Naturnahe Beweidung als Chance für Schutzgebiete

Schutzgebiete stecken in der Krise. Der Aufwand für Pflegeschnitte ist gross und trotzdem verlieren die Gebiete an Artenvielfalt. Die naturnahe Beweidung könnte hier dagegenwirken.

Wasserbüffel eignen sich gut zur Pflege von Feuchtgebieten, wo der Aufwand mit mechanischen Pflegeschnitten grösser ist als mit naturnaher Beweidung.
Wasserbüffel eignen sich gut zur Pflege von Feuchtgebieten, wo der Aufwand mit mechanischen Pflegeschnitten grösser ist als mit naturnaher Beweidung.

Ebay, Xamina, Caramia und Costa Rica sorgen für mehr Biodiversität im Naturschutzgebiet Hilpert in Oberriet. Die vier Damen sind Wasserbüffel und gehören Bauer Martin Fritsche. Er besitzt aktuell sieben dieser imposanten Tiere, die er vor rund acht Jahren angeschafft hat. Sie eignen sich gut für die Pflege von feuchten Naturschutzgebieten. Denn sie fressen gerne Schilf, das sich in den Feuchtgebieten oft zu stark ausbreitet. Die ehemalige Lehmgrube Hilpert gehört zu den Amphibienlaichgebieten von nationaler Bedeutung und bietet Tieren und Pflanzen Lebensraum, die vor der Melioration im Rheintal verbreitet waren. Doch Schilf und Goldrute bedrohten die Vielfalt im Naturschutzgebiet. Biologe Jonas Barandun und Landwirt Martin Fritsche haben deshalb ein Projekt initiiert, um das Gebiet mithilfe der Wasserbüffel wieder aufzuwerten. Die ersten Ergebnisse stimmen positiv. «Nach dem guten Gras haben die Wasserbüffel das Schilf gefressen. Sogar Goldruten haben sie schon vertilgt», erläutert Jonas Barandun. «Binsen fressen allerdings auch die Wasserbüffel erst ganz zuletzt, Binsen frisst eigentlich niemand gern», so Jonas Barandun. Doch nicht nur durch Fressen können sie überhandnehmende Pflanzen eindämmen, auch durch ihren Tritt. So reagiert beispielsweise der Adlerfarn empfindlich auf die Klauen der Wasserbüffel.

Sömmerung im Feuchtgebiet

Der Hilpert umfasst rund vier Hektaren Land, auf zwei Hektaren finden die Wasserbüffel auch tatsächlich Futter. Der Rest ist Wald oder Teich. Mit einem Unterbruch im Sommer verbringen die Wasserbüffel rund 90 Tage auf dem Gebiet. Dank ausserordentlicher Projektbeiträge sowie der üblichen GAöL-Beiträge ist der Aufwand von Martin Fritsche für die Naturschutzpflege mit seinen Wasserbüffeln gedeckt. Bisher hat der Landwirt auf dem nassen und unebenen Gebiet das Schilf ein bis zwei Mal geschnitten. «Doch für das Schilf hat man eigentlich keine Verwendung mehr», sagt Fritsche, und so wurde der Aufwand untragbar.

Martin Fritsche bewirtschaftet einen Betrieb mit rund 39 Hektaren und 130 Rindern in Mutterkuhhaltung in der Gemeinde Oberriet. Neben den für einen Bauernhof üblichen Kleintieren wie Kaninchen und Federvieh leben auch Kängurus bei Fritsches. Der Betrieb wird zwar konventionell bewirtschaftet, doch der Naturschutz ist Martin Fritsche schon immer wichtig gewesen. Bereits seit 1996 engagiert er sich für naturnahe Beweidungsprojekte und zählt damit zu den Pionieren. «Ich war nie ein Freund davon, alles gleichzeitig zu mähen. Verschiedene Schnittzeitpunkte und Beweidung führen zu unterschiedlichen Strukturen, was für Tiere und Pflanzen wichtig ist», so seine Überzeugung.

Trotz Pflege leidet Vielfalt

Auch Biologe Jonas Barandun beschäftigt sich seit Längerem mit der naturnahen Beweidung von Schutzgebieten. «Bei der Pflege gewisser Naturschutzflächen stecken wir in der Krise», sagt Jonas Barandun. Bei der Schnittpflege leidet teilweise die Biodiversität. An Hängen oder in Feuchtgebieten ist die Pflege ausserdem schwierig oder nur mit grossem Arbeitsaufwand zu bewerkstelligen. Bei Riedwiesen war bislang zwar in Naturschutzkreisen eine Beweidung tabu, Jonas Barandun stellt jedoch auch dies zur Diskussion.

In den angrenzenden Ländern setzt man nun schon länger auf alternative Methoden, um grössere Flächen mit weniger finanziellem Aufwand im Sinne der Natur zu pflegen. Hier kommt die naturnahe Beweidung ins Spiel. Die Idee basiert auf einer Rückbesinnung auf die Vergangenheit. «Unsere Landschaften wurden schon immer von grossen Pflanzenfressern geprägt. Sämtliche Pflanzen haben Strategien für den Umgang mit diesen Herbivoren entwickelt», so Jonas Barandun. Eine Schnittpflege imitiere diesen Zusammenhang zwar, allerdings nur ungenügend. Gerade das Schilfrohr ist auf eine Beweidung ausgerichtet, da die Pflanze sonst überhandnimmt.

Bauer Martin Fritsche (links) und Biologe Jonas Barandun besuchten die Wasserbüffel, die im Schutzgebiet Hilpert für mehr Biodiversität sorgen.
Bauer Martin Fritsche (links) und Biologe Jonas Barandun besuchten die Wasserbüffel, die im Schutzgebiet Hilpert für mehr Biodiversität sorgen.

Nicht genügend grosse Flächen

Die naturnahe Beweidung geht über eine extensive Bewirtschaftung hinaus. «Wir sprechen dabei von einer halben Grossvieheinheit pro Hektare», so der Biologe. Damit ist die Anzahl Tiere vergleichbar mit einer natürlichen Dichte von grossen Pflanzenfressern wie Hirschen. Die kleinräumige Kulturlandschaft der Schweiz stellt das Konzept allerdings vor Probleme. Es gibt schlicht nicht genügend grosse Flächen. Auf kleinen Flächen müsste ein Bewirtschafter seine Tiere auf wechselnden Parzellen weiden lassen können. Dies ist aufwendig. «Das Ziel wäre eine zusammenhängende Fläche von mindestens 20 Hektaren, dies würde den Aufwand minimieren und wäre auch aus Sicht des Naturschutzes interessant», so Jonas Barandun. Auf einigen Flächen würden die Tiere intensiver fressen, andere Plätze würden als Liegeflächen genutzt werden, an wieder anderen Orten könnten Sträucher hochkommen. «Dies wäre ein Plus für die Biodiversität», ist der Biologe überzeugt. «Um eine kleine Gruppe Weidetiere das ganze Jahr auf einer Fläche halten zu können, wären 30 bis 40 Hektaren nötig.» Diese müssten allerdings auch in tieferen Lagen liegen, weil in der Höhe aufgrund des Wetters keine ganzjährige Beweidung mehr möglich ist. «In der Region gäbe es viele Flächen, die sich eignen würden», so Jonas Barandun.

Aufwand entschädigen

Für Barandun ist klar, der Landwirt muss für seinen Aufwand eine Entschädigung erhalten. Mit den heutigen Beiträgen würde ein Landwirt etwa eine Fläche von zehn Hektaren so beweiden müssen. Zumal die Einnahmen aus der Schlachtung zu vernachlässigen sind, da viel weniger Tiere gehalten werden können, die auch noch sehr langsam zunehmen. Selbstverständlich sind besagte Weideflächen auch nichts für Hochleistungsrinder wie Brown Swiss oder Holstein. «Diese Rinderrassen brauchen hochwertige Biomasse und würden mit diesem Grundfutter ‚verhungern’», weiss auch Biologe Jonas Barandun. Für naturnahe Beweidung eignen sich neben den Wasserbüffeln beispielsweise Hochlandrinder, Galloways, Konik- oder Perzwalski-Pferde, Esel oder Ziegen. «Jede Art hat ihre Vorlieben und bevorzugt andere Pflanzen», so Jonas Barandun. Die Tierart müsste individuell auf die zu beweidende Fläche angepasst werden.

Jonas Barandun ist überzeugt davon, dass die naturnahe Beweidung Zukunft hat. «Viele Flächen eignen sich dafür, die Diskussion wird kommen.» Gerade für Nebenerwerbsbetriebe kann diese naturnahe Bewirtschaftung interessant sein, da sie eine Zeitersparnis bringen kann. Dies ist für solche Betriebe oft wichtiger als der Ertrag. Jonas Barandun sucht deshalb immer wieder Bewirtschafter, die Interesse an Versuchsflächen hätten und etwas ausprobieren wollen.

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