Mistel: mystischer Parasit auf dem Vormarsch

Einst galt sie als heilige Pflanze der Druiden, heute sorgt sie für Sorgenfalten bei Obstbauern. Die Mistel erobert die Schweizer Bäume. Zwischen Mythos, Medizin und ökologischer Realität.

Misteln haben etwas Mystisches. Bild: Pixabay
Misteln haben etwas Mystisches. Bild: Pixabay

Daniel Lenherr und zwei seiner Angestellten stehen an diesem Nachmittag in Gams vor mächtigen Pappeln, in deren Kronen dichte grüne Kugeln hängen: Misteln. Ivan aus Moldawien steht 16 Meter hoch auf der Hebebühne. Mit ruhiger Hand manövriert er die grosse Baumsäge am langen Stiel, sucht die beste Position, um die Misteln vorsichtig aus den Ästen zu schneiden. Unten am Boden sammelt sein Bruder Vasile die herabgefallenen Zweige ein, knickt die Äste ohne Beeren ab, verkleinert die kugeligen Büschel und schichtet sie sorgfältig in Plastikkisten. Die beiden Brüder sind seit Jahren in der Schweiz, arbeiten ganzjährig bei Lenherr. Im Sommer reinigen sie Solaranlagen für Landwirte, im Winter schneiden sie Misteln. Eine willkommene Abwechslung und eine Arbeit, die Geduld und ein gutes Auge verlangt.

Die Mistel auf dem Vormarsch

Seit über zwei Jahrzehnten breitet sich die Mistel in der Schweiz massiv aus. Sie setzt sich an Ästen und Stämmen verschiedenster Bäume fest, vorwiegend an Pappeln, Apfelbäumen, Birken, Ahorn, Linden, Robinien, Weiden, Ebereschen und Weissdorn. Auch Kiefern, Föhren und Tannen dienen ihr als Wirt. Als Halbschmarotzer entzieht sie ihren Wirtsbäumen Wasser und Nährstoffe, kann aber dank Fotosynthese selbst Kohlenhydrate bilden. Dadurch schwächt sie die Bäume und kann sie im Extremfall absterben lassen. Ihre weissen, leicht durchsichtigen Beeren werden von Misteldrosseln, Mönchsgrasmücken, Seidenschwänzen sowie Sing- und Wacholderdrosseln gefressen, die ihren klebrigen Kot auf Ästen und Rinden hinterlassen, ideale Keimstellen für neue Misteln.

Daniel Lenherr und zwei seiner Angestellten schneiden in Gams Misteln von den Bäumen. Bild: Ruth Bossert
Daniel Lenherr und zwei seiner Angestellten schneiden in Gams Misteln von den Bäumen. Bild: Ruth Bossert

Gefahr für Obstbäume

«Besonders gefährdet sind Streuobstwiesen», sagt Stefan Freund von der Fachstelle Obstbau am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen in Flawil. Als eigentlicher Parasit sei die Mistel bei Obstproduzenten unbeliebt. Nur konsequentes Herunterschneiden verhindere ihre Ausbreitung. Auch David Szalatnay vom Strickhof warnt, dass sich Misteln massiv vermehrten, wenn die Baumpflege vernachlässigt werde. Da hohe Lohnkosten und tiefe Preise für Mostobst viele Produzenten abschrecken, bleibe der Rückschnitt oft aus. Marlis Nölly, Obstbauberaterin am Arenenberg, rät, Misteln bereits im Jungstadium zu entfernen, bevor sie in die Rinde und in dickere Äste einwachsen. Die Klimaerwärmung spielt dabei laut den Fachleuten eine untergeordnete Rolle.

Mehr Misteln in den Bergen

In den Walliser Waldföhrenwäldern lag die obere Verbreitungsgrenze früher bei rund 1000 Metern über Meer; heute wächst die Mistel bereits bis auf 1250 Metern, berichtet Dominik Brantschen von Wald Schweiz. Für gesunde Waldbäume sei sie jedoch kein Problem. Im Wallis komme jedoch Wassermangel hinzu, was in Kombination mit Mistelbefall zum Absterben führen könne. Beate Kittl von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) verweist zudem auf australische Studien: Dort gilt die Mistel als Schlüsselart für die Biodiversität. Nach dem Entfernen von Misteln gingen in Langzeitstudien bis zu einem Drittel der Vogelarten verloren. In Melbourne werden Misteln deshalb heute aktiv wieder angesiedelt.

Seit Jahrhunderten werden der Mistel Heilkräfte zugeschrieben. Die Heilige Hildegard von Bingen empfahl sie bereits im Mittelalter bei Leberleiden, Bluthochdruck und Arteriosklerose. Heute finden Mistelpräparate vor allem in der anthroposophischen Medizin Anwendung, oft begleitend zu konventionellen Behandlungen in der Krebstherapie. Für Germanen, Griechen und Kelten war die Mistel ein göttliches Zeichen. Sie wächst «zwischen Himmel und Erde» und galt als magisch. Im Mittelalter hängte man Mistelzweige an Türen, um böse Geister fernzuhalten, während die Germanen sie als Glücksbringer verehrten. In der griechischen Mythologie öffnete sie gar den Weg zur Unterwelt.

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