St.Galler Wald: August Ammann ging in Pension
August Ammann ist nach 37 Jahren im St.Galler Kantonsforstamt Ende November in Pension gegangen. Seit 2012 war er als Leiter des Kantonsforstamtes auch der St. Galler Kantonsoberförster und damit der Höchste im St.Galler Wald.

Herr Ammann, wie hat sich der Wald in den vergangenen 37 Jahren verändert?
August Ammann: Er ist vielfältiger geworden, insbesondere durch die verstärkte Holznutzung haben sich die Waldbestände verändert. Im Gegensatz zu Ende der 1980er-Jahre ist die Erschliessung der Wälder heute viel besser. Holz kann mit Lastwagen abtransportiert werden. Für steiles Gelände, sensible Böden oder feuchte Gebiete werden auch forstliche Seilbahnen eingesetzt. Diese können eine Länge bis ein, zwei Kilometer haben. Seilkräne sind eine Alternative für schwere Forstschlepper, welche die Waldböden belasten können.
Wie haben Sie sich den vergangenen 37 Jahren verändert?
Ammann: Ich bin routinierter und gelassener geworden. Wer für den Wald tätig ist, weiss, dass nichts von heute auf morgen geschieht. Es wird in langen Zeiträumen gerechnet. Beispielsweise bei starken Stürmen kann es bis zu 50 Jahre dauern, bis ein beschädigter Wald einigermassen wieder hergestellt ist.
Wieviel Stürme haben Sie erlebt?
Ammann: Einige. Die stärksten waren die beiden Orkane Vivian und Lothar. Bei Vivian 1990 war ich als Forstingenieur beim Kantonsforstamt auch Mitglied der Katastrophenkommission; der St.Galler Wald war stark betroffen. Als Lothar über die Schweiz fegte, war ich gerade mal drei Monate als Kreisoberförster beziehungsweise Regionalförster im Amt. Ich erinnere mich gut: Es war am 26. Dezember 1999. Ich sass gemütlich zu Hause in Waldkirch und dachte nicht an einen Orkan mit katastrophalen Auswirkungen auf den Wald. Der Sturm hatte in «meiner» damaligen Waldregion zwischen Rorschach und Wil, aber auch in weiteren Teilen des Kantons, grossflächig Wald zerstört.
Haben sich die Wälder erholt?
Ammann: Ja. Solange der Wald genug Wasser hat, geht es dem Wald gut. Ich schätze, dass der Waldboden im Moment zu 80 bis 90 Prozent gesättigt ist. Es gab aber andere Zeiten. 2018/2019 herrschte eine grosse Trockenheit. Es bestand akute Waldbrandgefahr und es musste auch ein Feuerverbot ausgesprochen werden. Wichtig für den Wald ist, dass die Ausseneinflüsse, wie beispielsweise die Stickstoffbelastung aus der Landwirtschaft und dem Verkehr reduziert werden können.
Und der Klimawandel?
Ammann: Ein grosses Thema, das uns noch lange beschäftigen wird. Dieses Jahr wurde die «Strategie St.Galler Wald im Klimawandel» verabschiedet. Die Klimaerwärmung und damit steigende Temperaturen führen dazu, dass sich die Wuchsverhältnisse um 400 bis 500 Höhenmeter verschieben. Das heisse konkret: Dort, wo jetzt Nadelbäume wachsen, könnten künftig Laubbäume gedeihen. Derzeit werden Testpflanzungen mit verschiedenen Baumarten wie beispielsweise Eichen und Douglasien gemacht.
Klimawandel/Klimaerwärmung ist vermutlich nur eines von vielen Themen?
Ammann: Ja, die Waldfunktionen, das heisst die Leistungen des Waldes, lassen sich grob in vier Bereiche unterteilen: Schutzwald, Waldbiodiversität, Erholung und Freizeit sowie Holzproduktion. Der St.Galler Wald ist 60‘000 Hektaren gross; eingetragen sind rund 16‘000 Waldeigentümer. Die Mehrheit sind Privatwaldeigentümer; nur wenige hundert Besitzer sind Ortsgemeinden oder andere öffentliche Körperschaften. 2017 ist der erste St.Galler Nachhaltigkeitsbericht erschienen, der alle Facetten des Waldes und der Waldwirtschaft beleuchtet und sich auch mit dem Klimawandel beschäftigt. 2021 war der zweite Nachhaltigkeitsbericht erarbeitet. Für die Sicherstellung der nachhaltigen Pflege und Nutzung des Waldes hat das eidgenössische Parlament für den Zeitraum 2021 bis 2024 zusätzliche 100 Millionen Franken gesprochen.
Was war ihre liebste Arbeit als Kantonsoberförster?
Ammann: Mit den Leuten im Wald unterwegs sein und Verständnis für den Wald wecken. Freude bereitet haben mir auch immer die Besuche bei den Regional- und Revierförstern. Ich war für die Gespräche mit ihnen jeweils im Wald unterwegs. Der Kantonsoberförster verbringt natürlich viel Zeit im Büro oder an Sitzungen und Konferenzen, erledigt administrative Aufgaben und erarbeitet die verschiedensten Strategiepapiere. 2020 beispielsweise waren es die «Borkenkäferstrategie» und die «Schutzwaldstrategie St.Gallen». Auch gilt es, den Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartementes und die St.Galler Regierung in forstlichen Angelegenheiten zu beraten und die forstlichen Geschäfte für die Regierung und den Kantonsrat vorzubereiten.
Was waren ihre spannendsten Aufgaben?
Ammann: Es gibt so viele. Zwei Beispiele: Als Vertreter des Kantonsforstamtes leitete ich die Waldzusammenlegung der Gesamtmelioration Kirchberg. Sie dauerte über 30 Jahre, verhandelt wurde mit 600 Grundeigentümern. Ein spannendes Projekt war auch die Organisation des Anlasses «wald.11» mit verschiedenen Partnern. Besucherinnen und Besucher konnten den Weidliwald in Wil während elf Tagen auf spezielle Art erleben. An diesem Event haben über 30‘000 Erwachsene, Jugendliche und Kinder teilgenommen. «wald.11» war vermutlich der nachhaltigste Event in den vergangenen Jahren.
Wo und wie werden Sie ihre Zeit als Kantonsoberförster im Ruhestand verbringen?
Ammann: Ich werde mir Zeit nehmen für mich und meine Familie, werde Skifahren, schwimmen, auf dem Mountainbike Touren machen und neu auf dem Golfplatz anzutreffen sein. Und natürlich werde ich immer noch im Wald unterwegs sein. Ohne Arbeit mit nach Hause zu nehmen, werde ich den Wald mit all meinen Sinnen geniessen.

