Schweizer Heidelbeeren: Regional, nachhaltig und beliebt
Beat Lehner aus dem thurgauischen Felben-Wellhausen ist der grösste Heidelbeerproduzent der Schweiz – in Zusammenarbeit mit vier Partnern. Vor sieben Jahren hat er auf rund acht Hektaren Land etwa 40’000 Heidelbeerstöcke gepflanzt.

In der Plantage mit endlosen Reihen von Heidelbeersträuchern herrscht emsiges Treiben. Zahlreiche Erntehelfer sind damit beschäftigt, die blauen reifen Beeren von den Sträuchern zu pflücken. «Aufgrund des sonnigen Wetters haben wir heuer mit der Ernte Anfang Juli begonnen. Im vergangenen Jahr war es rund zwei Wochen später», erklärt Beat Lehner. Der 53-Jährige hat im 2016 auf rund acht Hektaren Land etwa 40’000 Heidelbeerstöcke angebaut. Beat Lehner aus dem thurgauischen Felben-Wellhausen ist der grösste Heidelbeerproduzent der Schweiz. In diesem Jahr rechnet er mit einem Ertrag zwischen 80 und 100 Tonnen Heidelbeeren.
Firma gegründet
Nach seiner Ausbildung zum Landwirt und der späteren Weiterbildung zum Ing. HTL Obstbau an der Fachhochschule Wädenswil folgte ein Auslandaufenthalt in Holland. Dort hat Beat Lehner für einige Zeit in einer Baumschule gearbeitet. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1997 hat er mit seiner Frau Gabriela zusammen die Firma Lehner Obstbau/Baumschulen gegründet und von da an den Betrieb kontinuierlich ausgebaut. Betriebshalle und Produktionssitz sind in Felben-Wellhausen, Obstbau, Baumschulen und Heidelbeerplantagen befinden sich in der näheren Umgebung. Der im thurgauischen Braunau aufgewachsene Beat Lehner erzählt, dass er im 2014 einen Heidelbeerproduzenten aus Österreich kennengelernt habe. Durch ihn sei er auf die Idee gekommen, selber Heidelbeeren anzubauen. Beat Lehner hat dann mit vier Partnern, die ebenfalls über ein fundiertes Wissen über Heidelbeeren verfügen, die Blueberry Schweiz AG mit Sitz in Engwilen gegründet.
Beat Lehner ist Geschäftsführer und für alles Organisatorische, Personelle und den Vertrieb zuständig. Jeder der fünf Mitbeteiligten von Blueberry Schweiz AG könne sein Know-how einbringen, von dem alle profitieren könnten. «Um so etwas überhaupt professionell betreiben zu können, ist es nämlich zwingend nötig, ein breitgefächertes Wissen zusammenzutragen», äussert er sich dazu.
Beat Lehner bewirtschaftet rund 51 Hektaren Land. Davon sind nebst etwa acht Hektaren Heidelbeeren (IP-integrierte Produktion), elf Hektaren Baumschule, 20 Hektaren Apfel- und zehn Hektaren Kirschenplantagen sowie eine Ökofläche von ungefähr zwei Hektaren.
Heidelbeeren immer beliebter
Heidelbeeren seien sehr beliebt, lange haltbar, etwa drei bis vier Wochen und weitaus weniger empfindlich als alle anderen Beeren. Dies sind nur einige der Gründe, weshalb Beat Lehner überhaupt ins Heidelbeeren-Geschäft eingestiegen ist. Der innovative Geschäftsmann sah, dass die kleine Powerbeere boomt, denn Schweizerinnen und Schweizer essen immer mehr Heidelbeeren. Der Heidelbeerkonsum sei in den vergangenen Jahren bei ihnen sprunghaft gestiegen. In den USA sei dieser Trend noch viel ausgeprägter, die gesunden blauen Beeren werden dort öfters zum Backen und Kochen verwendet. England habe in Europa den höchsten Heidelbeerkonsum, dieser liege allerdings nicht auf dem Niveau der USA. Heidelbeeren sind ganzjährig erhältlich, inländische von Juli bis September.

Für Heidelbeeren besteht kein Grenzschutz, das heisst, die blauen Beeren können jederzeit zollfrei in die Schweiz eingeführt werden. Grossverteiler können sie immer in jeder beliebigen Menge günstig importieren. Hingegen existiert beispielsweise für Himbeeren ein Zollkontingent. «Trotz Auslandkonkurrenz lassen sich die Schweizer Heidelbeeren gut verkaufen», sagt Beat Lehner. Der Konsument greife für den Kauf von einheimischen Heidelbeeren gerne etwas tiefer in den Geldbeutel.
Empfindlich auf Trockenheit
Beat Lehner und seine vier Partner setzen auf Nachhaltigkeit und moderne Technologie. Die Nährstoffzugabe für die in Töpfen stehenden Heidelbeerstöcke erfolgt computergesteuert. Sie wird fein dosiert anhand der Ergebnisse aus allen zwei bis drei Wochen durchgeführten Blattkontrollen. Die Blattkontrollen werden von ausgewiesenen Heidelbeerspezialisten durchgeführt. Für die Bewässerung sorgt das Regenwasser, das in einem 8000 Kubikmeter-Wasserspeicher gesammelt wird. «Mit diesem Wasserspeicher kann eine rund dreimonatige Hitzeperiode überbrückt werden», erklärt Beat Lehner. Ein Heidelbeerstrauch brauche, je nach Wetter, etwa zwischen einem und drei Liter Wasser pro Tag. Die Pflanzen werden acht bis neun Mal täglich mittels Tröpfchen-System gewässert. Computergesteuerte Sprühdüsen gewähren eine punktuelle Wasserverteilung. Denn Wasser spielt bei dieser Pflanze eine besondere Rolle. Heidelbeeren reagieren nämlich äusserst empfindlich auf Trockenheit. Ein Heidelbeerstrauch ohne Wasser in der prallen Sonne, könne nur ganz wenige Stunden überleben. Die Wasserüberwachung erfolgt über Sensoren; in den Heidelbeerplantagen sind Wetterstationen angebracht.

Heidelbeeren benötigen ein saures Milieu des Bodens. «Der Boden sollte einen PH-Wert von etwa 5,0 haben», erklärt der Heidelbeerproduzent. Für optimale Bedingungen stehen die Stöcke in Töpfen. Beat Lehner hat nur eine Heidelbeersorte angepflanzt – «Draper» – sie ist eine frühe bis mittlere Sorte und zeigt moderates Wachstum. Hat man die richtigen Voraussetzungen geschaffen, ist die Pflege der Kulturheidelbeeren recht einfach. Die Pflanzen seien sehr widerstandsfähig, jedoch anfällig für die Kirschessigfliege. Feinmaschige Insektennetze mit Seitennetzen halten das aus Südostasien stammende Insekt von den Beeren fern und schützen zudem vor Hagel.

Von Hand geerntet
Beat Lehner beschäftigt das ganze Jahr hindurch etwa zwölf Mitarbeiter. Derzeit sind zwischen 65 und 70 Pflücker im Einsatz. Das Ernte-Personal stamme mehrheitlich aus Osteuropa. Darunter seien viele Studentinnen und Studenten, die nun Semesterferien hätten, erklärt der Heidelbeerproduzent. Die Heidelbeeren werden ausschliesslich von Hand geerntet. Zwar gäbe es Erntemaschinen, die unter anderem in Polen eingesetzt werden. Aber im Gegensatz zur Handernte werden dadurch viele Beeren beschädigt.
Die frisch geernteten Heidelbeeren werden in Plastikkisten in einem Kühlraum bei zwei bis drei Grad kurz zwischengelagert. «Jeden Vormittag holt ein Chauffeur der Tobi Seeobst AG aus Bischofszell die Beeren dort ab. Bei der Tobi Seeobst AG werden die Heidelbeeren nochmals kontrolliert und je nach Verbrauch fertig abgepackt. Von dort aus gelangen sie zu den Grossverteilern, wie zum Beispiel Migros und Coop», erklärt Beat Lehner.
Um die Qualität der Beeren zu verbessern und die Vitalität zu erhalten, werden die Sträucher im Winter geschnitten. Für die Winterschnittarbeiten werden etwa 150 Arbeitsstunden pro Hektare geleistet. Grundsätzlich sei bei Heidelbeeren nach vier Jahren ein Vollertrag zu erwarten.

Beat Lehner empfiehlt für Landwirte, die Heidelbeeren direkt vermarkten möchten, die Damm- statt Topfkultur. Diese Anbauweise sei einfacher zu handhaben, denn die Topfkultur brauche viel Technik und Überwachung. Statt den Mutterboden auszuheben, wird auf die gelockerte und unkrautfreie Oberfläche ein Damm aus Heidelbeer-Substrat aufgeschüttet. Abschliessend meint der Firmengründer und Geschäftsführer: «Heidelbeeren haben Potenzial nach oben. Dieses ist aber noch längst nicht ausgeschöpft.»
