Trockenheit 2026: Fachpersonen geben Antworten
Waldbäume färbten sich schon im Juli braun, Gewässer haben rekordtiefe Wasserstände: Der Sommer 2026 war extrem trocken und heiss. Erklärungen gab es viele, Fragen gibt es nach wie vor. Fachpersonen geben Antworten.
Experten und Expertinnen von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) befassen sich mit der aktuellen Wetterlage und antworten auf häufige Fragen.

Wie aussergewöhnlich ist die Situation diesen Sommer?
Die Situation ist sehr aussergewöhnlich. Wir beobachteten schon im Juli in der Schweiz an vielen Flüssen rekordtiefe Messwerte. Der Aabach im Kanton Luzern hatte so tiefe Wasserstände wie noch nie seit Start der Aufzeichnungen und der Füllstand des Hallwilersees war so tief wie noch nie im Juli. In der Schweiz lagen die Niederschläge insbesondere im Mittelland deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Gleichzeitig sind Temperaturen häufig über dem üblichen Wert in dieser Jahreszeit. Statistisch gesehen, lagen die Werte gegen Ende Juni in einem Bereich, der alle zwei bis alle zehn Jahre vorkommt – teilweise auch seltener. Die Auswirkungen zeigen sich unter anderem in den trockenen Böden, in den tiefen Wasserständen von Gewässern und Grundwasser. Die Situation hat sich seit Mitte Juli weiter verschärft.
Die Trockenheit wird durch eine Kombination mehrerer Faktoren verursacht: geringe Schneefälle in den Alpen während des Winters, deutlich unterdurchschnittliche Niederschläge in Mitteleuropa seit April sowie mehrere ausgeprägte Hitzewellen, die nahezu den gesamten Alpenraum betroffen haben.
Wo ist die Situation am schlimmsten, wo etwas weniger?
Auf der nationalen Trockenheitsplattform des Bundes zeigt sich, dass der grösste Teil der Schweiz von einer extremen Trockenheit betroffen ist. Zwar konnten die Alpenregionen noch bis vor Kurzem etwas von der Schneeschmelze profitieren. Da jedoch auch diese in diesem Jahr spärlich ausgefallen ist, ist es auch in Bergbächen aussergewöhnlich trocken für diese Jahreszeit.
Kann man von einer Dürre sprechen?
Von Trockenheit reden wir bei einer Periode mit deutlich unterdurchschnittlichem Niederschlag, die zu Wasserdefiziten im Boden, in Gewässern und in Grundwasserführungen führt und damit die natürlichen und die menschlichen Systeme beeinträchtigt. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten von Trockenheiten unterschieden, die sich in ihrer Entstehung und Auswirkungen unterscheiden. Man spricht von meteorologischer, landwirtschaftlicher oder hydrologischer Trockenheit. Hält eine Trockenheit über längere Zeit an, wie derzeit seit mehr als vier Monaten, spricht man in einem Klima wie dem der Schweiz von einer Dürre.
Wie lange und heftig müsste es regnen, damit wieder Normalität einkehren würde?
Kurzzeitige Niederschläge verbessern die Situation nur teilweise. Oberflächengewässer reagieren schnell auf Regen, Grundwasser und tiefe Bodenschichten benötigen hingegen eine längere Regenerationszeit. Für eine nachhaltige Entspannung braucht es also länger anhaltende und grossflächige Niederschläge. Diese sollten nicht zu intensiv sein, da es sonst lokal auch zu Oberflächenabfluss und Überschwemmungen kommen kann.
Welche Auswirkungen gibt es für das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung?
Lang anhaltende Trockenphasen wie diese beeinflussen auch die Grundwasserstände. Diese reagieren in der Regel zwar nur langsam. Hält ein Niederschlagsdefizit jedoch lange genug an, können Grundwasserpegel absinken. Tiefe Grundwasserstände können sich negativ auf Quellschüttungen und damit die Menge an Wasser auswirken, welche für die Trinkwasserversorgung zur Verfügung steht. Die aktuelle Wasserverfügbarkeit kann die Nachfrage nicht vollständig decken. Dies ist die Definition von Wasserknappheit.
Hat die Trockenheit auch Folgen für die Stromversorgung?
Die aktuelle Trockenheitsperiode stellt für die Schweizer Stromversorgung derzeit keine Bedrohung dar. Zwar füllen sich die alpinen Speicherseen langsamer als üblich und zwei von vier Schweizer Atomkraftwerken (AKW) mussten aufgrund der hohen Wassertemperaturen zeitweise ihre Leistung drosseln oder vorübergehend vom Netz genommen werden. Gleichzeitig erweist sich der seit 2020 rasch fortschreitende Ausbau der Photovoltaik als wertvoller Beitrag zur aktuellen Stromversorgung.
Auch mit Blick auf den kommenden Winter, wenn die Stromnachfrage ihren saisonalen Höchststand erreicht, bestehen derzeit keine akuten Anzeichen für eine kritische Versorgungslage. Zwar schreitet die Auffüllung der Speicherseen langsamer voran als in durchschnittlichen Jahren, die Speicherstände steigen jedoch weiterhin.
In einer unserer neusten Studie zeigen wir exemplarisch, dass ein Energiemix aus verschiedenen erneuerbaren Energiequellen einen wesentlichen Beitrag zu einer resilienten Elektrizitätsversorgung leisten kann. Die unterschiedlichen Energiequellen ergänzen sich sowohl saisonal als auch wetterbedingt:
- In sonnigen und trockenen Sommerperioden übernimmt die Photovoltaik einen grossen Teil der Stromproduktion.
- In niederschlagsreichen Perioden steht der Wasserkraft mehr Energie zur Verfügung.
- Im Winter könnte die Windenergie einen wichtigen Beitrag leisten, da ihre Produktion häufig dann hoch ist, wenn die Solarstromerzeugung gering ausfällt.
Obwohl Windkraft gerade im Winterhalbjahr wertvolle Beiträge zur Stromversorgung leisten könnte, fehlt in der Schweiz derzeit die gesellschaftliche Akzeptanz für einen raschen Ausbau.
Kann man Gewässer vor dem Vertrocknen schützen?
Standortabhängig wird auf bestimmte Wassernutzungen verzichtet, um mehr Wasser im natürlichen Fliessgewässer zu belassen – etwa durch Bewässerungsverbote für die Landwirtschaft. An der Emme (BE/SO) beispielsweise wird Wasser für den Betrieb von Kleinwasserkraftwerken ausgeleitet. Fehlt dieses Wasser im natürlichen Gewässer, sind die Auswirkungen auf die aquatische Lebensgemeinschaft unmittelbar spürbar. Solche Beispiele gibt es auch für weitere Sektoren der Wasserwirtschaft.
Können wir Regenüberschüsse aus regenreichen Jahren nicht einfach für Trockenperioden speichern?
Bei den Seen im Kanton Bern wurde eine Wasserreserve aufgebaut, weshalb die Wasserstände derzeit für diese Jahreszeit überdurchschnittlich hoch sind. Setzte man jedoch präventiv jedes Jahr auf diese Reserve, nähme die Hochwassergefahr zu, da die Seen dann immer einen höheren Wasserpegel hätten und weniger Kapazität, um Schneeschmelze und grosse Niederschlagsmengen aufzunehmen.
Die Bewirtschaftung der Speicherseen in der Schweiz ist heute darauf ausgerichtet, Wasser aus dem Sommer in den Winter zu transferieren, um die Stromnachfrage in der kalten Jahreszeit zu decken. Entsprechend sind die Speicher im Frühjahr oft weitgehend entleert. Bleiben danach die Niederschläge aus und liegt zudem wenig Schnee im Einzugsgebiet, steht nur wenig Wasser zur Verfügung, das zur Bekämpfung der Trockenheit genutzt werden könnte. Hinzu kommt, dass das aktuelle Interesse der Wasserkraftbetreiber darin besteht, die Speicherseen für den kommenden Winter wieder zu füllen, und nicht darin, fehlende Niederschläge im Mittelland auszugleichen, indem sie mehr Wasser in Flüsse fliessen lassen.
Kann es dann passieren, dass wir Wasser rationieren müssen?
In der Schweiz fehlt heute eine umfassende Übersicht, wann, wo und wie viel Wasser aus natürlichen Gewässern entnommen wird. Zudem gibt es bislang keine offizielle Priorisierung der verschiedenen Wassernutzungen, die bei Wasserknappheit regeln würde, wie das verfügbare Wasser verteilt werden soll. Die Gewässerhoheit liegt in den meisten Fällen bei den Kantonen, mancherorts bei den Gemeinden. Eine nationale Wasserstrategie befindet sich im Anfangsstadium der Ausarbeitung.
Was kann ich als Privatperson tun?
Nehmen wir an, eine Gemeinde hat eine oder zwei Quellen und keinen Zugriff auf einen Fluss oder See. Hier braucht es bei Trockenheitsphasen ein gutes Wassermanagement. Zum Beispiel riefen einige Gemeinden dazu auf, den Swimmingpool nicht mehr zu füllen, das Auto nicht mehr zu waschen oder die Rasenflächen nicht mehr zu bewässern. So können individuelle Massnahmen etwas bewirken. In den letzten Jahren hat es auch Bestrebungen gegeben, Wasserversorgungssysteme einzelner Gemeinden besser zu vernetzen. Aber das braucht auch Zeit. Im Wallis zum Beispiel haben manche Gemeinden schon vor zehn Jahren angefangen, ihr lokales Versorgungsnetz zusammenzulegen.
Erwarten Sie, dass Sommer wie dieser künftig zur Regel werden?
Die Häufung solcher Ereignisse macht sich seit den frühen 2000er-Jahren bemerkbar und hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Die Klimasimulationen zeigen für die Zukunft eine Häufung und Intensivierung von Trockenperioden. Berücksichtigt man den massiven Rückgang der Gletscher sowie der Schneedecke, wird deutlich, dass wir wichtige Wasserspeicher verlieren. Diese konnten bisher insbesondere in trockenen und heissen Perioden ausbleibende Niederschläge teilweise kompensieren. Der vergangene Frühling und dieses Jahr sind Vorboten dessen, womit wir in Zukunft häufiger rechnen müssen.
Die aktuelle Trockenheit hat drei Hauptursachen: ein Schneedefizit im Winter, einen starken Niederschlagsmangel im Frühling und Sommer sowie eine starke Verdunstung wegen der Hitzewelle. Alle diese Faktoren werden vom Klimawandel beeinflusst: Sommerniederschläge und Schneeschmelze gehen weiter zurück. Das heisst, dass wir in Zukunft vermehrt mit Trockenheitsereignissen wie dem diesjährigen rechnen müssen.
* Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft
