Videogames: Chancen nutzen und Risiken erkennen
In der öffentlichen Diskussion und in den Köpfen vieler verunsicherter Eltern werden Videospiele vor allem negativ gesehen. Zu Unrecht, wie der Medienpädagoge Florian Lippuner erklärt. Neben dem Spass profitieren Gamer auch im Alltag von spielerisch trainierten Fähigkeiten.
Es ist spät, das Zimmer dunkel, nur das blaue Licht des Bildschirms leuchtet. Überall Explosionen, zerstörte Strassen. Hinter einer Munitionskiste wird Deckung bezogen. Das Herz schlägt schneller, als die Schritte im Spiel näherkommen. Ein Klick, ein Schuss, ein Gegner fällt. Im Headset schreit jemand: «Links, links!» Drehung, Feuern, Treffer. Wieder einer. Seit Stunden hängen die Augen am Geschehen in der virtuellen Welt. Schlaf, Schule und die Wirklichkeit rücken in weite Ferne.

Sucht, Gewalt, Verlust des Zeitgefühls und andere Befürchtungen sind für viele Eltern die ersten Gedanken beim Thema Videospiele. Dass dies nicht sein muss und digitale Spiele neben Risiken auch Chancen bieten, ist die Botschaft von Florian Lippuner. Der gebürtige Werdenberger ist selbst versierter Gamer und hat sich in seinem Publizistikstudium auf Medienpädagogik und Medienpsychologie bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Mit seiner Firma gameflow.ch ist der 44-Jährige in der Erwachsenenbildung tätig, zum Beispiel in Form von Elternvorträgen oder Workshops mit Lehrpersonen oder Schulsozial- und Jugendarbeitenden.
Spielerisch für später lernen
«Bei wem gab es gestern Diskussionen wegen Gaming zu Hause?», fragt Florian Lippuner zu Beginn seines Vortrags. «Nicht nur gestern», sagte eine Mutter unter den Zuhörenden in der Stadtbibliothek Katharinen in St. Gallen. Lippuner, selbst Vater von zwei Buben, kennt die Elternperspektive zu Games. Auch wenn Streitereien um «Nur noch fünf Minuten … nur noch dieses Level» lästig sein können, erinnert er: «Games sind auch nur Spiele.» Und als solche sind sie in der menschlichen Entwicklung wichtig: «Kinder lernen in Spielen Dinge, die früher oder später von ihnen erwartet werden», sagt Florian Lippuner. Er hat sich in den letzten Jahren, unter anderem für seine Doktorarbeit, mit Gamern darüber unterhalten, wo ihnen das Videospielen etwas gebracht hat. Auch weitere Studien zeigen, dass man sich beim Gamen verschiedenste Fertigkeiten für den Alltag aneignen kann.

Wo Gamer profitieren
Das Klischee des isolierten Ego-Shooter-Spielers ist überholt. Viele Spiele fördern Teamgeist und Problemlösung durch Zusammenarbeit. Nicht zuletzt gibt es heute professionelle E-Sport-Teams. Nicht nur auf Profi-Niveau zeigen geübte Spieler blitzschnelle Bewegungen, eine beeindruckende Hand-Auge-Koordination, Motorik und Reaktionsfähigkeit. Davon profitieren die Gamer beispielsweise beim Autofahren oder im Sport. Ebenso werden Skills wie Multitasking und Prozesseffizienz gefördert. Durch das Eintauchen in virtuelle Welten kann man verschiedene Rollen erleben und sich besser kennenlernen, die mentale Vorstellungskraft und Entscheidungsfähigkeit wird trainiert. Vor allem auch dank der Möglichkeit, Spielabschnitte im Trial-and-error-Modus (Versuch und Irrtum) zu wiederholen. Dies stärkt auch die Frustrationstoleranz. Vielfach unterschätzt wird auch der kreative Aspekt des Gamens: Ob man seinen Spielcharakter mit einer auffälligen Kostümierung auftreten lässt oder Kreativität sogar zum Selbstzweck wird wie im Videospiel Minecraft, es ist vieles möglich. Spiele gibt es in allen Nischen und Themenfeldern. Eines der international erfolgreichsten Schweizer Spiele ist übrigens der Landwirtschaftssimulator.

Wann wird es problematisch?
Ein oft genannter Risikofaktor ist die vor der Konsole oder dem PC verbrachte Zeit. Dies zeigt sich auch in der Diskussion in der Zuhörergruppe. Auf einem Flipchart werden gemeinsam Risiken des Gamens gesammelt: Kinder gingen weniger nach draussen, soziale Interaktion leide, Kreativität gehe verloren, andere Interessen würden verdrängt oder Pflichten vernachlässigt. Das Thema des problematischen Gebrauchs bis zur Sucht ist allgegenwärtig. Florian Lippuner fügt der Liste finanzielle Risiken hinzu, die durch In-Game-Käufe entstehen können. Diese können durch sogenannte Dark Patterns begünstigt sein, manipulative Mechanismen, damit man Geld ausgibt oder länger spielt. Auch das Absaugen persönlicher Daten oder Cybermobbing und Cybergrooming, also Pädokriminelle, die online Kontakt zu Kindern und Jugendlichen suchen, können ein Problem darstellen. Vielen Risiken digitaler Spiele kann man jedoch entgegenwirken, indem man die jungen Videospieler begleitet, mit ihnen über mögliche Gefahren spricht – so wie im echten Leben.
Motiv ist entscheidend
Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Das sollte sich auch auf den Umgang mit Bildschirmmedien beziehen. Auch Langeweile zulassen statt Medien-Dauerbeschallung ist ab und zu nötig. Es ist wichtig, mit dem Kind gemeinsam Regeln zum Gaming aufzustellen. Am besten schaut man einmal eine Weile zu oder lässt sich das Spiel und seine Mechanismen erklären. Dabei wird klarer, was für zeitliche Regeln Sinn machen und ob das Spiel auch altersgerecht und geeignet ist für das Kind. Von allzu starren Zeitbudgets rät Lippuner ab: «Nicht jeder Tag ist gleich. Fixe Spielzeiten sind meist nicht nachvollziehbar, da Games in Levels und Runden funktionieren. Lassen Sie auch Raum für Ausnahmen.»

Florian Lippuner betont, dass nicht die Spielzeit an sich problematisch ist: «Wenn jemand stundenlang Tennis spielt, macht ihn das auch nicht automatisch süchtig.» Entscheidend ist das Motiv: Wird Gaming zur Ersatzhandlung oder zur Flucht vor Alltagsproblemen, kann es problematisch werden. Dann sollte man das Gespräch suchen. Doch Videospiele bringen auch Spass oder Entspannung. Sie geben die Möglichkeit, sich virtuell mit Kollegen nach Schulschluss zu messen oder in eine ganz andere Welt einzutauchen.
