Tabakernte trotz Hitze und Trockenheit
Im thurgauischen Willisdorf bei Diessenhofen baut Andreas Schum auf 3,5 Hektaren zwei Sorten Tabak an. Als einziger Tabakbauer im Kanton erlebt er in diesem Jahr eine schwierige Ernte. Der Hitzesommer setzte den Pflanzen zu.

Es ist Mitte August, die Felder und Wiesen sind staubtrocken: Die Pflanzen, die hier auf einem Feld stehen, sehen ungewohnt aus. Auch die Erntemaschinen wirken auf den ersten Blick nicht vertraut. Nur wenige würden wohl vermuten, dass hier Tabak geerntet wird. Das Wachstum der Pflanzen sei im Rückstand, sagt Andreas Schum. Grundsätzlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für die Ernte. Doch eigentlich seien die Pflanzen noch gar nicht so weit. «Es haben sich nur wenige Blätter gebildet. Die anhaltende Hitze und der fehlende Regen haben ihnen zugesetzt.» Geerntet wird trotzdem, voraussichtlich bis Ende September. Die Mitarbeitenden sind derzeit täglich auf den Feldern im Einsatz. «Es ist eine Noternte. Pro Pflanze werden bei jedem Durchgang zwei bis drei Blätter geerntet, deutlich weniger als in einem normalen Sommer», sagt der Tabakbauer. «Nun hoffen wir auf Regen. Dann könnten sich die Tabakpflanzen zumindest noch etwas erholen.» Andreas Schum baut in Willisdorf Tabak an. Der 53-Jährige ist der einzige Tabakbauer im Kanton Thurgau. «In der gesamten Ostschweiz gibt es zehn Tabakbauern. 2025 bauten in der Schweiz 104 Betriebe auf knapp 360 Hektaren Tabak an», weiss er.

Andreas Schum ist gelernter Landwirt. Vor 27 Jahren übernahm er den Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern, Heinz und Elisabeth Schum. Seit 15 Jahren ist er mit Monika verheiratet. Die gelernte Maurerin hat ebenfalls eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert. Der Betrieb umfasst 21 Hektaren Land mit 30 Milchkühen der Rassen Holstein und Jersey. Die Rinder werden im Rahmen eines Aufzuchtvertrags auf einem Nachbarbetrieb gehalten. Auf den Flächen gedeihen Zuckerrüben, Mais und Wiesen; alles für die Versorgung der eigenen Tiere. Ein wichtiger Betriebszweig ist der Tabakanbau. Auf 3,5 Hektaren werden zu gleichen Teilen die beiden Sorten Burley und Virgin angebaut. Im Frühjahr wurden pro Hektare 27 000 Burley- und 41 000 Virgin-Pflanzen gesetzt. Der extreme Sommer hat jedoch dazu geführt, dass ein Teil der Burley-Pflanzen einging. Die Virgin-Pflanzen überstanden die Trockenheit hingegen unbeschadet, weil sie etwas früher gesetzt wurden und danach noch etwas Regen abbekamen. Bewässert werden konnten die Pflanzen nicht.
Eine Tradition, die weiterlebt
Einst wurde deutlich mehr geraucht als heute, entsprechend grösser war auch die Bedeutung des Tabakanbaus. Gemäss dem Verband der Schweizer Tabakpflanzer, Swiss Tabac, wurde 1939 auf 784 Hektaren Tabak angebaut. 1946 erreichte die Anbaufläche mit 1451 Hektaren ihren Höchststand. «1960 richtete die Blauschimmelkrankheit im Tabak grosse Schäden an», weiss der Tabakbauer. Vater Heinz Schum absolvierte 1970 die Betriebsleiterschule. Durch eine Beratung dort kam er zum Tabakanbau, der zu dieser Zeit wieder gefördert werden sollte. Auf 60 Aren baute er Burley-Tabak an, 1972 liess er eine Scheune zum Trocknen der Tabakblätter errichten. Eine solche Tabakscheune ist hoch und gut belüftet. Unter dem Dach hängen die geernteten Blätter in langen Reihen. Fenster und Lüftungsöffnungen sorgen für eine stetige Luftzirkulation und ermöglichen es, dass die Feuchtigkeit langsam aus den Blättern entweicht. Doch auch bei der Trocknung macht sich derzeit die Trockenheit bemerkbar. «In diesem Jahr ist alles anders», sagt Andreas Schum. «Die Blätter trocknen zu schnell, weil sie auf dem Feld zu wenig Feuchtigkeit aufnehmen konnten.»

Die Tabakpflanze ist einjährig. Die Setzlinge bezieht Andreas Schum im zeitigen Frühjahr aus der Westschweiz. Dort wird der Tabak für die ganze Schweiz ausgesät und anschliessend als Jungpflanzen an die Produzenten geliefert. Der Tabakanbau ist zeitaufwendig und mit viel Handarbeit verbunden. Früher wurde ausschliesslich von Hand geerntet. Die Arbeiter gingen zu Fuss durch die Reihen, pflückten Blatt für Blatt und legten die Ernte auf Haufen. Bei Andreas Schum kommen heute drei Erntemaschinen zum Einsatz. «Eine davon hat mein Bruder Theo nach der Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker selbst gebaut. Zwei weitere haben wir dazugekauft», sagt der Tabakbauer. Während der Erntezeit beschäftigt er vier polnische Mitarbeiter. Die Erntehelfer sitzen auf den Maschinen und pflücken die reifen unteren Blätter von Hand. Anschliessend werden die Burley-Tabakblätter in der Scheune mit einer sogenannten Fädlimaschine auf Schnüre aufgefädelt «Diese Maschine stammt noch von meinem Vater», sagt er. «Ich bediene sie selbst, weil sie nicht ganz einfach zu handhaben ist.» Anschliessend werden die Schnüre mit den Tabakblättern zum Trocknen in der Scheune aufgehängt. Der Trocknungsvorgang dauert 2,5 bis drei Monate. Früher seien die Tabakblätter noch von Hand mit Nadel und Schnur aufgefädelt und anschliessend zum Trocknen in den Estrich getragen worden, erzählt er. Der Tabakanbau ist in der Schweiz kontingentiert. Das bedeutet, dass sowohl die Anbaufläche als auch die Produktionsmenge begrenzt sind. Ziel sei es, gesamtschweizerisch jährlich etwa 1000 Tonnen Tabak zu produzieren. Vor elf Jahren konnte Andreas Schum zwei Kontingente für Virgin-Tabak übernehmen. Die Blätter dieser Sorte sind kleiner und schmecken süsslicher. Anders als Burley werden sie nicht in der Scheune, sondern in Öfen getrocknet. Dieser Vorgang dauert acht bis zehn Tage.

Kleiner Teil für Schweizer Markt
Die Tabakblätter dürfen von Gesetzes wegen nicht direkt an die Zigarettenhersteller verkauft werden. In der Schweiz ist die Einkaufsgenossenschaft für Inlandtabak, Sota, die einzige Tabakabnehmerin. Die Annahmestelle für Burley-Tabak befindet sich in Thalheim im Kanton Zürich, jene für Virgin-Tabak in Payerne im Kanton Waadt. «Ich bin der einzige Virgin-Tabak-Produzent in der Ostschweiz und fahre meinen Tabak zur Weiterverarbeitung auch selbst nach Payerne», sagt Andreas Schum. Beide Sorten werden für Pfeifentabak und Zigarettenmischungen verwendet. Für die Schweizer Gesamtwirtschaft spielt der Tabakanbau keine grosse Rolle. Für die einzelnen Betriebe ist er hingegen eine wichtige Einkommensquelle. Die inländische Produktion deckt nur einen kleinen Anteil des industriellen Bedarfs. Der Grossteil der benötigten Rohware wird importiert. «Ein Teil unseres Tabaks wird zu Heimat-Zigaretten verarbeitet», erzählt Andreas Schum. Produziert werden die Zigaretten von der Heimat-Manufaktur in Steinach. Die Marke Heimat steht für Genussprodukte, die ausschliesslich aus heimischen Rohstoffen hergestellt werden.

«Ich bin in diese Materie hineingewachsen und habe viel von meinem Vater gelernt. Wäre ich nicht damit aufgewachsen, weiss ich nicht, ob ich jemals Tabak angebaut hätte. Mit dem Wissen, das ich von ihm mitbekommen habe, war es für mich selbstverständlich, den Betrieb in dieser Form weiterzuführen», sagt er. Andreas Schum ist Nichtraucher. Den Tabakanbau bezeichnet er als interessante Kultur. «Ich konsumiere den Tabak nicht und verlange das auch von niemandem. Solange aber die Nachfrage da ist, produziere ich. Es wäre schade, wenn dieses Know-how verloren ginge, weil es niemand mehr machen würde.»
