Kanton St. Gallen mit Strategie zu mehr Biodiversität

Der Kanton St. Gallen hat am 21. Mai 2026 die neue Biodiversitätsstrategie 2026–2033 vorgestellt. Sie umfasst 18 Massnahmen, darunter sind neue Projekte wie Vernässung von Flächen und wilde Weiden. Der St. Galler Bauernverband zeigt sich skeptisch.

Landwirt Bruno Giger hat Freude an der Artenvielfalt. Das zeigt sich an der Bewirtschaftung seines Milchwirtschaftsbetriebs in Zuckenriet mit 50 Kühen. Er gibt der Biodiversität Platz, dennoch möchte er aber nicht auf produktive Bewirtschaftung verzichten. Zehn Prozent seines 28-Hektaren-Betriebs sind Biodiversitätsförderflächen (BFF). Diese Fläche hat Qualität. Giger gewann 2025 die Wiesenmeisterschaft. Neue Wege scheut der Landwirt nicht und arbeitet auch mit Naturschutzverbänden zusammen: Mit BirdLife hat er Hecken gepflanzt, mit Pro Natura einen Weiher ausgehoben und mit dem WWF eine Trockenmauer erstellt. Auch sein Waldrand weist eine hohe ökologische Qualität auf. Ein GAöL-Vertrag sichert die Bewirtschaftung. Maurizio Veneziani, Leiter Fachbereich Wald und Naturgefahren beim Kantonsforstamt, zeigte sich erfreut über die Aufwertung. Solche strukturreichen Waldränder hätten ein grosses Potenzial für die Biodiversität, da sie zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum bieten würden.

In Zuckenriet fand die Medienorientierung zur neuen Biodiversitätsstrategie des Kantons St. Gallen statt.
In Zuckenriet fand die Medienorientierung zur neuen Biodiversitätsstrategie des Kantons St. Gallen statt.

Biologische Vielfalt sichern

Beat Tinner, Regierungspräsident und Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, betonte an der Medienorientierung auf dem Lettenhof in Zuckenriet am 21. Mai die grosse Bedeutung dieser biologischen Vielfalt für den Kanton St. Gallen. Mit der neuen Biodiversitätsstrategie 2026–2033 wolle der Kanton seine Verantwortung für Natur und Landschaft weiter wahrnehmen.

Die Evaluation der bisherigen Strategie (2018–2025) habe gezeigt, dass die Massnahmen effizient umgesetzt worden seien und messbare Wirkungen erzielt hätten. Der Schlussbericht zeige aber auch, dass weiterhin Herausforderungen bestünden und Defizite behoben werden müssten.

«Wir wollen unseren Kanton als attraktiven Lebens- und Wirtschaftsraum weiterentwickeln. Dazu gehört eine intakte Natur und Landschaft. Das gelingt nur gemeinsam», sagte Tinner.

An der Umsetzung beteiligt seien verschiedene Akteure wie kantonale Ämter, Gemeinden, Wirtschaft, Grundeigentümer, Waldwirtschaft und Landwirtschaft. Die Zuständigkeiten seien in der Strategie klar definiert.

Die neue Strategie umfasst 18 Massnahmen (siehe Tabelle in der Printausgabe 22-2026 des «St. Galler Bauer» oder unter dem Link zum Strategiepapier am Artikelende). Sie sind in vier Handlungsfelder aufgeteilt: Lebensräume schützen und aufwerten; Lebensräume und Akteure vernetzen; Arten erhalten und fördern sowie Wissen verbessern und kommunizieren.

Urs Gimmi, Leiter Natur und Landwirtschaft beim Amt für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF) stellte die Massnahmen detaillierter vor. Neben bewährten Ansätzen wolle man auch neue Wege gehen. Im Vergleich zur bisherigen Strategie seien etwa Projekte wie wilde Weiden, die Vernässung von Flächen oder Windschutzstreifen neu hinzugekommen.

Urs Gimmi vom ANJF, Regierungsrat Beat Tinner, Landwirt Bruno Giger und Maurizio Veneziani vom Forstamt (von links).
Urs Gimmi vom ANJF, Regierungsrat Beat Tinner, Landwirt Bruno Giger und Maurizio Veneziani vom Forstamt (von links).

Kosten und Stellungnahmen

Für die neue Biodiversitätsstrategie rechnet der Kanton mit höheren Kosten als bisher. Die zusätzlichen Ausgaben betragen jährlich 650 000 Franken, bei der bisherigen Strategie waren es 500 000 Franken. Die bereits bestehende Vollzeitstelle beim ANJF wird weitergeführt. Wegen der angespannten Finanzlage verschiebt der Kanton jedoch die geplante zusätzliche 50-Prozent-Stelle für die Beratung landwirtschaftlicher Biodiversitätsmassnahmen vorerst.

Die Finanzen waren auch Thema in der Vernehmlassung. Insgesamt gingen 41 Stellungnahmen zur neuen Biodiversitätsstrategie ein. Während einzelne Teilnehmende die Strategie kritisierten und die Kosten als zu hoch erachten, bemängeln andere, dass für die Umsetzung zu wenig finanzielle Mittel vorgesehen seien.

Jean-Marc Obrecht, Präsident von Bird Life St. Gallen, zeigte sich mit der neuen Strategie zufrieden. Aus Sicht des Naturschutzes sei das Budget allerdings knapp bemessen. Flächenmässig bestehe ein zusätzlicher Bedarf. Ebenso wichtig sei aber, dass die Qualität der Biodiversitätsflächen gezielt gesteigert werde. Als Herausforderung sieht er zudem das Verständnis der Bevölkerung für Biodiversität. Viele Menschen seien noch nie durch eine Wiese spaziert, wo man bei jedem Schritt Schmetterlinge und ein Dutzend Heuschrecken aufscheucht. Für sie bedeute bereits eine gelb blühende Wiese intakte Natur.

Biodiversität im Siedlungsraum soll gefördert werden. Bild: Naturinfo
Biodiversität im Siedlungsraum soll gefördert werden. Bild: Naturinfo

Kritische Betrachtung

Während der Kanton mehr Biodiversität auch im Kulturland fördern will, wächst in der Landwirtschaft die Sorge vor zusätzlichen Auflagen, weniger Produktion und schleichenden Einschränkungen.

An der Medienorientierung betonte Regierungsrat Tinner mehrmals, dass die Projekte freiwillig seien. «Die Freiwilligkeit ist matchentscheidend», sagte Ruedi Thomann, Präsident des St. Galler Bauernverbands (SGBV). Die Landwirtschaft habe ihre Hausaufgaben bereits gemacht. Im Kanton St. Gallen seien rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche als Biodiversitätsförderflächen (BFF) ausgeschieden, obwohl lediglich sieben Prozent vorgeschrieben seien. «Es darf nicht noch mehr BFF geben. Wir sind gegen jede weitere Ausdehnung der Ökoflächen», sagte Thomann. Positiv beurteilt der Bauernverband hingegen, dass die Gemeinden stärker in die Pflicht genommen werden und auch im Siedlungsgebiet mehr Biodiversitätsmassnahmen umgesetzt werden sollen. Gleichzeitig fordert der Verband, dass Grünräume entlang von Strassen biodiversitätsfördernd bewirtschaftet werden müssten und nicht gemulcht werden dürften. Genau so, wie dies von der Landwirtschaft verlangt werde.

Die zusätzlichen finanziellen Mittel erachtet der SGBV als nicht notwendig. Kritisch äusserte sich Thomann auch zu den geplanten wilden Weiden und zum Vernässen von Flächen. Wilde Weiden führten langfristig zu Verbuschung und später zu Wald, sagte er. Zudem befürchte man Probleme mit invasiven Neophyten. Oft bleibe deren Bekämpfung an den Landwirten hängen. Das Vernässen der Flächen sei eine weitere Massnahme, durch die produktives Kulturland verloren gehe.

Resultate in acht Jahren

Die neue Biodiversitätsstrategie läuft über acht Jahre und ist in zwei vierjährige Etappen gegliedert. Einige Projekte wie die wilden Weiden existieren vorerst nur auf dem Papier. Dafür sucht der Kanton nun Pioniere – Landwirte wie Bruno Giger, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

 

Zur vorgestellten Biodiversitätsstrategie: Biodiversitätsstrategie Kanton St. Gallen 2026-2033

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