Lokale Biodiversität durch regionales Saatgut
Die IG Regiosaat im thurgauischen Lippoldswilen fördert mit natürlichem, regional produziertem Wildblumensaatgut die Biodiversität in der Ostschweiz. Für die Produktion und Vermehrung artenreicher Mischungen sucht die Organisation geeignete Spenderwiesen in den Kantonen St. Gallen und Thurgau.

«Die Artenvielfalt der Wildblumen zu erhalten und zu fördern ist eine zentrale Aufgabe unserer Zeit. Gleichzeitig kommt es auf dem Markt immer wieder zu Engpässen bei hochwertigem, lokal produziertem Saatgut», sagt Peter Zurbuchen, Geschäftsführer und Initiant der IG Regiosaat in Lippoldswilen. Linda Marti, verantwortlich für Verkauf und Organisation, ergänzt: «Momentan verfügen wir über kein Saatgut mehr für trockene Standorte, sogenannte Trespenwiesen. Diese zählen ökologisch zu den besonders wertvollen Magerwiesen.»
Die IG Regiosaat bietet hochwertiges, regionales Saatgut für die Region Mittelland-Ost an, um die lokale Artenvielfalt zu fördern. Die Mischungen enthalten einen hohen Anteil an Blumen, Kräutern und Gräsern. Gesucht werden zudem weiterhin geeignete (oder gleichwertige) QII-Spenderwiesen, von denen artenreiches Saatgut geerntet werden kann.

Wildblumensaatgut gewinnen
Die Hauptaufgabe der IG Regiosaat besteht darin, regionales Wildblumensaatgut zu gewinnen, aufzubereiten und innerhalb derselben Region auszubringen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich Wiesen regional deutlich unterscheiden, nicht nur in ihrer Artenzusammensetzung, sondern auch genetisch. So unterscheide sich etwa Wiesensalbei vom Bodenseeraum von jenem aus dem Thurtal. Diese genetische Vielfalt innerhalb einzelner Arten sei ein zentraler Bestandteil der Biodiversität. Ziel ist es, die Artenvielfalt heimischer Wiesen langfristig zu erhalten und zu fördern. Dafür sammelt die IG Regiosaat Saatgut auf artenreichen QII-Spenderwiesen nach strengen ökologischen Kriterien. Das regionale Saatgut wird anschliessend für die Neuanlage oder Aufwertung bestehender Blumenwiesen verwendet. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Förderung standortgerechter Pflanzenarten. Heimische Wildblumen sind optimal an lokale Boden- und Klimabedingungen angepasst und bieten wichtigen Lebensraum sowie Nahrung für Insekten, Schmetterlinge, Vögel und andere Tiere. Die IG Regiosaat unterstützt dabei Landwirte, Gemeinden und weitere Interessierte bei der Förderung biodiversitätsreicher Wiesen in den Kantonen St. Gallen und Thurgau. Laut Linda Marti werden pro Saison etwa acht bis zehn Hektaren geeignete Spenderwiesen gesucht.

Zwei Wiesentypen im Fokus
Peter Zurbuchen ist gelernter Landwirt und hat das Projekt IG Regiosaat im 2018 gestartet. Seit dem Frühjahr 2024 ist das Wildblumensaatgut in Bio-Qualität erhältlich. Aktuell werden Saatgutmischungen von zwei Wiesentypen angeboten: Bio-Fromentalwiese für humusreiche, eher feuchte Standorte und Bio-Trespenwiese für magere, trockene Standorte. Fromentalwiesen sind die typischen, früher weitverbreiteten blumenreichen Heuwiesen auf nährstoffreichen Böden. Arten wie Salbei, Margeriten oder Flockenblumen prägen häufig ihr Erscheinungsbild. Diese Wiesen werden nicht gedüngt und ein- bis zweimal pro Jahr gemäht. Trespenwiesen zählen zu den sogenannten Magerwiesen und wachsen auf trockenen, eher kargen Böden. Sie sind meist noch artenreicher als Fromentalwiesen. Auch sie werden nicht gedüngt und lediglich ein- bis zweimal jährlich gemäht.
Doch was sind eigentlich QII-Wiesen? QII-Wiesen sind besonders artenreiche, ökologisch wertvolle Wiesen. Sie gehören zu den sogenannten Biodiversitätsförderflächen und erfüllen höhere Anforderungen als normale Wiesen (Qualitätsstufe I). Typisch für QII-Wiesen ist ihre grosse Pflanzenvielfalt. Sie werden extensiv bewirtschaftet, das heisst, es wird nicht gedüngt und nur schonend genutzt. Dadurch können viele verschiedene Pflanzenarten wachsen. Oft findet man dort sogenannte Zeigerpflanzen. Die nährstoffarmen Bedingungen ermöglichen erst eine hohe Artenvielfalt.

Mehrfache Ernte
Peter Zurbuchen erklärt, dass es kaum möglich sei, systematisch durch die Landschaft zu fahren und geeignete Wiesen selbst zu suchen. Deshalb sei die Organisation darauf angewiesen, dass sich Landwirte mit passenden Flächen direkt melden. Eine Spenderwiese muss mindestens eine halbe Hektare gross sein. Wird eine Fläche gemeldet, prüft die IG Regiosaat sie zuerst anhand von Luftbildern. Danach besucht eine Botanikerin die Wiese vor Ort. Sie bestimmt und erfasst die Pflanzenarten und erstellt eine genaue Karte der Vegetation. Wenn sich die Fläche als geeignet herausstellt, wird das Saatgut geerntet. Dafür nutzt die IG Regiosaat spezielle Maschinen wie den leichten E-Beetle oder einen kleinen Mähdrescher. Diese lösen die Samen aus den Pflanzen, während die Gräser stehen bleiben. Die Samen werden im Idealfall dreimal pro Saison geerntet: erstmals ab Mitte Juni, ein weiteres Mal zwei bis drei Wochen später und ein drittes Mal gegen Ende Juli. Dadurch gelangen möglichst viele verschiedene Pflanzenarten zum optimalen Reifezeitpunkt ins Saatgut. Nach der Ernte wird das Material schonend getrocknet und zu sämaschinenfähigem Saatgut aufbereitet.

Damit eine Ansaat gelingt, muss der Boden gut vorbereitet sein. Wichtig ist ein lockeres, feinkrümeliges, gut abgesetztes Saatbeet. «Das Saatgut wird meist ab Mitte Mai ausgesät, nach den Eisheiligen», erklärt Peter Zurbuchen. Eine neu angesäte Fläche entwickle sich nach und nach zu einer artenreichen Wiese. Ab dem zweiten Jahr nimmt die Vielfalt der Pflanzen deutlich zu. Bis sich die Wiese vollständig entwickelt hat, dauert es jedoch vier bis fünf Jahre.
Peter Zurbuchen ist überzeugt, dass natürliche Wildblumenwiesen in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen werden: «Das Bewusstsein für mehr Biodiversität ist gewachsen. Wir sind blumiger geworden, und die Landwirtschaft trägt viel dazu bei.»
Spenderwiesen gesucht
Die IG Regiosaat in Lippoldswilen sucht Landwirtinnen und Landwirte in den Kantonen St. Gallen und Thurgau mit natürlichen, hochwertigen Wildblumenwiesen ab einer Fläche von mindestens einer halben Hektare, die bisher noch nie angesät wurden. Für geeignete Flächen zur anschliessenden Nutzung durch die IG Regiosaat wird eine Entschädigung von bis zu 2500 Franken pro Hektare ausgerichtet.
Interessierte melden sich bitte in den nächsten Tagen bei Linda Marti, verantwortlich für Verkauf und Organisation bei IG Regiosaat, unter 071 772 10 00.
