Win-win für Naturschutz und Landwirtschaft im Riet
Die Pflege und Bewirtschaftung des Kaltbrunner Riets ist für alle Parteien herausfordernd. Was sich anfänglich als kaum machbar erwies, entwickelt sich zum Erfolg mit Gewinnern auf beiden Seiten.

Ein ganz normaler Vormittag. Auf der Verbindungsstrasse zwischen Benken und Uznach rollt der Verkehr und auch im nahen Industriequartier herrscht Betrieb. Anders auf dem Kiesweg, der von der Verbindungsstrasse weg zu jenem Naturjuwel führt, das in der Kurzform schlicht als Kaltbrunner Riet bezeichnet wird. Hier folgt die Zeit ihrem eigenen Rhythmus. Die Stille wird höchstens durch den Ruf eines Vogels unterbrochen. Denn Zugvögel machen hier auf ihrer Durchreise halt, andere haben sich dauerhaft eingenistet. Auch der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, ein Falter, und viele andere Lebewesen profitieren von diesem letzten Flecken Sumpfgebiet, das in der Linthebene in seiner ursprünglichen Form noch existiert.
Wurden die anderen Flächen in der Mitte des 20. Jahrhunderts drainiert, blieben die Riedflächen im Ursprung belassen. «Den Leuten war wahrscheinlich bewusst, dass sie auch noch Streu brauchten. Daher beendeten sie ihre Arbeiten an dieser Stelle», vermutet Felix Schubiger, Präsident der Burgerkorporation Uznach. Die Burgerkorporation ist Eigentümerin eines Teils des Kaltbrunner Riets. Was auf den ersten Blick verwirrend erscheint, erklärt sich von selbst. Mit vollem Namen wird nämlich vom Benkner, Burger- und Kaltbrunner Riet gesprochen. Was wiederum den drei Landbesitzern, die hier aufeinandertreffen, geschuldet ist.
Eine Win-win-Situation
«So gut wie aktuell lief es nicht immer», erinnert sich Schubiger mit Blick auf die Zusammenarbeit zwischen der Eigentümerin, den Naturverbänden und dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF). Er und Corinne Abplanalp vom ANJF treffen sich vor Ort für einen Augenschein. Als besonders herausfordernd bezeichnen beide, die Belange von Naturschutz und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen. Zahlreiche Gespräche und eine Auslegeordnung später zeigt sich, dass durchaus mehrere Gewinner aus so einem Clinch hervorgehen können.
«Die Wende trat in jenem Moment ein, in dem sich sämtliche Parteien auf Augenhöhe begegneten», versichert Schubiger, der nebst seinem Präsidentenamt hauptberuflicher Landwirt ist. Das Ergebnis scheint bestechend. So sind heute die bis anhin getrennten Burger- und Kaltbrunner-Riet-Parzellen durch eine Sumpfwiese vereint. Ein Pflege- und Entwicklungskonzept wurde erarbeitet, neue GAöL-Verträge wurden geschaffen.

Frei wählbare Massnahmen
Und hier kommt Corinne Abplanalp vom St. Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei ins Spiel. Der Fachmitarbeiterin war es ein Anliegen, die Rückmeldungen der Landwirte ernst zu nehmen. «Die Landwirte arbeiten seit Jahren mit diesen Böden und wissen genau, was geht und was nicht», betont sie. Vonseiten des ANJF wurde definiert, welche Massnahmen für den Naturschutz zwingend sind, damit sich unter anderen der Wiesenknopf-Ameisenbläuling optimal entfalten kann.
Weiter konnten die Bewirtschafter unter fünf Massnahmen auswählen, welche Zusatzauflage sie einhalten möchten. Einige wählten zum Beispiel den Messerbalkenschnitt, andere verzichten darauf, mit der Ballenpresse direkt auf die Streufläche zu fahren und so weiter. Corinne Abplanalp freut sich: «So haben wir einen Kompromiss gefunden, der für die allermeisten Landwirte machbar ist.»
Der grosse Profiteur
Aus Sicht des Wiesenknopf-Ameisenbläulings macht vor allem der späte Schnittzeitpunkt Sinn. Der Falter legt seine Eier in der zweiten Sommerhälfte auf dem grossen Wiesenknopf ab. Vier bis sechs Wochen halten sich anschliessend die Jungraupen darin auf. Erst nach der dritten Häutung verlässt die Raupe die Frasspflanze, um unter einer speziellen Ameisenart die Winterruhe zu verbringen. Corinne Abplanalp versichert: «Wird zu früh gemäht, hat diese Art kaum Überlebenschancen.»

Um sicherzugehen, dass die in den GAöL-Verträgen definierten Massnahmen Wirkung zeigen, finden regelmässige Begehungen statt. Auch wurden die Verträge erstmals nur für vier Jahre ausgestellt. «Wir wollen flexibel reagieren können, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft», so die Leiterin des Fachbereichs GAöL. Vonseiten der Burgerkorporation findet jährlich ein Bewirtschafterabend im Riet statt. Zu diesem Anlass sind alle Bewirtschafter eingeladen, es werden Informationen kundgetan und diskutiert.
Ein weiteres Ergebnis der zahlreichen Gespräche ist die Vernetzung mittels einer Sumpfwiese des eigentlichen Burgerriets mit dem Kaltbrunner Riet. Diese beiden Rietflächen trennte bis anhin eine Parzelle, die als produktive Landwirtschaftsfläche bearbeitet wurde. Felix Schubiger betont, dass diese Parzelle sowieso nur unter Vorbehalten für den Futteranbau genutzt werden konnte. «Durch frei werdende landwirtschaftliche Nutzflächen andernorts bekamen die Bewirtschafter Realersatz. Gleichzeitig dürfen diese die neu entstandene Sumpfwiese zur Streugewinnung behalten.»

Das Tüpfchen auf dem i
Die Burgerkorporation erzielte dank der Zurverfügungstellung der Vernetzungsfläche aber noch einen weiteren Gewinn. Diese Fläche wurde nämlich mit einem Umwelt-Punktesystem belegt. Die erhaltenen Punkte wurden in einen Pool abgelegt. Der Grundeigentümer bestimmt, bei welchen Projekten diese Punkte eingesetzt werden. Zum Zuge gekommen wäre dieses Vorgehen bei der geplanten und erst kürzlich vom Stimmvolk versenkten Verbindungsstrasse Schmerikon-Uznach. Die Punkte können aber auch anderweitig oder bei einem erneuten Verbindungsstrassenprojekt in der Gemeinde eingesetzt werden. Felix Schubiger und Corinne Abplanalp sind sich einig: «Bis zum heutigen Stand war ein intensiver Weg. Doch mit gegenseitigem Respekt ist vieles möglich.»
