verband uralter Arven, ein Wald aus mächtigen Einzelbäumen: So wirkte der God da Tamangur im Unterengadin, auf 2300 Metern Höhe, über Jahrhunderte. Er diente Dichtern, Patrioten und Forstleuten, Kunstschaffenden und Naturschützern als Inspiration und Symbol für den Tod, die Widerstandskraft und die Schönheit der Natur.

«Dabei starb der Wald gar nicht», sagt WSL-Forscher Matthias Bürgi. «Er verjüngte sich nur nicht, weil er als Waldweide diente.» Er und seine WSL-Kollegin Susan Lock sind der Geschichte des God da Tamangur nachgegangen und haben sie im neu erschienenen WSL-Bericht «God da Tamangur – ein Wald und seine Geschichte(n)» zusammengefasst.

Dass der Wald überhaupt noch existiert, dürfte laut den Forschenden der Unzugänglichkeit seines Standortes zu verdanken sein. «Im Tal gab es ein Blei- und Silberbergwerk, für das die ganze Umgebung kahlgeschlagen wurde», erzählt Bürgi. Der God da Tamangur sei diesem Schicksal wohl entgangen, weil es nicht möglich war, die mächtigen Stämme bis dorthin zu transportieren. So blieben seine Arven stehen und konnten als Projektionsfläche für die verschiedensten Anliegen dienen. Auch für den Naturschutz. 2007 wurde der Wald zum Naturwaldreservat erklärt.

Die Waldweide, die ihn über Jahrhunderte geprägt hatte, war bereits in den Jahrzehnten zuvor stark zurückgegangen, was das Aufkommen junger Bäume begünstigte. Dadurch hat sich das Bild des Waldes gewandelt, wie eine Reihe Vorher-Nachher-Fotografien im Bericht zeigen. Der God da Tamagur präsentiert sich heute als lebendiger, geschlossener Bestand, in dem junge Arven zwischen den uralten Riesen wachsen. Der Wald und die ihn umgebende Landschaft würden sich weiter verändern, schreiben die Forschenden, etwa weil sich die Nutzungsansprüche wandeln und die Klimaerwärmung Spuren hinterlassen werde. Es sei zu hoffen, dass der God da Tamangur erhalten bleibe, um weitere Generationen zu inspirieren.

* Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft

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