Appenzeller Tracht stiftet seit 100 Jahren Identität

Die Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Als Obmann setzt sich Jakob Knöpfel für Traditionen und Brauchtum ein. Dabei denkt er aber auch an die nächste Generation. Freude vermitteln und Bewährtes mit Neuem verbinden, das will auch Angelika Krüsi als Tanzleiterin.

Trachten verkörpern Stolz, Identität und Heimat. Bild: zVg.
Trachten verkörpern Stolz, Identität und Heimat. Bild: zVg.

Lüpfige Musik hallt aus dem Musikzimmer der Schulanlage Au in Urnäsch. «Eins, zwei, drehen, vorwärts», ertönt eine kräftige Stimme. Schritte sind auszumachen, schnellere und langsamere, es wird gestampft und geklatscht. Dazwischen ist immer wieder Gelächter zu hören. Es ist Dienstagabend, die Zeit, wo die Jugendtrachtentanzgruppe Urnäsch am Proben ist.

Grosses Fest

«Die Freude der Jugend ist unsere Zukunft», sagt Jakob Knöpfel, Obmann der Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden. Und genau diese Freude wird am Auffahrtstag, am 14. Mai, in Speicher gefeiert, wenn es heisst: 100 Jahre Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden. Der Jubiläumsanlass startet um zehn Uhr mit einem Festgottesdienst in der evangelischen Kirche, am Nachmittag wird die traditionelle Jahresversammlung durchgeführt.

«Wir vertreten die Ausserrhoder Tracht und das Brauchtum», erklärt Jakob Knöpfel die Aufgabe der Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden, deren Dachverband die Schweizerische Trachtenvereinigung ist. Zum Brauchtum, das im Appenzellerland stark sennisch-bäuerlich geprägt ist, werden auch das Volkstheater, Volkslieder und der Volkstanz gezählt, ergänzt der 59-Jährige. «Früher wurde auch noch vermehrt auf die Pflege des Dialekts wert gelegt. Doch von dem ist man etwas weggekommen.»

Die Tracht und das «Öberefahre» gehören zum Leben von Obmann Jakob Knöpfel. Bild: zVg.
Die Tracht und das «Öberefahre» gehören zum Leben von Obmann Jakob Knöpfel. Bild: zVg.

Zur Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden gehören aktuell rund 433 Einzelmitglieder, verschiedene Kollektivmitglieder, die Trachtengruppen Urnäsch, Schönengrund und Schwellbrunn, der Trachtenchor Heiden sowie der Jodlerclub Alpeblueme Herisau.

Mundartrock trifft Volkstanz

Die Trachtengruppe Urnäsch wie auch die Jugend- und Kindertrachtentanzgruppen werden von Angelika Krüsi aus Urnäsch geleitet. Wenn die 34-Jährige vom Tanzen spricht, nutzt sie Ausdrücke wie gewöhnliche Fassung, Tanzrichtung, Walzerschritte, Hüpfer oder Galopp. Im Schweizer Volkstanz haben Figuren, Fassungen und Schritte einen Namen. In Tanzbeschreibungen werden diese oftmals mit einem Zeichen oder einer Erklärung ersetzt. «Die Tanzbeschreibung zeigt mir genau, wie ein Tanz zu tanzen ist. Schritte, Fassung und Figuren dürfen nicht abgeändert werden», erklärt Angelika Krüsi. Für sie lassen Tanz, Gesang und Musik Tradition aufleben. «Dabei soll man Modernes zulassen, ohne dabei den Respekt dem Alten gegenüber zu verlieren.» Diese Kombination ist der Tanzleiterin an der Unterhaltung der Trachtengruppe Urnäsch im Februar gelungen. Die Erwachsenen tanzten zum Mundartrocksong «Traktor» von Trauffer. Den etwas moderneren Tanz hat Anglika Krüsi selber geschrieben.

Strahlende Gesichter nach dem «Traktor»-Tanz an der Unterhaltung. Bild: zVg.
Strahlende Gesichter nach dem «Traktor»-Tanz an der Unterhaltung. Bild: zVg.

Wissen vermitteln

Jakob Knöpfel war von dieser Vorstellung begeistert. Er unterstützt es, wenn Neues gewagt wird. «Wir müssen Tradition, Gegenwart und Zukunft unter einen Hut bringen», sagt er. Ihm sei bewusst, dass heute eine etwas andere Zeit sei und auch die Vereinstätigkeit der Leute eher bescheiden, ergänzt er. «Doch dem wollen wir Gegensteuer geben, indem wir die Jungen fördern, ihnen Sorge tragen und schauen, dass die Freude bleibt.» Als Beispiel nennt er die Jungmusikanten-Stobete am 25. Oktober in Schwellbrunn. Selber lebt der Hundwiler das Brauchtum mit Überzeugung und Leidenschaft. Als Landwirt ist er jahrzehntelang mit seiner Familie sennisch «öbere gfahre» und hat den Sommer auf der Alp Obere Hundslanden im Innerrhodischen verbracht. Heute hilft er seinem Sohn, der den Brauch weiterführt. Auch kennt man Jakob Knöpfel nur in den «Überhosen» oder in der Tracht. «Wenn ich ausgehe, trage ich die braunen Hosen und den beschlagenen Hosenträger.» Er legt Wert darauf, dass die Tracht korrekt angezogen ist.

Wissen vermitteln gehört auch zu den Aufgaben der Trachtenvereinigung. So sind beispielsweise bei Frauentrachten die Rocklänge, die Schnitte oder welche Bluse zu der jeweiligen Tracht passt, vorgeschrieben. Über neue Stoffe entscheidet die Trachten- und Materialkommission der Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden. Als Anlaufstelle und bei Fragen zur Ausserrhoder Tracht nennt der Obmann die Trachtenstube in Teufen. Für ihn wie auch für Angelika Krüsi bedeutet die Tracht Herkunft und Identität. Und mit der Tracht sei man nie falsch angezogen, sagen beide. Für Angelika Krüsi ist ihre Toggenburger Tracht auch die Verbindung zu Oberhelfenschwil, wo sie aufgewachsen ist.

Disziplin und Heimatgefühl

Marlis, Marlen, Jasmin, Elin, Anina, Nina, Selina, Mirabella und Julian tragen in der Probe der Jugendtrachtentanzgruppe Jeans und Pullover. Getanzt wird in den Socken. Dabei wird viel gelacht, aber auch konzentriert zugehört, wenn die Leiterin neue Tanzschritte oder Figuren erklärt. Zurzeit übt die Gruppe den Volkstanz «Aliwander» sowie den «Maitli Schottisch». Diesen werden sie am Jubiläumsanlass in Speicher einem grossen Publikum vorführen. Bei Auftritten tragen die Tänzerinnen und Tänzer ihre eigenen Trachten. «Ich bin stolz auf meine eigene Tracht und ziehe sie gerne an», sagt die 15-jährige Jasmin. Die zwölfjährige Leandra schwärmt von lässigen Auftritten, obwohl sie immer etwas Lampenfieber habe.

Auch Angelika Krüsi ist stolz, wenn die Jugendlichen ihre Tracht tragen. «Sie verhalten sich dann diszipliniert.» In Freizeitkleidung gebe es mehr Rambazamba, und es werde auch mehr geschwatzt, weiss die Tanzleiterin und verrät, dass es bei den Erwachsenen genauso sei. Für sie ist klar, einer Tracht muss man Sorge tragen und sich angemessen verhalten. «In der Tracht repräsentiert man seine Heimat», sagt sie.

 

Aus der Geschichte

1925: Paul Tanner, ein Herisauer Zeichner, Maler, Grafiker, Illustrator und Kunstgewerbler, erhält vom kantonalen Heimatschutz den Auftrag für eine neue Frauentracht, da die alte Tracht schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gänzlich verschwunden war.

1926: Aus dem Heimatschutz wird die Trachtenvereinigung Appenzell Ausserrhoden in Speicher gegründet.

2026: Am 30. Mai startet im Brauchtumsmuseum Urnäsch die Ausstellung über die Appenzeller Frauentrachten. Auch wird ein neues Schweizer Trachtenbuch veröffentlicht.

2027: wird ein Ausserrhoder Trachtenbuch erscheinen, unter anderem mit Pflegeanleitung der Stoffe wie auch Möglichkeiten des Kombinierens.

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