Aus dem Traum wird gelebte Weinkultur am Gupfen
Sieben begeisterte Hobbywinzer pflegen am Gupfen in Walzenhausen einen kleinen Rebberg. Was vor über 20 Jahren als Idee unter Freunden begann, ist heute ein Verein, in dem Generationen zusammenarbeiten aus Freude am Winzerhandwerk und an einem feinen Tropfen.

Die Sonne tut sich schwer an diesem Samstagmorgen. Die sonst so weite Aussicht gegen Süden über die sanften Hänge des Appenzeller Vorderlands bis zum Alpsteinmassiv und der Blick nach Norden über das Rheintal bis zum Bodensee und zum gegenüberliegenden Ufer bleiben hinter grauen Wolken verborgen. Doch an diesem Herbsttag interessiert sich im Rebberg am Gupfen in Walzenhausen niemand für die Aussicht. Drei Generationen Rebleute, Grosseltern mit ihren Kindern und Grosskindern, sind mit der Weinernte, dem Wimmen, beschäftigt. Mit der Rebschere schneiden die kleinen und grossen Hände die reifen, dunkelblauen Weintrauben von den Rebstöcken, prüfen sie sorgfältig und lesen faule, unreife oder beschädigte Beeren aus, bevor sie die Trauben in die bereitstehenden Kisten legen. Auf dem Anhänger unten an der Strasse stehen zwei grosse Edelstahlbehälter, gefüllt mit frisch geernteten Trauben, bereit für die Weiterverarbeitung in der Kellerei. «Die Trauben sind unter Dach und Fach. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Das ist der Höhepunkt unseres Weinjahrs», sagt Walter Ziegler, Gründungsmitglied und Präsident des Vereins «Rebberg am Gupfen», mit einem verklärten Lächeln, als erinnere er sich daran, wie alles vor über 20 Jahren begann.
Vom Traum zum Projekt
Der Grundstein für den Rebberg am Gupfen wurde 2002 gelegt. In einer weinseligen Stunde hatten Walter Ziegler, Clemens Wick, Remo Ritter und Robert Bruderer die Idee, in Walzenhausen einen Rebberg anzulegen. Die vier befreundeten Weinliebhaber verfolgten den Gedanken weiter und entdeckten bei ihrer Suche nach einem geeigneten Ort, dass unterhalb des Rundhügels Gupfen auf 648 Metern über Meer bereits 1769 ein Weingarten im «Leuchen» betrieben worden war. Dank des milden Klimas wurden im Appenzeller Vorderland schon im Mittelalter an den sonnigen Hängen Reben gepflanzt. Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Reblaus in Europa ausbreitete, verschwanden in Walzenhausen über 20 Rebberge, darunter, als einer der letzten, auch der Weingarten im Leuchen.

Der perfekte Rebhang
«Das war der perfekte Hang für uns, drei Parzellen am richtigen Ort und in der richtigen Grösse. Bei der geologischen Untersuchung zeigte sich zudem, dass die Bodenbeschaffenheit ideal für den Rebbau war und der Hang noch immer im Rebbaukataster verzeichnet ist», schwärmt Walter Ziegler. Der heute pensionierte 62-Jährige war damals Abteilungsleiter bei der Elektra Walzenhausen. Schon lange hegte er den Traum, eines Tages einen eigenen Rebberg zu besitzen. Also nahmen die zukünftigen Weinbauern Kontakt mit den Besitzern des Hangs auf. In der Zwischenzeit konnten zwei Parzellen gekauft werden. Mit dem dritten Eigentümer wurde ein langfristiger Pachtvertrag abgeschlossen. Rolf Niederer und der inzwischen verstorbene Hobby-Landwirt Fritz Aeschlimann schlossen sich den vier Initianten an. Am 28. Juli 2004 gründeten die sechs Hobbywinzer den Verein «Rebberg am Gupfen». Fast gleichzeitig, nachdem die Gemeinde Walzenhausen das Baugesuch für die Terrassierung bewilligt hatte, rückten die Bagger an. In nur 14 Tagen entstanden 35 Reihen, bereit für die Pflanzung im darauffolgenden Frühling. Damit war der erste Schritt für die Wiederbelebung des Walzenhauser Rebbergs gemacht.

Mit Herz und Hand
In sorgfältiger Handarbeit und mit viel Freude pflanzten die noch unerfahrenen Winzer 1500 Rebstöcke: 450 Pinot noir, 450 Merlot und 600 Kerner. Während die jungen Pflanzen wuchsen und kräftiger wurden, eigneten sich die inzwischen sieben Vereinsmitglieder Schritt für Schritt das nötige Wissen im Rebbau an und lernten ihr Handwerk von Grund auf. Gemeinsam hegen und pflegen sie und ihre Familienmitglieder seither ihren Rebberg das Jahr hindurch, vom Schneiden im Frühling bis zur «Wimmete» im Herbst. «Wir waren alles Laien», erinnert sich Walter Ziegler. «Vieles war Learning by doing. In einem externen Rebkurs lernten wir während eines Jahres alle Arbeitsschritte kennen.» Im Herbst 2007 war es dann soweit: die erste Weinernte. Wenige Monate später war es Zeit, den Wein abzufüllen und zum ersten Mal zu probieren. Ein grosser Moment, auf den alle gewartet hatten.
Weinbau im Appenzellerland
Das Appenzellerland ist wegen seiner Höhenlage kein typisches Weinbaugebiet. Entsprechend bescheiden fällt die Fläche aus: Mit rund 38 000 Quadratmetern Reben entspricht sie kaum einem halben Fussballfeld. Mit 6800 Quadratmetern ist die Rebfläche im Innerrhodischen noch kleiner. Sie befindet sich in Oberegg, liegt jedoch grösstenteils auf St. Galler Boden und ragt nur leicht über die Kantonsgrenze hinaus. Nicht ohne Grund sind die Winzer vom Walzenhauser Rebberg am Gupfen besonders stolz auf ihren Wein. «Unsere Reben liegen vollständig auf Appenzeller Boden. Der Hang ist nach Süden ausgerichtet. Dank des Föhneinflusses aus dem Rheintal, der das Mikroklima begünstigt und die Trauben optimal reifen lässt, gedeihen auch in dieser Höhenlage hervorragende Weine, auch wenn wir sie in Berneck bei der Wetli Weine AG keltern lassen», schwärmt Walter Ziegler. Er ist überzeugt, dass die passionierten Hobbywinzer, die das Handwerk erst lernen mussten, das meiste richtig gemacht haben. Gegen Natureinflüsse wie Frost, Hagel oder Krankheiten sei man natürlich nicht gefeit. Allerdings dürfte der Föhneinfluss auch dafür sorgen, dass am Gupfen weniger Probleme mit der Kirschessigfliege oder mit Mehltau auftreten.

Aus Freude am Rebbau
Heute umfasst das Sortiment des Vereins «Rebberg am Gupfen» zwei Weiss- und drei Rotweine sowie acht Edelbrände, die seit Jahren regelmässig prämiert werden. «Das begann nach unserer ersten Traubenernte. Wir überlegten, was wir mit dem Trester machen könnten, und kamen auf die Idee, einen Kerner-Marc zu brennen», so Walter Ziegler. Kurz darauf brachte ein Nachbar einen Korb Äpfel vorbei, andere kamen mit Kirschen, Zwetschgen und Birnen. So entstand nach und nach eine Auswahl feiner Edelbrände. Inzwischen gelten die Erzeugnisse des Vereins auch in Fachkreisen als hervorragend. Die Weine vom Gupfen sind seit Kurzem auch im «Haus des Weins» in Berneck zu Hause. Vier Restaurants in der Umgebung führen den Wein vom Gupfen auf ihrer Karte, und die Gemeinde und die Kirchgemeinde schenken ihn bei ihren Anlässen aus. Viele der rund 2500 Flaschen finden direkt den Weg zu treuer Privatkundschaft. «Für uns Hobbywinzer ist ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt Walter Ziegler mit einem zufriedenen Lächeln. «Im Verein harmonieren wir gut, teilen Arbeit, Kosten und Gewinn. Unser Ziel ist nicht, möglichst viel Wein zu produzieren, sondern mit Leidenschaft Rebbau zu betreiben und am Ende einen feinen Tropfen zu geniessen, mit unseren Familien, bei einem guten Essen oder beim Dankesessen im Januar, wenn wir mit unseren Helfern auf das vergangene und das kommende Rebjahr anstossen.»
