System im Gleichgewicht dank regenerativer Landwirtschaft
Regenerative Landwirtschaft ist ein Prozess hin zu ganzheitlicher, naturnaher und nachhaltiger Lebensmittelproduktion. Ein Beispiel dafür ist der Hof «Z’Alpenblick» am Hirzel, der zu den «Top 50 Farmers» gehört.

Der 22 Hektaren grosse Betrieb liegt auf 750 Metern über Meer am Hirzel zwischen der Stadt Zürich und den Bergen. Der grösste Teil des Landes dient der Tierhaltung mit 13 Tiroler-Grauvieh-Müttern und ihren Kälbern, entweder reines Grauvieh oder Kreuzungen mit Stieren der schwarzen Rasse Angus. Doch nicht weniger wichtig ist die Marktgärtnerei auf 0,6 Hektaren. Der Hof ist im Besitz der Familie Schwarzenbach. Regina Schwarzenbach hat die Leitung des Betriebes inne, während ihr Mann auswärts arbeitet. Von April bis November arbeiten zwei bis drei Teilzeitangestellte mit.
Einer der «Top 50 Farmers»
Die Schweizer Agrarjournalisten besuchten den Betrieb, da er zu den Top-50-Farmern gehört, einem Netzwerk von Landwirtinnen und Landwirten, die sich vor allem für eine resiliente und regenerative Landwirtschaft einsetzen. Aus Europa zählen Landwirtinnen und Landwirte aus 22 Ländern dazu. Den Schweizer Betrieb hat die Initiative «Soil to soul» vorgeschlagen, eine Bewegung, die sich für gesunde Böden, eine regenerative Landwirtschaft und eine nährstoffreiche Ernährung engagiert. «Es sind alles Betriebe, die neue Wege suchen, die unter dem Klimawandel leiden und sagen: Wir müssen anders», erklärt Regina Schwarzenbach. Ähnlich wie die Demeter-Landwirtschaft sieht sie die regenerative Landwirtschaft als ein Netzwerk von Familie, Angestellten und der Natur. «Je vielfältiger, desto besser.» Die Vielfalt macht das Netz dichter. Ziel ist es, so wenig wie möglich in das Bodenleben und in das Wachstum der Pflanzen einzugreifen und für die Bewirtschaftung möglichst einfache Maschinen zu verwenden. Die ausschliesslich Naturwiesen werden mit einem die Insekten schonenden Balkenmäher gemäht.
Nährstoffe für den Boden
Die behornten Grauvieh-Mütter mit ihren Jungen sind so viel wie möglich auf der Weide. Sie erhalten nur Gras und hofeigenes Heu. Auf dem Betrieb wird kein Mais angepflanzt. Die Liegefläche des Laufstalls ist mit Strohpellets eingestreut. Der Mist wird im Freien kompostiert, verrottet also nicht im Stall. So ist es nicht nötig, den Mist im Stall immer wieder aufzulockern, um Luft in die Matratze zu bringen. Die Landwirtin legt Wert darauf, dass ihre Tiere in der gewohnten Umgebung ohne Stress getötet werden. In einer Boxe, welche die Tiere gut kennen und wo sie Leckerbissen erhalten, werden sie mit einem Bolzenschuss getötet und ausgeblutet. Geschlachtet werden sie beim Metzger. Das Fleisch geht entweder in den Direktverkauf oder in das Restaurant Rüsterei in Zürich.

Grosse Vielfalt an Gemüse
Marktgärtnerei bedeutet, dass das Gemüse direkt, das heisst frisch, an den Kunden verkauft wird. Besonders im Gemüsebau legt das Team des «Z’Alpenblick» Wert auf Vielfalt. So wachsen auf 0,6 Hektaren 50 Sorten Gemüse. Das Team ist innovativ. «Alles, was wir finden und bei dem wir denken, es könnte passen, bauen wir an», sagt die Gemüsegärtnerin. Zum Beispiel die Bodenkohlräbli, die Wassermelonen-Rettiche, Kalettes oder Flower Sprouts, das ist eine Kreuzung aus Rosenkohl und Federkohl, Topinambur, Asiatischer Winterspinat, Puntarelle aus Italien oder Kardy, um nur einige zu nennen. Die Kunden erhalten in der Regel jede Woche ein Gemüse, das sie noch nicht kennen. Verkauft wird alles über Abonnemente, das heisst, die etwa 100 Abonnenten bekommen jede Woche einen Gemüsekorb. Die Zusammensetzung ist vielfältig und abwechslungsreich. Vieles baut das Team im Mischanbau an. Das schützt die Pflanzen nicht nur vor Schädlingen, sondern bewirkt auch, dass diese mehr Nährstoffe enthalten als in der Monokultur. Um ein Auswaschen oder Austrocknen des Bodens zu vermeiden, achten die Gärtner darauf, dass der Boden immer bedeckt oder begrünt ist.

Vielfalt als Rückversicherung
Pflanzenschutzmittel gibt es auf dem Betrieb keine. «Wir züchten sogar Schädlinge», sagt Schwarzenbach zu den erstaunten Journalisten. Im November pflanzen sie Ackerbohnen an und locken damit Blattläuse an. «Die Bohnen sind oft schwarz vor lauter Läusen», fährt die Gärtnerin fort. Auf diese Weise locken sie Marienkäfer an, die dann bei Vegetationsbeginn im Frühling mit den Blattläusen aufräumen. «Wir haben Schädlinge, aber keinen Totalausfall», betont sie. «Die Vielfalt ist unsere Rückversicherung.» Eine grosse Hilfe beim Pflanzenschutz ist eine Gruppe von Indischen Laufenten, die freien Zugang zu den Beeten hat. Allerdings müssen die Pflanzen, welche die Laufenten auch auf dem Speiseplan haben, im Herbst mit einem Netz geschützt werden. Auch hier ist der Schutz nicht 100-prozentig. Igel helfen ebenso bei der Schneckenbekämpfung mit. Asthaufen bieten ihnen Unterschlupf. Das Team baut sogar Pflanzen an, die zwar nicht rentabel sind, aber in die Rotation passen, zum Beispiel Knackerbsen und Buschbohnen. Es braucht viel Erfahrung, um herauszufinden, wie sich Nährstoffangebot und Nährstoffbedarf im Gleichgewicht halten lassen.

Das Richtige anzubauen ist das eine, aber wichtig ist auch, dass die Arbeit effizient vor sich geht. «Jeder Griff muss sitzen», betont Schwarzenbach. Dies ist auf diesem Betrieb besonders wichtig, da die Gärtnerinnen ohne Maschinen arbeiten. Deswegen arbeitet die Betriebsleiterin nur mit gut geschulten Mitarbeitern zusammen. Ungelernte Aushilfskräfte benötigen oft mehr Zeit, als dass sie wirtschaftlich sind, erklärt sie. Sie müssen erst die richtigen Handgriffe lernen. In Stress dürfe es aber auch bei den geschulten Mitarbeiterinnen nicht ausarten.
