Wo der Samichlaus den Briefkasten leert
Fritz Beyeler aus dem thurgauischen Bischofszell ist seit über 30 Jahren Hobbyholzschnitzer. Vor 16 Jahren hat er eine baufällige Waldhütte wieder instand gestellt. Das heutige «Chlausehüsli» mit der liebevoll gestalteten Umgebung sowie den geschnitzten Figuren und Skulpturen lockt immer wieder Spaziergänger an.

«Liäbä Samichlaus, du häsch äs wunderschöns Huus», steht auf einem Zettel geschrieben. Fritz Beyeler sitzt am Tisch drinnen in diesem wunderschönen kleinen Häuschen und blättert in seinem Fotoalbum. Nebst unzähligen Momenten, die er fotografisch festgehalten hat, sind unter anderem auch Wunschzettel von Kindern im dicken Album eingeklebt. Es sind alles Erinnerungen an Begegnungen mit dem Samichlaus und an private Feste mit Familie und Freunden – hier im sogenannten «Chlausehüsli». Fritz Beyeler aus dem thurgauischen Bischofszell hat dieses verwunschene Häuschen vor einiger Zeit liebevoll restauriert und all die Holzfiguren und -skulpturen drumherum in aufwendiger Arbeit selber geschnitzt. Derzeit erfreut seine selbstgeschnitzte Weihnachtskrippe so manchen Spaziergänger beim «Chlausehüsli» im Bürgerwald am Bischofsberg – und dies noch bis zum Dreikönigstag. «Einige Kinder stecken während der Adventszeit auch ihre Briefe und Zeichnungen dem Samichlaus hier in den Briefkasten», sagt er und schmunzelt.
Der 77-jährige Hobbyholzschnitzer, der von den Kleinen oft als Samichlaus bezeichnet wird, ist fast jeden Vormittag im Bürgerwald am Bischofsberg, und dies bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Früher habe er im Auftrag der Bürgergemeinde Restholz zusammengeräumt, das er anschliessend verarbeitet habe. Unzählige Figuren und Skulpturen hat er daraus geschnitzt. Inzwischen muss Fritz Beyeler es ruhiger angehen, gesundheitliche Probleme machen ihm zu schaffen und verunmöglichen das Schnitzen sowie das aufwendige Dekorieren rund um das Häuschen. Aber die obligatorische Tasse Kaffee drinnen oder auf dem Bänkli vor dem «Chlausehüsli» gehört zu seinen Alltagsritualen.
Schnitzkurse im Lechtal
Seit über 30 Jahren ist Fritz Beyeler ein begnadeter Holzschnitzer, anfangs nur in der Freizeit, nach der Pensionierung wurde die Arbeit mit Holz zu seiner Hauptbeschäftigung. Um sich die Schnitzkunst anzueignen, hat er Kurse im Lechtal in Österreich besucht. Das Lechtal ist für seine kunstvollen Holzschnitzereien bekannt. Es ist nicht zu überhören: Fritz Beyeler war schon immer kreativ. «Ich habe früher viel gezeichnet, Plakate entworfen, Karikaturen und Bauernmalerei gemacht, Glas geritzt und alte Möbel restauriert.» Zudem hat er einst an Velorennen, Bergläufen und Triathlons teilgenommen. «Ich weiss gar nicht, wie ich das alles gemacht habe nach einem zehn- oder zwölfstündigen Arbeitstag», sagt er und lacht. Die ersten Lebensjahre hat Fritz Beyeler mit seiner Familie in Niederurnen verbracht. Danach sind Beyelers ins Luzernische gezogen. «Schon als kleiner Knirps ging ich gerne in den Wald», erinnert sich Fritz Beyeler und ergänzt, dass sein Vater Coiffeur gewesen sei. Fritz Beyeler hat Metzger und Koch gelernt. Bis zu seiner Pensionierung hat er 28 Jahre als Abteilungsleiter Mahlzeiten bei der Bischofszeller Nahrungsmittel AG (Bina) gearbeitet.

Aufträge von Kunden
Früher hat der Hobbyholzschnitzer Kundenaufträge aller Art ausgeführt. Entstanden seien vor allem beschriftete Tafeln in allen Formen und Grössen sowie Uhren und unzählige Eulen. Fritz Beyeler erzählt, dass der «Waldgeist» neben dem «Chlausehüsli» eine seiner letzten Skulpturen gewesen sei, die er angefertigt hat. Vor drei Jahren sei dieses Männergesicht entstanden. Die Tanne habe damals dem Sturm nicht standgehalten. Was letztlich übrig blieb, war der Strunk. In gerade mal drei Stunden hat er den beeindruckenden «Waldgeist» geschnitzt. Beim Schnitzen sei die Auswahl der richtigen Holzrohlinge entscheidend. Der Hobbyholzschnitzer erzählt, dass er für Tafeln immer Nussbaumholz verwendet habe. Nussbaum ist ein robustes Hartholz. Figuren und Skulpturen habe er aus Linden- und Zirbenholz geschnitzt. Linde und Zirbe sind beliebte Schnitzhölzer, da durch ihre Weichheit auch die Äste gut bearbeitet werden können.
Fritz Beyeler hat vor 16 Jahren die damals baufällige Waldhütte, die der Bischofszeller Bürgergemeinde gehört, wieder instand gestellt und ihr den Namen «s Chlausehüsli» gegeben. Unterstützt wurde er bei diesen Arbeiten damals von drei Kollegen. Bis vor Kurzem hat Fritz Beyeler das «Chlausehüsli» zu jeder Jahreszeit anders dekoriert und geschmückt, was nun leider nicht mehr möglich sei. Trotz körperlicher Einschränkungen hat er aber auch in diesem Jahr die Weihnachtskrippe zusammen mit einem Kameraden aus dem Schopf geholt und wieder aufgestellt.

Chläuse und Schmutzli kommen
Ob «s Chlausehüsli», das im Jahre 1889 gebaut wurde, einmal die alte Waldschenke gewesen sei, könne nicht eruiert werden. Aus einer Notiz der Bürgergemeinde gehe jedoch hervor, dass zumindest hier in der Nähe die alte Waldschenke gestanden hat, sagt Fritz Beyeler. Im Jahre 1919 wurde die heutige «neue» Waldschenke am Südrand des Waldes erbaut, mit Sicht auf den Alpstein und die Glarner Alpen. «Das Häuschen hier diente dann den Waldarbeitern als Aufenthaltsraum und später als Stauraum für Material. Seit der Restaurierung im Jahre 2007 steht es wieder dem Forstteam zur Verfügung.» Der Abend am Samichlaustag sei immer etwas ganz Besonderes. «Chläuse und Schmutzli kommen mit ihrem Esel hierhin. Sie holen die kleinen Säckli ab, die für die Kinder bestimmt sind, und verstauen sie in ihren grossen Jutesäcken. Danach laufen sie durch den Wald zur heutigen Waldschenke. Dort werden sie dann von Gross und Klein erwartet.» Dieser Anlass erfreue sich grosser Beliebtheit und ziehe jedes Jahr viele Leute aus nah und fern an. Zur Tradition sei es auch geworden, dass die Jäger, die jeweils im Bischofszeller Wald unterwegs sind, im Spätherbst im «Chlausehüsli» zu einem «Spatz-Essen» kommen, zu einer deftigen Suppenmahlzeit nach Art der Schweizer Armee.

Früher seien die Wälder nach einem Holzschlag aufgeräumt und die Äste verbrannt worden. Dies sei heute ganz anders. Wenn Äste, Holzreste, Blätter und Nadeln verrotten, stünden diese Nährstoffe dem Wald wieder zur Verfügung. Totholz biete vielen Insekten und Pilzen ein Zuhause. Auch würden die Wälder immer mehr ausgelichtet. «Sobald mehr Licht auf den Waldboden scheint, wachsen mehr wilde Brombeeren», bemerkt Fritz Beyeler. Nebst dem Borkenkäfer, der vom warmen und trockenen Wetter im vergangenen Sommer profitiert habe, sei auch durch den Sturm Ende August grosser Schaden angerichtet worden. Aus diesem Holz werde Bauholz produziert.
«Jede Jahreszeit hat ihren besonderen Reiz, und es gibt immer wieder Neues im Wald zu entdecken», sagt Fritz Beyeler und ergänzt, dass es ihn besonders freue, wenn auch jetzt in der Vorweihnachtszeit so viele Spaziergänger den Weg zum «Chlausehüsli» unter die Füsse nehmen.

