Margreth Mock: Von Schnitzmüdigkeit keine Spur
Ziemlich genau vor 20 Jahren, im November 2004, hatte Margreth Mock schon einmal Besuch vom «St. Galler Bauer». Damals hatte sie gerade erst mit ihrer Chüelischnitzerei Fuss gefasst. Ein erneuter Besuch in Vermol zeigt: Diese Leidenschaft ist ungebrochen.
Margreth Mock ist nicht leicht zu erreichen. Dies aus zwei Gründen. Zum einen arbeitet sie zu 70 Prozent oder bei Bedarf auch deutlich mehr in der Metzgerei in Bad Ragaz. Der Weg von Vermol bis Bad Ragaz ist zwar weit, doch den nimmt sie gern für ihre Arbeit in Kauf. «Wir sind wie eine Familie», sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Andererseits hat es in Vermol oberhalb von Mels gerade frisch geschneit und das Anwesen der Familie Mock liegt etwas abgelegen.
Freude im Vordergrund
In der gemütlichen kleinen Essküche mit handgeschnitzter, passgenauer Eckbank stehen kleine geschnitzte Kühe auf dem Tisch und bald auch ein feiner Kaffee. Die Eckbank fertigte ihr Schwiegervater an. In der Stube wartet eingespannt ein angefangenes Rössli auf seinen letzten Schliff. Die Schnitzerei ist für Margreth Mock Ausgleich und Hobby, und so soll dies auch bleiben. Für die Schnitzerin steht der Spass am Handwerk im Vordergrund. Holz ist seit einem Vierteljahrhundert eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Mann Martin teilt. Während er eine eigene Zimmerei, Schreinerei und eine über 100 Jahre alte Säge – ebenfalls hobbymässig – betreibt, schnitzt sie. Dazu nutzen beide das Holz aus der Region. «Er schafft gerne mit Holz und mich hats auch erwischt», sagt sie und lacht. Holz ist ein vielseitiges Material und entsprechend vielseitig sind die Erzeugnisse, die daraus entstehen. Möbelschnitzen, Kerbschnitzen, Skulpturen und Reliefs und eben Chüelischnitzen sind für Margreth Mock mehr als ein Hobby. Sie sind eine Leidenschaft.

Im Chüelischnitzkurs
Angefangen hat sie als Kind, aber seit sie vor fast 24 Jahren in Mädris anlässlich der Jubiläumsviehschau erste selbst geschnitzte Tiere verkaufte, hat sie dieses Handwerk nicht mehr losgelassen. Insbesondere ihre Chüelischnitzkurse sind gut besucht. Im Landwirtschaftlichen Zentrum in Salez gibt sie nämlich regelmässig eintägige Kurse. Ziel ist es, am Ende des Tages ein fertiges Chüeli mit nach Hause zu nehmen. «Das ist zu schaffen», sagt Margreth Mock. «Während die einen etwas zu kämpfen haben, springt bei den anderen der Schnitzfunke über. Aber fertig wird an diesem Kurstag jedes Chüeli.» Dafür sorgt die Schnitzerin schon. Abschliessend erlernen könne man dieses Handwerk natürlich nicht in einem Tag, bestätigt sie auf Anfrage. «Aber man findet immerhin an diesem Tag sicher heraus, ob einem dieses Handwerk zusagt oder eben nicht.»

Zeichnen ist zentral
Angefangen hat alles damit, dass Margreth Mock vor 25 Jahren für ihren ältesten Sohn einen Stall mit Holztieren selber machen wollte. Wie es der Zufall wollte, war zu der Zeit gerade ein Schnitzkurs Chüelischnitzen ausgeschrieben. Diese Chance packte sie beim Schopf. Weil ein paar Kühe nicht genug waren, kamen bald Kälber dazu. Auch Katze, Hofhund, Schweinchen, Geissen und Hasen gehören doch zu einem richtigen Bauernhof dazu. Also machte sie weiter – sehr zur Freude ihrer drei Söhne. Bald begann sie, selber Tiere aufzuzeichnen, später sogar exotische Tiere: Giraffe, Kamel, Zebra, Löwe und Krokodil. Irgendwann gab es auch farbige Tiere.
Das Hobby nahm Fahrt auf. Kuhriemen und Hörner aus Leder wurden bei den Kühen und Geissen angebracht und auch ein Glöckchen durfte nicht mehr fehlen. So kam Margreth Mock immer tiefer in die Materie. Sie studierte die Bewegungen der Tiere, verinnerlichte die Anatomie und die Proportionen. «Der Körper und seine Bewegung muss schon beim Rohschnitt bedacht sein. Sobald Bewegung ins Spiel kommt, muss man sich dies genau vorstellen können. Zeichnen ist wichtig», sagt die erfahrene Schnitzerin. Aus zwei Dimensionen werden drei. Der grobe Entwurf wird aufgehängt, damit man das Ziel nicht aus den Augen verliert. Wird etwas zu viel herausgeschnitzt, dann gilt es gut zu improvisieren. Fehler bleiben unerkannt, denn das Ergebnis zählt. Zudem müsse sie immer wieder einmal einen Schritt zurücktun, eine Pause machen und dann wieder neu ans Werk gehen, erklärt die Schnitzerin.
Konzentration ist wichtig
In ihrem ersten Schnitzkurs im Tirol lernte sie: «Kopf ausschalten, Papier und Zeichenstift zur Hand nehmen und zeichnen. Nur nicht zu viel studieren, sondern einfach zeichnen.» Eine Kuh aus allen Perspektiven sollte sie zeichnen und sie habe nur gedacht: «Das schaffe ich nie.» Doch dieses Kopfausschalten habe gewirkt, erzählt sie lachend. Es hat funktioniert und so ist dies bis heute. Etwas Musik «fürs Herz» im Hintergrund und schon gelinge es ihr problemlos, die Gedanken auszuschalten und sich auf das Zeichnen zu konzentrieren und im Tun zu versinken. Alles andere ist erfahrungsgemäss gefährlich, denn die Schnitzmesser sind sehr scharf. Unschöne Unfälle mit den Messern hat es in den Kursen natürlich auch schon gegeben. Verbandsmaterial muss immer vorhanden sein.
Auftragsarbeiten und Chüeli
Den Ablauf, wie so eine kleine Kuh entsteht, den hat sie mit bearbeiteten Rohlingen für ihre Kursteilnehmenden aufgezeigt. Trotzdem gibt es in jedem Kurs schnell einmal den Punkt, an dem sich Hoffnungslosigkeit breitmacht. Dann ist die erfahrene Kursleiterin zur Stelle und im Nu ist die Begeisterung für das Werk zurück, denn manchmal fehlt gar nicht so viel und schon sieht man das Ziel wieder klarer. Selbstverständlich fertigt Margreth Mock auch Auftragsarbeiten. So hat sie im vergangenen Jahr für einen Kinderhort eine Eule (Schutztier der Nacht) und eine Taube (Schutztier des Tages) geschnitzt. Beide zieren nun farbig gestaltet den Eingangsbereich und erfreuen alle, die dort ein und aus gehen. Die Freude der Auftraggebenden über das Werk ist für Margreth Mock wie ein Teil des Lohnes für diese Arbeit.
Die kleinen Chüeli entstehen weiterhin nebenher, denn sie werden immer wieder verkauft. So ist nachvollziehbar, dass Margreth Mock nicht sagen kann, wie viele Chüeli sie pro Jahr fertigt. Eines ist jedoch klar: Jedes Bauernhoftier ist ein Unikat und mit Freude gefertigt.

