Eine schon fast rekordverdächtige Zwetschgenernte
Die Zwetschgenernte ist überdurchschnittlich gut, vielleicht schon fast rekordverdächtig, obwohl sich die Produzenten gegen Schädlinge wehren müssen. Der Schweizer Obstverband rechnet mit 3700 Tonnen qualitativ guter Zwetschgen. Gegen 80 Tonnen stammen vom Hof von Philipp Angehrn aus Häggenschwil.

«Es ist nicht immer einfach, eine Zwetschge zu sein», sagte Bruno Eschmann, Präsident Produktzentrum Kirschen und Zwetschgen des Schweizer Obstverbands. Er ist selbst Obstbauer und kennt die Feinde der Steinfrucht nur allzu gut: Der Pflaumenwickler beispielsweise, eine Schmetterlingsart. Ihre Raupen bohren sich in die Früchte und zerfressen sie innen. Dass niemand verwurmte Früchte esse, sei verständlich. «Der Konsument verlangt feste, schmackhafte Sorten ohne Mängel, mindestens 33 Millimeter dick und ganz blau», weiss Eschmann. Die Zwetschge müsse sich auch gegen weit gereiste Früchte wie Melonen, Tafeltrauben, Nektarinen und Pfirsiche durchsetzen. Aber wer sich auf die Zwetschge einlasse, erlebe das blaue Wunder. Wenn man die Inhaltsstoffe der Zwetschge mit anderem vergleiche, dürfe man von der Zwetschge als Superfood sprechen. Neben Vitamin B, C und E enthält sie viel Kalium. Das hilft, den Körper zu entwässern und zu entgiften. Mit dem «Zwetschgen-Contest» lanciert Culinarium sogar eine Werbekampagne mit Gewinnspielen mittels eines QR-Codes auf der Zwetschgenverpackung.
Am Medienanlass auf dem Hof von Philipp und Tanja Angehrn in Häggenschwil sprachen auch Regierungsrat Beat Tinner, Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, Jürg Hess, Präsident des Schweizer Obstverbands, und Martin Ammann, Mitglied der Geschäftsleitung von Tobi Seeobst. Immer dann, wenn die Staus vor dem Gotthard in Airolo lang seien, sei das ein klares Zeichen, dass die Zwetschgenernte beginne, scherzte Eschmann.

Jede dritte Zwetschge regional
«2024 wird ein gutes Zwetschgen-Jahr», schreibt der Schweizer Obstverband. Eschmann erklärte: Die Zwetschge liebe unser Klima und habe einen optimalen Frühling erwischt. Sehr gute Blühbedingungen in der ganzen Schweiz ermöglichten ein unproblematisches Wachsen der Früchte trotz viel nassem Wetter. Erwartet werden 3700 Tonnen. Das sind etwa 25 Prozent mehr als der langjährige Durchschnitt. Wöchentlich werden zwischen 400 und 500 Tonnen Zwetschgen geerntet. Die Ernteeinschätzung zeige die Wichtigkeit des Ostschweizer Zwetschgenanbaus auf, sagte Regierungsrat Beat Tinner. Mit 1321 Tonnen belege die Ostschweiz einen gesamtschweizerischen Anteil von 37 Prozent. Mehr als jede dritte Zwetschge stamme aus der Region Bodensee/St. Gallen, bei der traditionellen Sorte Fellenberg seien es 56 Prozent.
Essreif und schön blau
«Die Sorte Dabrovice ist beinahe abgeerntet», sagte der Häggenschwiler Obstbauer und Agrotechniker Philipp Angehrn auf einem Rundgang und zeigte auf die Bäume in seiner Plantage. Am 27. Juli hätten sie mit der Ernte begonnen; die Bäume seien vollbehangen gewesen. Innert drei Tagen hätten 25 Helferinnen und Helfer abgelesen. Wobei es gar nicht so einfach sei, innert so kurzer Zeit so viele Helfende aufzutreiben. Sie haben es geschafft und die Zwetschgen rechtzeitig der Tobi Seeobst geliefert. «Die Früchte müssen beim Kauf im Laden essreif und wohlschmeckend sein, rundherum schön blau und keinesfalls bereits zu weich», sagte Martin Ammann. Im Unterschied zu anderen Ländern würden in der Schweiz Zwetschgen grossmehrheitlich frisch konsumiert; nur ein begrenzter Teil werde verbacken oder verarbeitet.

Duftendes «Verwirrstäbli»
Der 34-jährige Philipp Angehrn bewirtschaftet 8,5 Hektaren Obst, 2,5 Hektaren davon sind den Zwetschgen gewidmet; neben den neuen Sorten Dabrovice und Cacaks Schöne gibt es die bekannte Fellenberg. In der Obstplantage der Familie Angehrn machen die Fellenberg-Zwetschgen den kleinsten Anteil aus. Für den Obstbauer ist die Schädlingsbekämpfung ein grosses Thema: Mit einem Duftdispenser, einem «Verwirrungsstäbli», werde versucht, die Pflaumenwickler abzuhalten. «Das klappt nicht immer. Ohne Pflanzenschutz funktionierte es diese Saison nicht», erklärte Angehrn, der in einem Nachhaltigkeitsprojekt gegen Pflaumenwickler aktiv ist.
Neu aufgebaut hat der Häggenschwiler das Drapeau-Pflanzsystem, bei dem die Bäume schräg gepflanzt werden. Sie treiben auf der Oberseite der Stammverlängerung, die mit Drähten befestigt werden, neu aus, sodass eine «Fruchtwand» entsteht. Der Abstand zur anderen Pflanzreihe ist genügend gross, um die Fruchtwand mit Fahrzeugen mit Hebebühnen abzuernten. «Wie andere Betriebszweige in der Landwirtschaft hat sich auch der Zwetschgenanbau gewandelt und weiterentwickelt», sagte Beat Tinner. Vor der Jahrtausendwende seien Tafelzwetschgen mehrheitlich auf Hochstammbäumen gewachsen. Die Obstanlagenflächen lagen in der Ostschweiz bei 13 Hektaren. Heute seien sie in Niederstammkulturen auf 63 Hektaren angebaut, je etwa hälftig in St. Gallen und im Thurgau.
Trotz gutem Zwetschgenjahr: «Die Herausforderungen bleiben», erklärte der Regierungsrat. Die Auswirkungen des Klimawandels seien spürbar. Vermehrte Blütenfrostereignisse, feuchtwarme Winter, starke Niederschläge sowie Hitze- und Trockenperioden. Das Anbaurisiko müsse vermindert werden, die Weiterentwicklung der Anbautechnik mit modernen Baumformen, neuen Sorten und vermehrtem Witterungsschutz sei eine Notwendigkeit.

